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Hurra, wir fahren zum Boykott! (3)
Einen wunderschönen guten Morgen! Manch einer hält das gute alte Boykottieren für einen Hauch von Freiheit. So wie wählen gehen, irgendwie Bürgerpflicht. Nun, die Stimme gibt man ab, beim Boykott zieht man sich in den Schützengraben zurück und wartet ab. Fußballweltmeisterschaften wurden von Nationalteams und Verbänden allerdings schon immer boykottiert.
1950 sagten die Inder Nein zur Brasilien-WM. Die Truppe kickte schuhlos, nur mit Socken, die kurz vor den Zehen abgeschnitten waren. So waren sie bereits bei den 14. Olympischen Sommerspielen 1948 in London unterwegs, wo sie im Achtelfinale im Cricklefields Stadium Ilford gegen Frankreichs Amateure mit 1:2 verloren. Für Indien, erst seit einem Jahr unabhängig, war es das erste Fußballländerspiel überhaupt. Der Siegtreffer für die Asterixe fiel erst in der letzten Minute. Die Inder, mit ihren Stars K. V. Varadaraj (Tor) und Sailen Manna (Abwehr), hatten ein tolles Spiel gemacht. Varadaraj spielte u. a. für einen der ältesten Vereine Asiens, den Mohun Bagan AC in Kolkata. Bei den Asienspielen 1951 gewann er mit Indien die Goldmedaille. Manna kickte für denselben Klub. Bei Olympia 1952 war er Indiens Kapitän. 2000 wurde er von der All India Football Federation (AIFF) zum Spieler des Millenniums gekürt. Im Stadion von Mohun Bagan bestritt Vizeweltmeister Oliver Kahn 2008 vor 120.000 Zuschauern sein letztes Spiel für den FC Bayern.
Für die WM-Qualifikation Asiens sollte Indien gegen Indonesien, die Philippinen und Birma spielen. Alle drei weigerten sich anzutreten und Indien qualifizierte sich direkt. Doch auch Indien zog zurück. Die WM wurde dort als »unwichtig« eingestuft. Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Indien spielte bis heute nie eine Fußball-WM. Ein Riesenmarkt für die FIFA, die freilich davon träumen kann, dort eine WM auszurichten. Auf Bangladesch sind Infantino und seine Jünger auch ziemlich scharf. Sicher hätten sie auch nichts gegen Malaysia einzuwenden. Auch die ewigen Schulversager aus Schottland zogen 1950 zurück. Sie würden nur als Britannischer Champ anreisen, verloren jedoch gegen England. Was sollte man dann noch in Brasilien herumeiern?
Nur wo FIFA draufsteht, ist auch FIFA drin. Die Qualifikation für die WM 1958 in Schweden verlief ebenfalls nicht problemlos. Die Funktionäre in Zürich hatten Israels Auswahl als asiatisches Team kategorisiert, so wie heute Australien. Die Israelis sollten dann in der Quali gegen Konkurrenten aus Asien und Afrika antreten. Ihre potentiellen Gegner hatten kein Interesse daran. Die Türkei, Indonesien, Ägypten, der Sudan – alle weigerten sich aus »politischen Motiven«. (Noch heute dürfen iranische Sportler nicht gegen israelische antreten. Sie werden zum Boykott genötigt.) Damit war Israel qualifiziert, ohne gegen einen Ball getreten zu haben. Praktisch, aber nicht theoretisch. Denn das FIFA-Regelwerk untersagte allen Nationen, die nicht entweder Gastgeber oder Titelverteidiger waren, die Qualifikation zu einer WM, solang nicht wenigstens ein Spiel bestritten wurde. Und so kam es, dass Israel gegen das am wenigsten schlechte nichtqualifizierte europäische Team, in diesem Falle Wales, antreten musste. Die Waliser gewannen beide Matches, zunächst in Tel Aviv, dann in Cardiff, mit 2:0. Bei ihrer ersten WM-Teilnahme erreichten die Waliser unbesiegt das Viertelfinale (in einem Entscheidungsmatch auf dem Weg dahin eliminierten sie Vizeweltmeister Ungarn) und verloren in Göteborg gegen Brasilien mit 0:1 (das erste WM-Tor des 17jährigen Pelé).
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