China jongliert mit dem Ölmarkt
Die Volksrepublik konnte ihre Ölimporte zum Jahresbeginn halbieren, ohne in die Rezession zu fallen
Die Spritpreise in der Bundesrepublik schossen in die Höhe, die Ölkonzerne machten riesige Gewinne: Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der USA und Israels gegen Iran mit der darauf folgenden Sperre der Straße von Hormus hat den internationalen Ölmarkt ins Wanken gebracht – vor allem aber den ärmeren Teile der Weltbevölkerung geschadet. Das kapitalnahe Ifo-Institut errechnete am Montag einen Verlust von knapp drei Prozent des verfügbaren Einkommens für das ärmste Zehntel der Privathaushalte in der Bundesrepublik. In anderen Teilen der Welt, vor allem jenen des globalen Südens, dürften die Folgen noch weit drastischer ausfallen – und sie werden erst jetzt langsam spürbar, wo sich eine Öffnung der Meerenge zwischen dem Iran und Oman anbahnt.
Während die Golfmonarchien ihren Export durch Pipelines um täglich fünf Millionen Barrel Rohöl steigerten, gaben die USA und Japan zwei Millionen Barrel pro Tag aus strategischen Reserven frei. Das konnte die Ölpreisentwicklung im Rahmen halten und führte, trotz drastischer Einbußen für die lohnabhängige Bevölkerung weltweit, nicht völlig zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Wer nicht über eigene Rücklagen verfügte, war gezwungen, den Handel mit Kraftstoffen einzuschränken, und doch es hätte noch schlimmer kommen können. Dass es nicht so kam, geht vor allem auf den strategischen Umgang der Volksrepublik China im Ölgeschäft zurück.
Ohne viel Aufsehen hatte China zum Jahresanfang seine Ölimporte halbiert, was allein einen Rückgang von 5,5 Millionen Barrel pro Tag bedeutete und den Preisauftrieb um 30 US-Dollar oder mehr pro Barrel der Referenzsorte Brent verhinderte, schätzte der britische Economist am Montag. Zum Vergleich: Während die Weltwirtschaft zur Coronapandemie weltweit durch Lockdowns heruntergefahren wurde, war die globale Ölnachfrage um insgesamt neun Millionen Barrel pro Tag eingebrochen. China verzichtete nun auf knapp die Hälfte davon. Doch China steht nicht vor einer Rezession: Zwar wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal mit 4,3 Prozent auf dem niedrigsten Niveau seit 2022, doch bedeutet das eine Konjunktur, die bei Unternehmen und Politik in der Bundesrepublik Jubelstürme auslösen würde.
Insgesamt hält sich der Schaden des Ölpreisschocks für China in deutlichen Grenzen, auch weil die Volksrepublik jahrelang einen rasanten Aufbau bei erneuerbaren Energien und elektrifiziertem Verkehr vollzogen hat. Auch geht der »Rückgang« des Wachstums nicht etwa auf ausbleibende Öllieferungen zurück, sondern liegt ursächlich in einer schwächeren Binnennachfrage und Nachwirkungen der schweren Immobilienkrise. Anfang des Jahres habe sich China günstig 200 Millionen Barrel gesichert und damit »seine ohnehin schon üppigen Reserven von einer Milliarde Barrel weiter aufgefüllt«, heißt es im Economist.
Erst Ende April fing China an, die Rücklagen anzuzapfen. Der Großteil sei aus kommerziellen Beständen erfolgt, so das britische Wirtschaftsmagazin, »gehalten von den auf Gewinn ausgerichteten Lagerhaltungssparten großer Ölkonzerne«. Vom Zeitpunkt, als die letzten, noch vor dem Angriff gegen Iran georderten Lieferungen aus der Golfregion eingetroffen seien, habe China bis Juli auf insgesamt 150 Millionen Barrel davon zurückgegriffen – 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Allein das Lagermanagement könnte demnach für 2,5 Millionen Barrel der um insgesamt 5,5 Millionen Barrel pro Tag gedrosselten Einfuhren verantwortlich sein. »China könnte dieses Vorgehen noch weitere vier Monate fortsetzen, bevor sich die Führung in Beijing Sorgen über unangenehm niedrige Lagerbestände machen müsste«, heißt es im Economist.
China sei offenbar fähig, die Ölnachfrage ohne große wirtschaftliche Einbußen »nach Belieben zu drosseln oder anzukurbeln«, heißt es weiter. Die Volksrepublik habe dadurch mittlerweile erheblichen Spielraum, die weltweiten Ölpreise zu beeinflussen. Das war jahrelang den Staaten des OPEC-Ölkartells vorbehalten, welche die Kontrolle über die Hälfte der weltweiten Fördermenge ausüben konnten. Mit dem Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate sei die Gruppe nun geschwächt, China gehe gestärkt daraus hervor. Der Economist geht sogar noch weiter: »China ist die neue OPEC.«
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