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Haben Sie sich mehr Rückhalt erhofft?
Nach den Vorwürfen gegen eine Neuköllner Wahlkampfveranstaltung beugt sich die Linke-Führung dem medialen Druck, sagt Dahabflex
Ihr Auftritt bei einer Wahlkampfveranstaltung von Die Linke Neukölln ist zum Aufhänger geworden, um gegen links auszuholen. Angeführt werden Zeilen aus einem Ihrer Tracks: »Yalla, Yalla Intifada, Westbank, Palästina, Gaza« und »Death to the IDF«. Medien wollen darin »Gewaltaufrufe gegen Israel« erkennen. Wie kam Ihr Auftritt vor Ort an?
Wir müssen darüber sprechen, was ich überhaupt mit dem Begriff meine. Das wird ja immer außen vor gelassen. Unter Intifada verstehe ich den Widerstand gegen Besatzung und Unterdrückung. Das entspricht auch der arabischen Bedeutung des Worts, »abschütteln«. Das ist nicht gleichbedeutend mit Gewalt gegen Zivilistinnen und Zivilisten. Es bedeutet das Abschütteln der Besatzung. Dementsprechend kam das im palästinasolidarischen Neukölln sehr gut an. Nicht, weil die Leute Gewalt an Zivilisten befürworten oder Judenhasser sind, sondern weil sie den Widerstand gegen die völkerrechtswidrige Besatzung und gegen den Genozid unterstützen. Dieser Widerstand kann übrigens auch Streiks, Demonstrationen, Boykott, zivilen Ungehorsam und andere Formen von politischem Widerstand umfassen. So war es auch in der ersten Intifada (1987–1993, jW). Wenn ich von Intifada spreche, rufe ich nicht zur Tötung von israelischen Zivilisten oder zu antisemitischer Gewalt auf. Es ist außerdem rassistisch, einem arabischen Begriff eine zwangsläufig gewalttätige Bedeutung zuzuschreiben und alle anderen Perspektiven, Bedeutungen und historischen Kontexte auszublenden. Aber ich kann es auch auf Kurdisch, Serhildan, sagen. Oder auf Deutsch: Lang lebe der palästinensische Widerstand.
Ähnliche Verdrehungen kennt man von dem Slogan »From the river to the sea«. Wie sieht es mit der Zeile »Death to the IDF«, also »Tod dem israelischen Militär«, aus?
Zunächst: Wir sprechen hier von Songs. Das sind keine politischen Wahlprogramme oder Manifeste. Rap lebt auch von Überspitzung. Abgesehen davon: Es ist komplett absurd, dass die Parole »Death to the IDF« jetzt als Tötungsaufruf gegen individuelle Menschen gedeutet wird. Selbstverständlich meine ich die Institution. Eine Institution, die mitverantwortlich ist für einen Genozid, die Hunger als Waffe benutzt, die gegen Völkerrecht verstößt. Wenn ich diese Institution kritisiere, vielleicht auch mit einer Überspitzung, dann heißt das trotzdem nicht, dass ich will, dass man israelische Soldaten tötet. Es ist absolut ätzend.
CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers spricht jetzt von »Antisemitismus«, SPD-Frontmann Steffen Krach von »Israelhass« – die üblichen Verquickungen von Israelkritik und Antisemitismus. Wie reagieren Sie auf derartige Vorwürfe?
Ich lasse mich von diesen Leuten nicht einschüchtern, auch nicht von den Medien, die jetzt gegen mich berichten. Dieselben Leute, die mir »Antisemitismus« vorwerfen, sind die, die mit ihrer Berichterstattung und ihrer Politik einen Genozid unterstützt haben. Das gibt mir Kraft und Treibstoff für meine Musik. Im Grunde instrumentalisieren CDU, SPD und Grüne Antisemitismus, um bessere Wahlergebnisse zu erzielen. Und die Medien tun alles, um zu verhindern, dass Die Linke gut abschneidet.
Eine Front gegen links. Was ist Ihre Verbindung zur Linkspartei?
Ich bin kein Parteimitglied, unterstütze aber Die Linke bei den Wahlen.
Linke-Landeschefin Kerstin Wolter hat sich »stinksauer über den Liedtext« gezeigt und »Konsequenzen« gefordert. Auch Spitzenkandidatin Elif Eralp hat den Auftritt verurteilt. Hätten Sie sich da mehr Rückhalt gewünscht?
Auf jeden Fall. Es ist traurig, wie schnell man sich von mir distanziert hat, ohne mich je zu fragen, wie ich die Aussagen überhaupt meine. Vor allem: Ich wurde eingeladen. Ich gehe da hin. Ich versuche, denen was Gutes zu tun. Und wenn medialer Druck entsteht, wird man den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Es ist traurig, dass Teile der Parteiführung das Narrativ der Medien unhinterfragt übernehmen, statt die Berichterstattung kritisch zu hinterfragen, die sowieso negativ gegenüber der Linken ist.
Die Veranstaltung lief übrigens länger als zwei Stunden und es wurde viel mehr thematisiert als der Genozid in Gaza, zum Beispiel Schulen, Armut, Geflüchtete und vieles mehr. Ich habe insgesamt acht Lieder gespielt. In einem der Lieder fällt die Zeile »Yalla, Yalla Intifada«. Nur wenige Zeilen später sage ich wortwörtlich: »Wir sind keine Antisemiten / Millionen Menschen vertrieben / Deshalb fordern wir Frieden.« Das wird in der Presse komplett ausgeblendet. So entsteht ein Bild, das nicht der Realität entspricht. Und wenn der Bezirksverband Neukölln und ich von der Parteispitze auf Grundlage dieser Darstellung öffentlich kritisiert werden, wird dieses Bild ja sogar noch verstärkt.
Handelt die Linke-Führung so, weil sie ins Rote Rathaus will?
Das ist meine Interpretation. Man lässt sich zu sehr von bürgerlichen Medien unter Druck setzen. Elif Eralp und Kerstin Wolter sollten sich fragen: Wollen linke Wähler eine weitere SPD oder wollen sie Veränderungen?
Dahabflex ist Rapper aus Frankfurt am Main
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