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Gegen die Kriegsvorbereitung

Nach dem Streik ist vor dem Streik

Kriegstreiber hassen diesen Trick: Die Jugendlichen formieren sich gegen Wehrpflicht und Militarisierung. Die Bilanz bisher: Großer Erfolg, aber das Ziel ist noch nicht erreicht

Foto: IMAGO/United Archives
»Schweig! Frieden durch Abrüstung«: Wahlplakat der Französischen Sektion der Arbeiter-Internationale (1932)

Eines ist sicher: Die Interessen sind widersprüchlich. Für die Absicht, die Bundeswehr bis 2039 zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen, stehen Kapital und Bundesregierung. Für den Wunsch, nicht an der Front verheizt zu werden, stehen knapp 60 Prozent der deutschen Bevölkerung (Forsa, August 2025). Für die Bemühung, dieses Bedürfnis möglichst wirksam auf die Straßen zu tragen, steht die Schulstreikbewegung gegen Wehrpflicht.

Es geht nicht nur um die eigene Haut. »Die Wehrpflicht ist kein isoliertes Phänomen, sondern Teil einer größeren Kriegsvorbereitung, die auch nicht nur militärische Aspekte beinhaltet«, erklärte Sprecher Bela Breitner Mitte August im Gespräch mit junge Welt. »Jeder Euro, der momentan für Rüstung ausgegeben wird, wird bewusst an anderen Stellen gekürzt.« Bei der Bundesregierung nennt man das »Verteidigungsfähigkeit«, zum Beispiel angesichts eines vermeintlich drohenden Angriffs Russlands. Ende 2025 wurde der »neue Wehrdienst« beschlossen. Das Ziel: die Aufstockung der Bundeswehr auf 255.000 bis 270.000 aktive Soldaten bis 2035. Ein Mittel: Frischgebackene 18jährige erhalten als Geburtstagsgeschenk einen Fragebogen von der Bundeswehr, in dem ihre Bereitschaft zum Kriegsdienst abgefragt wird.

Aber ob das die Kriegstreiber zufriedenstellt? Bis Ende Juli waren insgesamt rund 378.000 Anschreiben verschickt worden, es konnten aber nur 865 Bewerber für eine Verwendung in der Bundeswehr eingeplant werden, so Zahlen des Verteidigungsministeriums vom 17. August – eine Quote von rund 0,23 Prozent. »Man kann an den Zahlen ablesen, dass es doch eine wirklich große Abneigung unter Jugendlichen zum einen gegenüber der Wehrpflicht, zum anderen gegenüber dem bloßen Ausfüllen dieser Fragebögen gibt«, ordnete Breitner ein. Männer müssen, Frauen dürfen das Schreiben beantworten: Von den etwa 194.000 an Männer verschickten Bögen kamen innerhalb der Frist und Nachfrist 96 Prozent zurück, von den rund 184.000 an Frauen sowie »Personen anderen Geschlechts« adressierten nur vier Prozent.

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Wird das Aufwuchsziel nicht erreicht, sind Regierung und Parlament gesetzlich angehalten, Maßnahmen zu ergreifen. Soweit die Freiwilligkeit. Folglich zieht es die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Zehntausenden auf die Straßen. So beim ersten Schulstreik im Dezember 2025, so beim zweiten und dritten im März und Mai 2026. Ein großer Erfolg, bilanzierte Breitner gegenüber jW. »Es ist gelungen, viele vor allem junge Schülerinnen und Schüler teilweise zum ersten Mal in ihrem Leben in politische Aktionen zu bringen.« Aber: »Noch hat sich nichts an den Plänen der Bundesregierung in Sachen Wehrpflicht geändert. Im Gegenteil: Diese wurden immer konkreter.«

Politik und Medien bekämpfen die Bewegung nach Kräften. Der Zungenschlag lautet: Unterwanderung – von Kommunisten generell oder speziell von der SDAJ. Zum Beispiel in Brandenburg im Juli, als Bildungsministerium und Verfassungsschutz Schulen vor einer »fortlaufenden Instrumentalisierung der Kampagne ›Schulstreik gegen Wehrpflicht‹ durch Linksextremisten« warnten. Breitner bezeichnete die Vorwürfe als »höchst unverschämt«. Den Streikenden werde abgesprochen, selbständige Entscheidungen treffen zu können. Eine über die Schulstreiks hinausgehende Organisierung in politischen Gruppen sei hingegen nur konsequent, befand der Sprecher. Marco Blum, stellvertretender Vorsitzender der SDAJ, konstatierte gegenüber jW: »Die Herrschenden haben Angst vor den Schulstreiks.« Denn: Der deutsche Imperialismus benötige die Wehrpflicht »unbedingt für seine Kriegsvorbereitung«. Die Jugendlichen stünden für ihre Interessen ein, die Schulstreiks seien »nichts anderes als ein gigantischer Erfolg«, urteilte Blum.

Einwände brachten die linken Influencer Simon David Dressler und Ole Nymoen Anfang März in der Berliner Zeitung hervor. Kurz: Um eine möglichst breite Bewegung zu ermöglichen, richteten die Streikenden ihre Forderungen konstruktiv an die Regierung, die den Kriegszwang selbst vorbereitet; die Regierung aber könne »nicht Adressat der Streiks sein«. Auf jW-Anfrage bestätigte Dressler, der seine andauernde Unterstützung der Streiks hervorhob, dass die inhaltliche Kritik weiterhin aktuell sei. Allerdings zeigte sich der Podcaster »hoffnungsvoll« ob der vielen jungen Menschen, »die unsere Kritik teilen und die beispielsweise berichten, dass unsere Inhalte sie von einem vagen Linksliberalismus hin zu einer grundsätzlichen Staatskritik gebracht hätten«.

Breitner widersprach der Kritik. Das Bündnis erachte es weiterhin für sinnvoll, die Hürde für eine Beteiligung an den Schulstreiks niedrig zu halten – daher die Zuspitzung auf die Wehrpflicht, die man beibehalten werde. Die Bewegung werde aber den Kampf gegen die Angriffe auf den Sozialstaat zukünftig stärker fokussieren. Dafür setze man auch auf einen Schulterschluss mit den Gewerkschaften. Breitner zeigte sich zudem optimistisch, immer weitere Teile der Schülerschaft, aber auch der allgemeinen Bevölkerung, einbinden zu können. »Weil die Wehrpflicht keine Generationenfrage ist, sondern Krieg und Frieden uns alle etwas angeht.« Der nächste bundesweite Schulstreik gegen die Wehrpflicht wird am 25. September stattfinden. Auch das ist sicher: Es wird nicht der letzte sein.

Max Grigutsch ist Redakteur der Tageszeitung junge Welt.

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Erschienen in der Beilage vom 26.08.2026, Seite 12, Inland

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