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Theater

Virus der Menschenverachtung

»… dass alles seine Ordnung hat«. Ein Puppen- und Menschenspiel von Susi Claus und Astrid Endruweit in der Berliner Brotfabrik

Foto: Amit Edelman
Ausdrucksstark: Die Puppen von Susi Claus

Eine größere Distanz zum Holocaust als die eines Aliens aus einer fernen Galaxie kann kaum gedacht werden. Zu Beginn des Puppen- und Menschenspiels »… dass alles seine Ordnung hat« schwebt es durchs All und trifft dabei auf eine der Voyager Golden Records, jener legendären vergoldeten Kupferplatten mit Bildern und Audiobotschaften, die von der NASA 1977 in die unendlichen Weiten geschickt wurden. Nichts bereitet den Außerirdischen jedoch darauf vor, mit den Erinnerungen eines KZ-Aufsehers konfrontiert zu werden, den er nach seiner Landung auf der Erde trifft.

»… dass alles seine Ordnung hat«, das gerade in der Berliner Brotfabrik gezeigt wird, ist ein Stück über Täterschaft im Holocaust für Zuschauer ab 13 Jahren. Es ist die dritte gemeinsame Arbeit der Puppenspielerin Susi Claus und der Performerin Astrid Endruweit, in der sie sich mit der Nazizeit befassen – so erfolgreich, dass ihnen die Kulturämter der Berliner Bezirke die Fördergelder zu Füßen legen.

»Nach sechs Jahren intensiver Recherche schaltet das Hirn dann plötzlich eine Synapse zwischen den zufällig bei einer Recherche im Netz entdeckten ›Voyager Golden Records‹ und dem Mikrochip in Mauthausen, auf dem das ›Buch der Namen‹ gespeichert ist«, sagt Susi Claus, »und ich fragte mich allen Ernstes, wieso das ›Buch der Namen‹ nicht Teil der interstellaren Botschaft von der Erde ist.« Das »Buch der Namen« ist die unvollständige Auflistung der Opfer des Holocaust, die in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel aufbewahrt und zu besichtigen ist. Es wird auf Grundlage des aktuellen Forschungsstandes fortlaufend ergänzt.

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Vor sechs Jahren, während des Lockdowns in der Pandemie, schaute sich Susi Claus mit ihrer Nachbarin, der Künstlerin Stefka Ammon, den Dokfilm »Shoah« (1985) von Claude Lanzmann an – für die 540 Minuten hatte sie zuvor nie die Zeit gefunden. Nun pausierte auch das von ihr geleitete Figurentheaterfestival Homunculus im österreichischen Hohenems. Zeit sich neun Stunden lang über den Holocaust zu informieren. Anschließend spazierten Claus und Ammon durch die leeren Straßen Köpenicks und fragten sich, was in ihrem Stadtbezirk damals vorgegangen war. In und vor ihrem Haus, das damals schon stand. Sie recherchierten im Archiv des Köpenicker Museums, lasen Zeitungsberichte, Briefe, Notizen, Tagebücher. Später führten sie Interviews mit den Nachkommen der Zeitzeugen. So entstand »Wenn alles auseinanderfällt« – die Geschichte des Zimmermanns Anton Schmaus, ein junger Sozialdemokrat, der während der »Köpenicker Blutwoche« 1933 gefoltert wurde und wenige Monate später an den Folgen verstarb. Auf der Bühne erzählen vier Frauen – Figuren aus der Werkstatt von Judith Mähler –, was sie sahen und hörten, was sie dachten und aus Furcht vermieden zu denken. Stefka Ammon schuf für die Bühne eine Skulptur aus zerbrochenen Stühlen.

Bühnenprofi Astrid Endruweit half Claus, das Stück weiterzuentwickeln. Sie kannten sich von der Theaterhochschule »Ernst Busch«. Nach einer Ausbildung zur Butoh-Tänzerin arbeitete Endruweit mit dem Regisseur und Performer Michael Laub vor allem an Porträtdarstellungen. Finanziert durch das Kulturamt Berlin-Mitte entstand das zweite Spiel der Reihe: »Einer von euch sein« handelt von Kindheit und Jugend im Faschismus. Es zeigt ein differenziertes Bild der deutschen Gesellschaft in der Diktatur – von den überzeugten Nazis über die Nutznießer, Mitläufer, Duckmäuser und Denunzianten bis zu den ängstliche Zweiflern, denen, die heimliche Gesten der Menschlichkeit machten, bis zu den wenigen, die offenen Widerstand übten. Die Puppen mit den realistisch gestalteten Köpfen wirken seltsam alterslos, sind mal Schüler, mal alte Menschen, die sich erinnern. Manchmal verlassen die Spielerinnen ihre Puppenrollen und erzählen Begebenheiten aus der eigenen Familie. Vor allem stellen sie Fragen. Wie hätte ich mich verhalten? Was hättest du gemacht? Weit über Berlin hinaus sind die Theaterfrauen mit ihren Puppen unterwegs: »Von Feldkirch in Österreich bis nach Hamburg«, sagt Susi Claus.

»… dass alles seine Ordnung hat« ist der dritte Teil der Reihe und wird vom Kulturamt Berlin-Pankow gefördert. Diesmal geht es um die Auseinandersetzung mit der Psyche der Täter. Was macht einen Menschen zum Folterer, der sogar über die im Lager geforderte Brutalität hinausgeht? Auch diesem Stück ging eine intensive Recherche voraus. Eine selten ehrliche Auseinandersetzung mit den Naziverbrechen und dem »Virus der Menschenverachtung« fanden sie in Christa Wolfs autobiografischem Roman »Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud« (2010). In diesem berichtet die Erzählerin, dass sie gern nachmittags die Serie »Star Trek: The Next Generation« sah. Eine Inspiration für den Außerirdischen im Stück? Galaxien, »die nie ein Mensch zuvor gesehen hat«, haben den Vorteil, auch von der menschlichen Grausamkeit verschont geblieben zu sein.

Nächste Vorstellungen: 29.5., 11 Uhr; 30.5., 20 Uhr

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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