Darauf kein Radeberger!
Von Michael Merz
Geräumig ist es nicht gerade in den Ausstellungsräumen in der touristischen Mitte Berlins. Insofern spiegelt das DDR-Museum den kleinen, untergegangenen sozialistischen Staat in seiner Begrenztheit sehr passend. Hier gibt es keinen Zentimeter ungenutzte Fläche – genau das macht es etwas schwierig, die »Ökonomie des Mangels« im Sinne von Leere in den Verkaufsregalen darzustellen. Hier herrscht eher Platzmangel. Es ergießt sich folglich zunächst eine Art »Füllhorn des Sozialismus«, wie es Sammlungsleiter Eric Strohmeier-Wimmer ausdrückt. Noch dazu ist das Museum eines mit zahlreichen Besuchern, jungen wie alten. Auch am Donnerstag – da wurde die um das Thema Konsum in der DDR erweiterte Ausstellung eröffnet – war es, wie oft, ziemlich kuschelig.
Ein Kniff, die Produktpalette an DDR-Alltagsgegenständen nicht wie einen Intershop unter umgekehrten Vorzeichen wirken zu lassen, besteht darin, einzelne Waren mit weißer Farbe zu tünchen. Die, die nie oder nur mit viel Glück erhältlich waren, stehen in den Regalreihen als »ausverkaufte« Artikel – Tomaten, Orangensaft, Radeberger Pilsner. Wonach sich der DDR-Bürger geduldig die Beine in den Bauch gestanden hat, wenn es das entsprechende Produkt denn gab, ist so als Leerstelle markiert.
Sich einen Überblick zu verschaffen über die Konsumgesellschaft im Sozialismus, das vermag die neue Schau im DDR-Museum. Auch wenn es mit 600 Exponaten auf einer dreieinhalb Meter breiten Installation nicht allzu sehr in die Tiefe gehen kann. »Wir machen hier Infotainment«, sagt Strohmeier-Wimmer im jW-Gespräch. Das ist sicher auch ein Grund dafür, dass sich das Museum zu einem der beliebtesten in der Hauptstadt entwickelt hat. Eine halbe Million Menschen kam im vergangenen Jahr, ein großer Teil sind Kinder und Jugendliche. Erlebbar werden für sie vornehmlich der Alltag und seine Objekte, weniger die in den vergangenen 35 Jahren oft übermäßig betonten Facetten von Diktatur und Unterdrückung. Jeder Zentimeter wird genutzt – die Beirette-Kleinbildkameras in all ihren bunten Farben, Ruhla-Uhren, ob digital oder mit Zeigern; auf Kopfhöhe schwebt sogar ein Berlin-Roller, der seit Anfang der 1960er mit seiner barocken Form die Kopfsteinpflaster des Ostens dekorierte. Und was es nicht als Ausstellungsstück in die Regale schafft, das wird multimedial präsentiert, Erich hätte es »Weltniveau« genannt: Es flimmern Zeitungsseiten, daneben fliegen FDGB-Urlaubskataloge und eine illustrierte Geschichte der Jeans durch die Schaukästen. Als Highlight gibt es auf Glas projiziert die Notizen von Ingeborg Lüdicke aus Dessau, die in den 1980ern gewissenhaft notierte, wonach sie sich, materiell gesehen, gerade gesehnt hatte – ein »Mangeltagebuch«.
Was sich trotz der Fülle der Ausstellung nicht nachvollziehen lässt, ist der Segen des nicht stets Verfügbaren. Dass es möglich ist, konsequent ohne Kunststoffverpackungen für Lebensmittel auszukommen, erscheint heute undenkbar. Dinge zu reparieren statt wegzuwerfen, wie es in der DDR gang und gäbe war, das läuft immerhin nun unter dem trendigen Begriff DIY. Das vorbildliche Recyclingsystem à la SERO (Sekundärrohstofferfassung) ist leider längst vergessen. Es gibt noch viel zu erfahren, wird wohl Zeit für einen Anbau am DDR-Museum.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (16. Dezember 2025 um 00:10 Uhr)»Senkung des spezifischen Rohstoff- und Energieverbrauchs je Einheit des Nationaleinkommens« war offensichtlich Bestandteil der planerischen Überlegungen der DDR-Wirtschaftstheorie. Das Zitat stammt aus »Geschichte der Technik«, Aulis-Verlag, 1978, Leipzig. Leider ist im Buch nicht ersichtlich, ob das Zitat von Kuczynski stammt. Im jW-Artikel wird auf das Recyclingsystem SERO verwiesen, Analogien zu heutigen Ansätzen der Kreislaufwirtschaft lassen sich nicht verleugnen. In einem Anbau am DDR-Museum könnte ja eine Literatursammlung zum Thema stattfinden (auch wenn es den Intentionen der Museumsmacher zuwiderläuft). Meine Recherchen haben auf die Schnelle wenig ergeben, aber immerhin: »Die Werktätigen des Kombinates konnten in den vergangenen zwei Jahren den spezifischen Energieverbrauch je Erzeugniseinheit um, drei Prozent verringern.« (https://www.nd-archiv.de/ausgabe/1986-11-28). Diese Schwarte ist umfänglich, liefert aber gute Ansatzpunkte für weitere Recherchen: Umweltschutz in der DDR, Analysen und Zeitzeugenberichte, Gedruckt mit freundIicher Unterstützung von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung (https://www.hs-nb.de/storages/hs-neubrandenburg/institute/iugr/PDF/Monographien/herunterladbare_Monographien/UmweltschutzDDR_Band_1_2007.pdf). Vielleicht gibt es in der Redaktion und Leserschaft Kompetenzen hinsichtlich dieses Themas. Mich interessiert’s.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Berlin (15. Dezember 2025 um 11:34 Uhr)Aha, so war das also. Ich wusste gar nicht, dass ich nach Tomaten, Apfelsinensaft und Radeberger Pilsner angestanden habe. Auch befanden sich meine Beine nie in meinem Bauch. Sehr merkwürdig. Herr Meier, Arbeiterveteran, Berlin-Prenzlauer Berg
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