Die Kabeljaufrage
Endlich eine gute Nachricht, das heißt, möglicherweise eine gute Nachricht. Doch für wen bloß? Am Sonnabend sind die wahlberechtigten Isländerinnen und Isländer gehalten, in einem Referendum darüber abzustimmen, ob ihre Regierung Beitrittsverhandlungen mit der EU aufnehmen soll, die es schon einmal gab, dann aber von isländischer Seite abgebrochen wurden, weil die Fischfangnation sich von Brüssel nicht ihre Identität als Fischfangnation kaputtmachen lassen wollte. Dieses Mal sieht es besser aus, und die krisengeplagte EU könnte bald Zuwachs vermelden: ein Land, kleiner als Bulgarien, bevölkerungsärmer als Duisburg und wirtschaftsschwächer als das Saarland. Aber mit Elfen, Trollen und dem Gammelhai. Darauf freut sich die europäische Presse.
Für die britische Financial Times wäre die Insel im Nordatlantik ein richtig guter Fang. »Island ist eine stabile, wohlhabende und hochentwickelte Demokratie.« Klingt doch schon mal gut. »Als Vollmitglied würde Island Nettozahler in den EU-Haushalt werden. Dies würde den bisherigen Trend der Osterweiterung finanziell und geographisch ausgleichen.« Diese Wikinger spülen also auch Geld in die Kasse. Wichtiger noch: Das »Prinzip des leistungsbasierten Beitritts« würde bekräftigt: »eine wichtige Botschaft für aktuelle Beitrittskandidaten wie einige Westbalkanländer und die Ukraine, die mit Reformen ringen«. Die also nichts haben und sich auch nicht richtig anstrengen, dass sich daran etwas ändert.
Die Schweden von Dagens Nyheter blicken aus der gemeinsamen Nordmännerperspektive auf die Angelegenheit: »Eine isländische EU-Mitgliedschaft würde die nordischen Länder enger zusammenbringen. Seit Finnland und Schweden der NATO beigetreten sind, besteht dort eine geeinte nordische Einheit. Wenn Island den Schritt wagt, gäbe es bald eine vollständige nordische Vertretung in der EU, was unseren Einfluss in Brüssel stärken würde.«
Was nun naturgemäß Kroaten weniger interessiert, dafür um so mehr – man pflegt so etwas im Land zwischen Split, Rijeka und Osijek mit seinem Nationalbarden Thompson bis hin zur kollektiven Pathologie: Fragen des Nationalstolzes. Der in Zagreb erscheinende Jutarnji list schreibt: »Das wichtigste ›Schlachtfeld‹ für die Isländer ist die Fischindustrie, die eine Quelle des Stolzes und ein Symbol für die isländische Souveränität ist, nach einer Reihe von Kabeljaukriegen mit Großbritannien, in denen Island siegreich war. Viele Isländer fürchten einen Verlust der Souveränität.«
Und das sollten sich die Söhne und Töchter von Ingólfr Arnarson einmal gut überlegen. Wer will schon mit Brüsseler Bürokraten einen Kabeljaukrieg führen? (brat)
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