Nutznießerideologe des Tages: Friedrich Merz
Am Donnerstag haben sie es mal wieder riskiert. »Kontakt mit Bürgern vor Kameras« – das ist bei diesem Bundeskanzler immer eine Hochrisikooperation, die schneller eskalieren kann als das Aufeinandertreffen verfeindeter Ultragruppen in einem Regionalexpress. Das Leben in der Blackrock-Blase ist für den Kompetenzbereich »Volksnähe« nicht eben zuträglich – zumindest diesen Beweis hat der Mann aus der »oberen Mittelschicht« erfolgreich angetreten.
Davon, wie Merz 2025 den entsetzten Delegierten eines CDU‑Parteitages in Sachsen-Anhalt zurief, er habe »das Glück«, »im Westen geboren, im Westen groß geworden zu sein«, träumen seine Kommunikationsberater, wenn es nachts donnert, bevor sie mit Entsetzen an jenen »Bürgerdialog« in Salzwedel denken, bei dem Merz ohne Empathie, aber mit maximaler Selbstgerechtigkeit eine krebskranke Frau abfertigte, die eine Frage zu Kürzungen im Gesundheitssystem gestellt hatte.
Auch in der RTL-Runde mit durchaus handverlesenen Gästen kam der Kanzler am Donnerstag schnell in Fahrt. Sonnengebräunt nach mehreren Wochen im Ferienhaus am Tegernsee, spielte er Kritik ausnahmslos zurück. Hingewiesen auf Kürzungen für Familien, sprach Merz von einem »Gefühl«. Seine »persönliche Einschätzung« sei »eine ganz andere«. In die Richtung einer Kinderärztin, die dem »mehrfachen Millionär« die Verletzung des Amtseides und den »menschenverachtenden« Sparkurs im Gesundheitswesen vorwarf, feuerte er diesen Satz ab: Die Frau sei »als Ärztin« doch »als Teil dieses Gesundheitssystems auch Nutznießerin«.
Welchen Punkt wollte er damit machen? Jetzt geben Sie mal Ruhe, Sie verdienen doch auch ganz gut? Vielleicht ist das der Merzsche Begriff von der Welt. Am Tegernsee oder bei Blackrock hat er nie einen Menschen getroffen, der Zustände, von denen er persönlich profitiert, für kritikwürdig erklärt hätte. Und das sind die Leute, deren Urteil zählt.
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