Aus: Ausgabe vom 15.11.2018, Seite 12 / Thema

Das Rumpf-Empire

Im Zuge der Entkolonialisierung verlor Großbritannien die meisten seiner sogenannten Überseegebiete. Trotzdem verfügt es nach wie vor über Stützpunkte in aller Welt. Ein Überblick

Von David X. Noack
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Der matte Abglanz des einstigen Empires – Königin Elisabeth II. grüßt die British Royal Navy bei einem Commonwealth-Treffen in Valletta, Malta (28.11.2015). Dem Commonwealth of Nations gehören heute 53 Mitgliedsstaaten an

Im Laufe des 19. Jahrhunderts gelang es Großbritannien, ein Imperium zu erobern, in dem »nie die Sonne untergehen würde«. Besitzungen Londons befanden sich auf allen Kontinenten und Weltmeeren. Mit dem Ersten Weltkrieg setzte dann jedoch das Ende des klassischen Britischen Empires ein. Während sich das Weltreich zunächst durch die Zerschlagung des Osmanischen Reiches und die Aneignung von deutschen Kolonien noch vergrößerte, stiegen die Schulden des britischen Fiskus bei US-amerikanischen Privatbanken. Das britische Wirtschaftssystem begann zu wanken, und japanische, US-amerikanische und – zeitweise – deutsche Konkurrenten liefen britischen Konzernen den Rang ab. Viele Halbkolonien – wie beispielsweise Argentinien – wechselten ihren Patron und konnten nicht mehr eindeutig zur britischen Einflusszone gerechnet werden.

Neben den informellen fielen auch die formellen Einflusszonen weg. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte 1947 Britisch-Indien, das »Kronjuwel des Britischen Empires«, die Unabhängigkeit. Auf das Herzstück des globalen Imperiums folgten weitere Kolonien in Afrika, Asien, dem Pazifik und Zentralamerika. Der Einflussverlust ging jedoch nicht überall mit einem Umbruch einher. In vielen Fällen (beispielsweise Brunei, Jordanien und Tonga) regierten von Briten eingesetzte oder lange protegierte Monarchen in von Briten gezogenen Grenzen weiter, und London sicherte sich über postkoloniale Vertragsverhältnisse Einfluss, der teilweise bis in die Gegenwart reicht.

Innerimperialistische Konkurrenz

Zu den zahlreichen britischen Problemen, den Unabhängigkeitsbewegungen der 1950er Jahre und der neu etablierten Weltmacht Sowjetunion, kam die verstärkte Rivalität mit den Vereinigten Staaten von Amerika hinzu. Das US-Modell einer globalen Dominanz sah einerseits eine Verschränkung der transatlantischen herrschenden Klassen und einen weitgehend freien Handel sowie andererseits die Schuldenabhängigkeit der Länder des Trikonts vor. Dieses Modell hatten die US-Amerikaner im 19. Jahrhundert in Mittelamerika begründet und dann auf andere Weltteile ausgedehnt.

Die Verschränkung der herrschenden Klassen und strategischen Eliten¹ über den Atlantik hinaus hatte im Verlauf des Ersten Weltkriegs begonnen und drückte sich durch einen engen Austausch über »Denkfabriken« wie beispielsweise den »Council on Foreign Relations« auf US-amerikanischer Seite und »Chatham House« auf britischer Seite aus. Australien, Kanada und Neuseeland wurden in diese Strukturen eingebunden. Mit dem US-Anspruch auf Weltherrschaft ging einher, dass Großbritannien darin nur eine Juniorrolle einnehmen sollte.

Fast zur Konfrontation zwischen London und Washington führte der Streit um die ölreiche Buraimi-Oase auf der arabischen Halbinsel, in welcher sich Briten und US-Amerikaner Anfang der 1950er Jahre feindlich gegenüberstanden. Auf der einen Seite standen die Truppen Omans und der Vereinigten Arabischen Emirate, geführt von britischen Offizieren, und auf der anderen Seite die Soldaten des wahabitischen Königreichs Saudi-Arabien, die mit privaten US-Unternehmern verbunden waren – formeller »alter« Kolonialismus gegen informellen »neuen« Kolonialismus. Als der Konflikt um die Oase zu eskalieren drohte, kündigte das britische Außenministerium an, alle US-Amerikaner im umstrittenen Gebiet zu erschießen.² Premierminister Winston Churchill zog daraufhin die Reißleine und deeskalierte die Lage. Der britische Weltkriegspremier, der zwischen 1951 und 1955 erneut regierte, war ein überzeugter Atlantiker.

Churchills Nachfolger Anthony Eden (Premierminister 1955–1957) wiederum setzte weniger auf die atlantische Union mit den USA und verfolgte die Vision einer Kombination der Westeuropäischen Gemeinschaft mit dem britischen Commonwealth. Eine strategische Vision, die auf Widerstand aus Washington stieß. Ein Block, der als gleichstarker Machtbereich jenseits des US-dominierten Westens (Lateinamerika und der Pazifik) und des sowjetisch geprägten Ostens (Osteuropa und Teile Asiens) existieren konnte, lag nicht im Interesse der strategischen Eliten Washingtons. Edens Plan scheiterte während der Suezkrise 1956. In dieser schlug sich die US-Regierung überraschenderweise auf die ägyptische und sowjetische Seite, und der völkerrechtswidrige Einmarsch der Briten, Franzosen und Israelis in Ägypten endete mit einer politischen Niederlage. Die innerimperialistische Auseinandersetzung zwischen London und Washington gewannen die USA mit ihrer überlegenen Wirtschaftsmacht. Das Britische Empire endete – mehr oder weniger.

Postkoloniale Kontinuität

Als dann auch noch Ende der 1960er Jahre das britische Pfund dramatisch fiel, kündigte Labour-Premierminister Harold Wilson an, das Empire werde alle Gebiete »östlich des Suez« verlassen. Dieser Rückzug wurde im Jahr 1997 mit der Übergabe Hongkongs an die Volksrepublik China abgeschlossen. Bis dahin hatte die Stadt als eine Art Brücke zwischen der chinesischen Wirtschaft und dem westlichen kapitalistischen System gedient.

Trotz des öffentlichkeitswirksamen Rückzugs aus vielen Kolonien konnte sich London Einfluss auf allen Kontinenten sichern. So bestehen bis heute viele postkoloniale Strukturen fort. Neben dem Vereinigten Königreich selbst haben beispielsweise noch 15 weitere Staaten die britische Königin als Staatsoberhaupt. In diesen »Commonwealth Realms« existieren weiterhin Kolonialgouverneure, die größtenteils symbolische Funktionen haben, sich teilweise aber auch direkt in die Politik »ihrer« Länder einmischen.³ Darüber hinaus werden direkte koloniale Traditionen bis in die Gegenwart gepflegt: Bis heute unterhält die britische Armee beispielsweise eine Gurkha-Brigade, die ausschließlich aus nepalesischen Staatsbürgern besteht. Seit dem Gurkha-Krieg von 1814 bis 1816 dienen die damals von britischen Offizieren als besonders zäh wahrgenommenen Gurkhas in den Streitkräften ihrer Majestät.

Neben der Aufrechterhaltung dieser kolonialen und postkolonialen Strukturen besitzt Großbritannien zahlreiche kleinere Inseln sowie die Hafenstadt Gibraltar auf der iberischen Halbinsel. Bis auf wenige Ausnahmen sind diese Territorien von britischen Siedlern bevölkert, und es gab dort nie starke Unabhängigkeitsbewegungen.⁴ Zu den Inseln gehören mehrere Karibikbesitzungen, die Pitcairninseln im Pazifik, Diego Garcia im Indischen Ozean, verschiedene Inseln im Südatlantik sowie die Militärbasen »Akrotiri und Dekelia« auf Zypern. Dieses Rumpf-Empire hat mehrere Funktionen.

Einer der Bereiche, bei dem die heutige Weltordnung auf alten Strukturen des Empires aufbaut, ist die Telekommunikation. Bereits zur Zeit des Ersten Weltkriegs kontrollierte Großbritannien weitgehend die Unterseekabel, da die strategischen Eliten des Landes um die Bedeutung der weltweiten Kommunikation wussten. Die Briten verlegten viele Kabel von einer Kolonie zur nächsten. Da die Kolonien auf allen Kontinenten existierten, schufen sie somit eine wichtige Infrastruktur, die bis heute existiert. Nur sind es nun nicht mehr Telegraphenkabel, sondern Internetleitungen.

Einer der so geschaffenen Telekommunikationsknotenpunkte ist die im Südatlantik gelegene britische Insel Ascension. Auf dieser gibt es bereits seit den Hochzeiten des Kalten Krieges eine Militärbasis, die eine wichtige Rolle im 1971 begonnenen »Echelon«-Programm spielte, bei dem die »Five Eyes«-Staaten (Australien, Großbritannien, Neuseeland, Kanada und die USA) vorgaben, nur die Warschauer Vertragsstaaten abzuhören – aber damals wie heute auch andere Mächte belausch(t)en. Auf Ascension unterhält der britische Geheimdienst »Government Communications Headquarters« (GCHQ) heute einen Horchposten. Dieser bietet die Möglichkeit, zwei Millionen Datensätze pro Stunde abzufangen – von der E-Mail bis zum Telefonanruf. Die Briten – im Bunde mit dem US-Geheimdienst NSA – setzen die Abhörstation vor allem ein, um Brasilien auszuforschen. Die NSA nutzte die Basis etwa, um Telefongespräche von führenden Mitarbeitern der teilstaatlichen Ölgesellschaft Petrobras und dem brasilianischen Energieministerium abzuhören.⁵ In Zeiten des Aufstiegs der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) spielt Petrobras eine immer wichtigere Rolle im globalen Süden – unter anderem als Konkurrenz für westliche Ölkonzerne. Für die Briten kommt im Falle Brasiliens erschwerend hinzu, dass Brasília seit jeher den argentinischen Anspruch auf die Malwinen (Falklandinseln) unterstützt.

Neben dem Südatlantik nutzt der Geheimdienst GCHQ auch die beiden Militärbasen Akrotiri und Dekelia auf Zypern für den Betrieb einer Abhörstation, die offiziell die britische Armee unterhält. Sie gehören weder zur allgemein anerkannten Republik Zypern – immerhin ein EU-Mitglied – noch zur Separatistenrepublik Nordzypern. Wie die vom Whistleblower Edward Snowden weitergegebenen Dokumente zeigen, zapft der GCHQ von Akrotiri aus 14 Unterseekabel an. Diese führen von Zypern unter anderem nach Ägypten, Griechenland, Israel, Italien, Syrien, in die Türkei und den Libanon. US-amerikanische Verbindungsoffiziere dienen auf der Insel und garantieren, dass wichtige Informationen schnell nach Washington gelangen.⁶ Die britischen Kolonien im Südatlantik und im östlichen Mittelmeer dienen somit den »Five Eyes«-Staaten zur Telekommunikationsüberwachung von Teilen Südamerikas, Afrikas, des Nahen Ostens und sogar des östlichen Europas.

Militärische Sprungbretter

Aber es geht nicht nur um Telekommunikation. Einige der noch existierenden britischen Überseekolonien beherbergen militärische Basen, und manche von ihnen stehen sogar ausschließlich unter Militärverwaltung. Das bekannteste Beispiel dafür ist Diego Garcia, das grösßte Atoll des Chagos-Archipels im Indischen Ozean. Von 1968 bis 1973 verschleppten die britischen Kolonialbehörden alle Bewohner der Insel. Der größte Teil der Chagossianer endete schließlich in der heruntergekommenen südenglischen Stadt Crawley, etwa 9.500 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Alle Londoner Regierungen bis in die Gegenwart hinein verweigern den Chagossianern die Rückkehr – zuletzt geschehen im Jahr 2016.⁷ Die Briten forcierten die Deportation, da die Regierung in London mit der US-Regierung ausgemacht hatte, einen unbewohnten Archipel im Indischen Ozean an die Vereinigten Staaten zu verpachten. Die USA errichteten nach der Vertreibung eine Marine- und Luftwaffenbasis auf der Inselgruppe, die eine entscheidende Bedeutung bei allen größeren US-Militäroperationen im Mittleren Osten seit den 1970er Jahren spielt. Das britische Militär darf die Basis ebenfalls nutzen. Die abgeschiedene Lage mitten im Indischen Ozean schien den US-Geheimdienste auch dafür geeignet, ein Foltergefängnis auf Diego Garcia zu unterhalten. Jahrelang konnten die Regierungen beider Länder das geheimhalten. Jack Straw, von 2001 bis 2006 Außenminister unter Tony Blair, hatte seinerzeit erste Medienberichte als »Verschwörungstheorien« bezeichnet.⁸ Ein weiteres Beispiel für eine britische Kolonie unter Militärverwaltung sind die erwähnten Basen Akrotiri und Dekelia. Akrotiri ist die britische Operationsbasis für das östliche Mittelmeer und die angrenzenden arabischen Staaten. Im Jahr 2011 starteten von dort Flugzeuge in Richtung Libyen, und seit 2013 dient die Basis der britischen Luftwaffe für Operationen in Syrien. Erst jüngst wurde öffentlich, dass sich britische Flieger im April 2018 auf Luftschläge von Zypern aus vorbereiteten.⁹ Mit Diego Garcia sowie Akrotiri und Dekelia haben die Briten also – gemeinsam mit den US-Amerikanern – zwei militärische Vorposten, die bei der Kriegführung im Nahen und Mittleren Osten eine zentrale Rolle spielen.

Allerdings ist nicht nur die arabisch-muslimische Welt das Ziel britischer Militäroperationen. Die britischen Streitkräfte unterhalten weitere Militärbasen auf Ascension Island, Bermuda, in Gibraltar, auf den Malwinen und der Karibikinsel Montserrat. Als postkoloniales Erbe bestehen außerdem britische Basen in Bahrain, Belize, Brunei, Kanada, Katar, Kenia, Nepal und Singapur – also in Nord- und Mittelamerika, Afrika und Asien. Die britischen Streitkräfte können als Teil der NATO, (noch) der EU, in Zusammenarbeit mit den USA oder gar alleine gegen mögliche Gegner auf allen Kontinenten in Stellung gebracht werden.

In Zeiten, in denen die Ausbeutung der Ressourcen unter den Weltmeeren immer wichtiger wird, dienen die britischen Inseln auf allen Ozeanen auch dem Profitstreben von Konzernen der City of London. Im Jahr 2004 beispielsweise gründeten britische Unternehmer die Firma Rockhopper Exploration, deren einzige Aufgabe es ist, in den Gewässern um die Malwinen nach Öl zu suchen. Sechs Jahre später fanden die ersten Teams von Rockhopper Öl vor der Küste des britischen Überseegebiets. Der damalige britische Verteidigungsminister Bill Rammell äußerte dazu, es sei Londons »legitimes Recht«, das dortige Öl zu fördern.¹⁰ In Buenos Aires – Argentinien und Großbritannien führten 1982 Krieg um die Inseln – dürfte man das anders sehen.

Eine weitere Perle der möglichen zukünftigen Ressourcenausbeutung ist die Insel Pitcairn im Pazifik. Auf diesem Eiland südöstlich von Französisch-Polynesien leben lediglich 50 Menschen, hauptsächlich Nachfahren der berühmten Meuterer auf der Bounty im Jahr 1789. Auch wenn die Insel das am dünnsten besiedelte Verwaltungsgebiet der Erde ist, könnte es für Konzerne – allen voran britische – interessant werden. Die Wirtschaftszone (Eclusive Economic Zone, EEZ) des Gebiets umfasst zirka 836.000 Quadratkilometer – und ist damit in etwa so groß wie die international allgemein anerkannte EEZ der Volksrepublik China. Die Existenz dieser Inselkolonien sind ein strategischer Vorteil für britische Unternehmer.

Steueroasen

Auch jenseits des Extraktivismus profitieren die herrschende Klasse Großbritanniens und die aller anderen kapitalistischen Staaten von den weiterhin bestehenden Kolonien Londons. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre entstanden in einigen Regionen der USA, in der Schweiz sowie Liechtenstein die ersten Steueroasen. Im Zuge der globalen Wirtschaftskrise ab 1929 erschwerten jedoch viele Gesetze in den USA sowie in Westeuropa die Umgehung des Fiskus. Im Jahr 1955 entschied die Leitung der Bank of England allerdings, die Vergabe von Krediten in US-Dollar am Finanzstandort London handeln zu lassen. Das »enge Korsett« der Kapitalverkehrskontrollen des Bretton-Woods-Systems wurde damit zum ersten Mal gelockert. In der britischen Hauptstadt verfolgten einflussreiche Zirkel den Kurs der erneuten Stärkung des britischen Pfundes. Darüber hinaus legten sie den Grundstein für die Entstehung von Steueroasen auf britischen Territorien.

Als das Vereinigte Königreich im Jahr 1973 der Europäischen Gemeinschaft (der heutigen EU) beitrat, ließ sich die Regierung in London vertraglich zusichern, dass die britischen Inseln im Ärmelkanal Steueroasen bleiben dürfen und rechtlich nicht Teil der EG wurden. Auch jenseits des europäischen Kontinents fungieren verschiedene Kolonien Londons als Steuerparadiese – vor allem in der Karibik. Allein auf den Britischen Jungferninseln sind nach Schätzungen eine halbe Million Briefkastenfirmen registriert – ein Viertel aller existierenden. Die Hauptstadt der Cayman Islands, George Town, wiederum ist der fünftgrößte Finanzplatz der Welt. Laut dem Schattenfinanzindex der Nichtregierungsorganisation »Tax Justice Network« stehen die Cayman Islands auf der Liste der intransparentesten Finanzplätze an dritter Stelle. Von 35 Gebieten, die Oxfam als Kandidaten für die Steueroasenliste der EU einstuft, sind sechs britische und zwei neuseeländische »Überseebesitzungen«.¹¹

Steueroasen spielten eine Schlüsselrolle beim Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems in den 1970er Jahren und sind bis heute wichtig für die Schuldenfalle von Trikont-Staaten. Darüber hinaus dienen Steueroasen im globalen Neoliberalismus dazu, die Schuldenlast von der Oberschicht und den Großkonzernen hin zur Mittel- und Unterschicht zu verschieben.¹² Der Umstand, dass das britische Rumpf-Empire weiterhin eine prominente Rolle im Geschäft der Steueroasen spielt, zeigt die Bedeutung der britischen Kolonien für die globale Vorherrschaft der transatlantischen herrschenden Klasse.

Bis zum äußersten

Das bis heute bestehende britische Empire hat im vergangenen Jahrhundert einen grundlegenden Wandel erfahren. Während alle Flächenkolonien verlorengingen, konnte sich die herrschende Klasse Londons ein Geflecht von postkolonialen Staaten und Minikolonien auf allen Ozeanen sichern. Dieses Netzwerk dient der Überwachung potentieller Gegner, hauptsächlich im Nahen und Mittleren Osten, und als Sprungbrett für Militärinterventionen, der Ressourcenausbeutung vor allem britischer Konzerne und als Steuerparadies. Die Bedeutung dieses Rest-Empires wurde noch einmal deutlich als Michael Howard, ein Tory-Politiker und früherer Oppositionsführer, im Frühjahr 2017 sagte, dass die amtierende Premierministerin des Landes, Theresa May, geneigt sein könnte, zur Verteidigung von Gibraltar mit Spanien in den Krieg zu ziehen. Howard zog dabei Vergleiche mit dem argentinisch-britischen Krieg um die Malwinen im Südatlantik aus dem Jahr 1982.¹³ In London ist man sich der Bedeutung dieses Rest-Empires bewusst und würde im Ernstfall wohl bis zum äußersten gehen.

Anmerkungen:

1 Siehe zum Begriff der strategischen Eliten: Kees van der Pijl: »Kommt die globale autoritäre Oligarchie? Annäherungen und Konflikte zwischen dem Westen und dem Rest der Welt.« In: Peripherie 35 (2015), Nr. 1, S. 47–73

2 Tore Tingvold Petersen: »Anglo-American Rivalry in the Middle East: The Struggle for the Buraimi Oasis, 1952–1957.« In: The International History Review 14 (1992), Nr. 1, S. 71–91, hier: S. 80

3 Beispielsweise beim Putsch gegen den linken australischen Labour-Premier Gough Whitlam im Jahr 1975. Vgl. John Pilger: »The British-American coup that ended Australian independence«, theguardian.com, 23.10.2014

4 Eine Ausnahme ist Anguilla, welches 1967 bis 1969 als völkerrechtlich nicht anerkannte Republik existierte und dann von britischen Truppen erneut erobert wurde. Vgl. David X. Noack: »Die abtrünnige Republik Anguilla«, amerika21.de, 27.9.2016

5 Nikolas Kozloff: »Welcome to Remote U.S.-U.K. Spy Island«, huffingtonpost.com, 11.11.2013

6 Nick Squires: »British military base in Cyprus ›used to spy on Middle East‹«, telegraph.co.uk, 5.11.2013

7 Patrick Wintour: »Chagos Islanders denied right to return home«, theguardian.com, 16.11.2016

8 »Niemand wird als Terrorist geboren« – Interview mit Josef Alkatout, nachdenkseiten.de, 7.10.2018

9 Helena Smith: »RAF base in Cyprus prepares for potential strike on Syria«, theguardian.com, 13.4.2018

10 »Falklands oil firm Rockhopper claims discovery«, bbc.com, 6.5.2010

11 »Diese 35 Länder gehören auf die geplante EU-Steueroasenliste«, oxfam.de, 28.11.2017

12 Mehrene Larudee: Sources of Polarization of Income and Wealth: Offshore Financial Centers. In: Review of Radical Political Economics 41 (2009), Nr. 3, S. 343–351

13 Anushka Asthana: »Theresa May would go to war to protect Gibraltar, Michael Howard says«, theguardian.com, 2.4.2017

David X. Noack schrieb zuletzt an dieser Stelle am 7. Juni 2018 über die sogenannte Deutsche Kauskausexpedition.


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