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In dieser großen Zeit

Iphigenie auf des Genius Lokus

Foto: SMID/IMAGO
Eckzimmer in Goethes Wohnhaus in Weimar

»Es weile der Fremde, wo der Weltgeist in der Spüle spukt.«

Nachdem sich die Nachricht vom Tode des Meisters verbreitet hatte, richtete die Stiftung in seiner ehemaligen Zweiraumwohnung in der Schlachthofstraße ein Museum ein. Der erste und bisher einzige Besucher kam ein halbes Jahr nach der Eröffnung. Es handelte sich um einen abgefüllten, kurzsichtigen BFC-Hool auf dem Weg zu Optik Rathenow, der erst in den falschen Zug gestiegen und dann stundenlang durch das Weimarer Bahnhofsviertel geirrt war und inzwischen dringend austreten musste.

Er wurde mit Nachdruck aufgefordert, sich zuerst die Ausstellung anzusehen, und nachdem ihn der Museumswärter am Schlafittchen gepackt und herumgeführt hatte, musste der Hooligan, was seine Notdurft betraf, unverrichteter Dinge wieder gehen, weil die Toilette gesperrt sei, ein Umstand, auf den noch zurückzukommen sein wird.

Der vollbärtige Wächter ist Inhaber einer ABM-Stelle, einziger Mitarbeiter der Einrichtung, langzeitarbeitsloser tschetschenischer Bürgerkriegskorporal, der nacheinander aus der russischen und der ukrainischen Armee geflogen ist und sich beim Arbeitsamt mit dem Wohngeldantrag seiner Tante Helga aus Grosny ausgewiesen hat.

Träger des Museums ist »Die Stiftung e. V.«, deren prominente Mitglieder sich bei der Gründungsversammlung nicht auf einen Namen einigen konnten und auch nicht auf einen Gründungsort. Ihre Identität liegt im Dunkeln, ebenso wie die des Geldgebers, was keinen stört, weil noch nie jemand danach gefragt hat. Alleiniger Stiftungszweck ist, das Vermächtnis des Meisters zu pflegen.

Das dafür eingerichtete Museum wurde in neun »Themazonen« aufgeteilt. Ursprünglich sollte es je einen Themazonensaal geben zur Dokumentation der bahnbrechenden Leistungen des Meisters in den Bereichen Philosophie, Ökonomie, Physik, Jura, Musik, Literatur, Architektur und ayurvedische Promiskuität. Da die Zweiraumwohnung des Meisters aber nicht über neun Säle verfügt, mussten die neun Themenzonen auf Schlafzimmer, Stube, Küche und Flur verteilt werden. Die Küche beheimatet Philosophie, Literatur und Musik. Man gelangt hinein durch eine Tür, auf der geschrieben steht die erste und einzige Maxime, der der Meister je gefolgt ist: »Esel sei der Mensch, hilfreich und Muh.« Sowie: »Beende jeden Satz mit einem Satzzeichen«

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An der Wand über dem Gasherd sind Fotografien aufgehängt, die sein Hauptwerk illustrieren, den Bildband »Die 33 schönsten Freitode der deutschen Romantik«. Die 33 Wechselrahmen sind leer, weil zum Beispiel vom fabelhaften Freitod von König Ludwig II. keine Aufnahmen angefertigt wurden. »Die 33 schönsten Freitode der deutschen Romantik« erschienen 2021 im Hermann-Böhlaus-Nachfolger-Verlag nicht, gleichwohl wurde das Werk von der Goethe-Gesellschaft zu Weimar im Internet überschwänglich lobend rezensiert.

In diesem Zusammenhang hat die Goethe-Gesellschaft in Weimar darauf hingewiesen, dass es eine Goethe-Gesellschaft zu Weimar nicht geben würde, sondern nur eine Goethe-Gesellschaft in Weimar, und das sei sie selbst, und sie habe »dieses Heftchen« mitnichten rezensiert und lobend schon gar nicht.

Im rechten Flügel der Küche erinnert eine Installation in der Spüle an die letzte Symphonie des Meisters, »Die Unvollendete«, die er mit 14 Jahren abgeschlossen hatte. Es war auch keine Symphonie, sondern ein Streichquartett für vier Brotmesser und eine Leberwurst.

In den übrigen Räumen sieht es ähnlich aus. Die Toilette kann leider nicht als Ausstellungsraum genutzt werden, sie ist seit dem ersten Corona-Lockdown nicht mehr zugänglich. Der Heilpraktiker Gunther F. hatte sich dort auf der Flucht vor der Seuchenpolizei eingeschlossen und den Schlüssel heruntergespült. Mit Kröver Nacktarsch. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt, das Grundwasser seither ruiniert.

Zur Wohnung des Meisters gehört auch ein Kellerabteil, das mit einer Destille zugestellt ist, mit der seit seinem Verschwinden ein Unbekannter Sliwowitz brennt, als Indianer verkleidet, um nicht aufzufallen. Und dann ist da noch ein Holzverschlag auf dem Dachboden, in dem seine Modelleisenbahn steht. Sie soll künftig durchreisenden Staatsmännern und Prälaten gezeigt werden, sobald ein technisches Problem gelöst worden ist: Die Anlage besteht aus einem Schienenkreis mit Spurweite HO und einem entgleisten Güterzug mit Spurweite N.

Der Meister wird dafür sicherlich bald eine Lösung finden, denn er ist nicht verstorben und tot schon gar nicht. Er läuft heimlich jeden Tag die Straße vor seinem Haus herauf und herunter, um zu gucken, ob einer in sein Museum geht. Nach jeder Runde wechselt er sein Kostüm. Er geht um als Polizist, Soldat, Bauarbeiter und Cowboy. Und so verstreicht die Zeit, Jahr um Jahr, er läuft, zieht sich um und schaut aus nach dem Besucher, der sein Vermächtnis pflegen möchte, und der einfach nicht kommt! Kreuzdonnerwetter noch eins!

Ich habe die Schnauze voll! Ich werde dieses Drecksdorf und seine gepuderten Schweinepriester verlassen und woanders hingehen, irgendwohin, wo man mich wertschätzt! Weil man mich noch nicht kennt! Und dort werde ich gelehrte Vorträge veranstalten zu meinen sieben Themen, Denker und Dichte versammeln bei Weltgeist, Weinbrand und Zigarren, aber ohne Vortragende, weil die Angefragten eh immer ablehnen und deshalb auch nicht angefragt werden, was aber wurscht ist, weil es niemand merken wird – es kommt ja keiner!

Aber das war von Anfang an klar.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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