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Sportpolitik

Viele Fragen offen

Deutscher Sportbund wählt München für Olympiabewerbung

Foto: Heinz Gebhardt/IMAGO
Wie lange schmeckt die Breze?

München im Taumel. Schuhplattlern, Gamsbartwedeln und Maßkrugstemmen zur Feier des Tages, bis der Morgen graut. Die bayrische Metropole hat sich am 26. September gegen die Region Köln-Rhein-Ruhr im Ringen um die Austragung der Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 durchgesetzt. Berlin war nach der jüngsten Wahl zum Abgeordnetenhaus mit dem Sieg der Linken aussichtslos im Hintertreffen und erst gar nicht mehr angetreten. »Wir freuen uns, dass wir jetzt richtig loslegen können«, sagte Münchens »grüner« Oberbürgermeister Dominik Krause unmittelbar nach der Entscheidung auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Baden-Baden. Mit dem Sieg im Rennen um den nationalen Bewerber, das bereits mehr als 50 Millionen Euro verschlungen hat, ging nach knapp vier Jahren lediglich die nationale Aufwärmrunde zu Ende. Auf dem Weg hin zum vorausgeträumten Sehnsuchtsziel hat München nur den ersten wichtigen Schritt gemacht. Ob sich die Vision in zehn, 14 oder 18 Jahren erfüllt, wird letztendlich von den »Herrn der Ringe« des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) abhängen – und von der Bereitschaft der Münchner, diesen Marathon voller Unwägbarkeiten mitzugehen und dabei die olympische Laune nicht zu verlieren.

In einem ersten Akt hatte eine DOSB-Delegation Ende 2025 am IOC-Sitz in Lausanne die grundsätzliche Absicht bekundet, wieder eine Bewerbung auf den Weg zu bringen. Nun, da klar ist, mit welcher Stadt, wartet mit dem »strategischen Dialog« der zweite Akt, der es bereits in sich hat. In der Vorauswahl bis März 2027 werden vom IOC unter anderem finanzielle Garantien und Machbarkeitsstudien eingefordert. All das ist für Interessenten zwingende Voraussetzung für das zielgerichtete Gespräch im dritten Akt 2028 – über die Gastgeberrolle 2036 befindet das IOC danach auf seiner Sommer-Session 2029.

Ein ambitionierter Fahrplan für München. Zumal als Mitbewerber mit Katar, Indien oder Ägypten internationale Schwergewichte und »Exoten« am Start sind, die das IOC in seiner Orientierung auf neue Märkte und Finanzquellen nur allzu gern sieht. Zudem würden sich Asien oder Afrika nach Spielen 2028 in Los Angeles und 2032 im australischen Brisbane bestens in den weltweiten Reigen einfügen. Für Europa wäre nach Paris 2024 vermutlich 2040 die nächste Option, wieder den Zuschlag zu erhalten. Selbst dann wäre München kein Selbstläufer. Einmal, weil das IOC den Bewerber aus Bayern abermals einem beinharten Check unterziehen dürfte. Zum anderen, weil es – etwa mit Istanbul oder Budapest – an ernstzunehmender europäischer Konkurrenz nicht mangeln wird.

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»Optimal wäre, wenn sich das IOC 2029 zu einer Doppelvergabe für 2036 und 2040 entschließt und wir 2040 zum Zuge kämen. Das wäre ein Szenario, wie gemalt für uns. Dann hätten wir elf Jahre und genügend Zeit, dieses Ereignis vorzubereiten«, so ein Insider gegenüber jW zu den bundesdeutschen Erwartungen. Ein weiterer Vorteil: München bliebe so eine weitere IOC-Evaluation für 2044 erspart – falls es seine Ambitionen bis dahin nicht bereits desillusioniert und frustriert aufgegeben hat.

Auffällig bisher, dass die Kosten für das Superevent unter dem Radar laufen. »Die Frage der Finanzen wurde bisher praktisch überhaupt nicht thematisiert. Dabei gilt es gerade bei einem solchen Großprojekt, offen und transparent damit umzugehen und sich gegenüber den Bürgern ehrlich zu machen«, so Helmut Digel gegenüber der jW. Der ehemalige Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und Kenner der olympischen Szene ist sicher: »Der spannendste Teil der Bewerbung kommt erst noch.« München hat bis jetzt nur die sogenannten Durchführungskosten beziffert, auf rund 4,9 Milliarden Euro. Das genügte den DOSB-Prüfern offenbar. Im Gegenteil erwies sich ihre Evaluation der Bewerber beim Kriterium »Kosten und Finanzen« als höchst fragwürdig, indem die Kommission so tat, als habe der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages ihr Ergebnis in punkto Finanzen bestätigt. Mitnichten, zitierte die Süddeutsche Zeitung die Ausschussvorsitzende Lisa Paus: »Es gibt keinen Beschluss des Haushaltsausschusses zu diesen Fragen.« Der Ausschuss habe sich mit dem Thema nicht einmal befasst.

Ein Vorgang, der kaum zur vertrauensbildenden Maßnahme taugt und so gar nicht zur Erfolgsformel passen will, wie sie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und IOC-Ehrenpräsident Thomas Bach für den Münchner Weg wie folgt skizzierten: »die Menschen mitnehmen«, »beisammenbleiben«, »Einigkeit bewahren«. Was im Sinne einer nationalen Dimension gemeint war, vermochte der DOSB als »Herr des Verfahrens« beim Votum für München nicht mal gegenüber seinen Mitgliedern zu vermitteln. Von wegen alle mitnehmen! Die Mehrheit der 103 Organisationen unterm DOSB-Dach, die 16 Landessportbünde, die 28 nichtolympischen und 17 Verbände mit besonderen Aufgaben, waren bei der Wahl in Baden-Baden gar nicht zugelassen. Die Abstimmung vorgestern war nur den Verbänden der olympischen Sportarten vorbehalten und einigen Einzelpersonen. Nach diesem Prozedere wurde verabsäumt, bei diesem historischen Anlass sämtlichen Mitgliedern der Sportfamilie die Hand zu reichen, alle von ihnen einzubeziehen und ihnen zu signalisieren: Wir starten hier ein Zukunftsprojekt, an dem jeder teil hat und für das jeder gebraucht wird. Den vielbeschworenen olympischen Schwung gilt es, möglichst überall zu verbreiten – auch bei Sporttauchern, Segelfliegern oder Lacrosse-Enthusiasten. Keine Sportart, keine Disziplin ist zu klein, um Kinder und Jugendliche in ihren Bann zu ziehen, ihnen eine Perspektive zu geben und ihnen nebenher Kameradschaft und ein Miteinander zu lehren. Als ob es nicht völlig egal wäre, in welchem Sport sich jemand bewegt, ertüchtigt, gesund hält und unter Gleichgesinnten wohlfühlt. 61 Organisationen und Verbände durften in Baden-Baden bestenfalls Zaungäste sein. Ein strategischer Fehler. Damit wurde die große Chance vertan, dieses einzigartige Bündnis weit über die Olympiabewerbung hinaus fester und enger zu knüpfen. Zur großen Familiengeste hat es nicht gereicht.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.09.2026, Seite 16, Sport

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