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Wie blickt der Wintersport auf die Bewerbung?
Olympia: Die Verbände werden keineswegs einheitlich für einen Standort abstimmen, erklärt Andreas Wagner
Wenn die Fachverbände des olympischen Sports am Sonnabend in Baden-Baden den nationalen Bewerber für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 küren, dürfen auch Organisationen des Wintersports mit über die drei Kandidaten Berlin, Köln-Rhein-Ruhr und München abstimmen. Warum?
Das Internationale Olympische Komitee entscheidet über die Vergabe der Spiele stets gesamtheitlich. Dahinter steckt der Gedanke, dass die olympische Bewegung als Einheit zu betrachten ist. Dem kann ich durchaus folgen. Umgekehrt würden auch die deutschen Sommersportverbände über Winterspiele abstimmen, wenn das ein Thema wäre.
Wie blicken Sie und Ihre Wintersportkollegen auf dieses Votum?
Ich kann da nur für mich sprechen: Ich empfinde das Bewerbungsverfahren als einen spannenden Prozess, den ich sehr gerne begleite. Als Sportjournalist habe ich das vor gut zwanzig Jahren schon aus der Sicht eines Beobachters gemacht. Jetzt lerne ich die Seite der Entscheider kennen. Das Ziel ist, die beste Bewerbung ins Rennen zu schicken und die Spiele nach Deutschland zu holen.
Stimmberechtigt sind mit dem Deutschen Skiverband sowie den Verbänden für Bob und Schlitten, Curling, Eiskunstlaufen, Eishockey, Eisschnellauf und dem Alpenverein sieben Organisationen aus dem »Metier Schnee und Eis«. Kann das ein wahlentscheidendes Pfund sein?
Das ist Spekulation, weil es impliziert, dass die Wintersportverbände weitgehend einheitlich abstimmen. Davon kann man nicht ausgehen.
Bei insgesamt 144 Stimmen, die in Baden-Baden maximal abgegeben werden können, bräuchte einer der drei Bewerber für die absolute Mehrheit mindestens 73 Stimmen. Nach dieser Rechnung brächte der Wintersport mit jeweils drei Stimmen pro Verband deutlich mehr als ein Viertel für die absolute Mehrheit auf die Waage. Nun hat Elif Eralp, die für Die Linke in Berlin möglicherweise bald ins Rote Rathaus einzieht, sich bereits ablehnend gegenüber den Spielen geäußert. Noch dazu residieren mit Ausnahme der Eisschnellaufgemeinschaft, die ihren Sitz in Berlin hat, sämtliche anderen Wintersportverbände in Bayern. Beobachter sehen darin einen klaren Vorteil zugunsten Münchens. Sie auch?
Es gibt keinen Automatismus, der dazu führen würde, dass jeder Verband für die Bewerbung stimmt, die seiner Geschäftsstelle am nächsten ist. Bei dieser Entscheidung spielen viele Faktoren eine Rolle.
Welche Kriterien legt die Deutsche Eislaufunion als die entscheidenden zugrunde?
Wir folgen den fünf Kriterien der Ausschreibung. Kurz zusammengefasst sind das erstens die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die nationale Akzeptanz, zweitens die sportfachliche und operative Eignung, drittens die sportliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit, die Perspektive für den Nachwuchs sowie die Geschichte, die mit der Bewerbung erzählt wird. Viertens sind die Finanzen zu betrachten und fünftens eventuelle infrastrukturelle Sonderprojekte. Unser Verband ist schon recht weit mit seiner Bewertung der Bewerbungen.
Ist vom Wintersport ein »geschlossener Block« zugunsten Münchens denkbar?
Ich gehe davon aus, dass jeder Verband – das gilt für den Sommer- wie den Wintersport – einzig nach objektiven Kriterien entscheidet. Man tauscht sich ja mit anderen aus, nicht nur innerhalb der Gruppe der Wintersportverbände. Der Sitz des Verbandes war bei den Gesprächen, die ich bislang geführt habe, nie ein Thema. Wir alle wollen die Spiele nach Deutschland holen. Das kann am ehesten mit der besten Bewerbung gelingen, und diese gilt es, in Baden-Baden auszuwählen.
Die Verbände des olympischen Wintersports dürfen mitwählen, obwohl sie mit Olympia im Sommer nichts am Hut haben. Auf der anderen Seite ist der Deutsche Behindertensportverband vom Votum ausgeschlossen, obwohl mit den Sommerspielen zugleich die Paralympics nach Berlin, München oder in die Region Köln-Rhein-Ruhr geholt werden sollen. Was ist davon zu halten?
Der Deutsche Behindertensportverband hat nicht den Status eines Spitzenverbandes. Die Satzung des Deutschen Olympischen Sportbundes schreibt das so fest. Ich verstehe die Diskussion, halte es aber nicht für zielführend, so kurz vor der Abstimmung Grundsatzfragen aufzuwerfen.
Andreas Wagner ist seit Oktober 2022 Präsident der Deutschen Eislaufunion, dem nationalen Spitzenverband des Eiskunstlaufsports.
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