Zum Inhalt der Seite
Unblock Cuba!

Des Westens Krokodilstränen

Zum 100. Geburtstag von Fidel Castro veröffentlichen westliche Medien Berichte über den Benzinschwarzmarkt in Kuba. Die Ursachen verschweigen sie

Von Volker Hermsdorf
Foto: REUTERS/Norlys Perez
Die US-Benzinexporte ändern nichts an der von Washington forcierten Energiearmut in Kuba (Havanna, 21.7.2026)

Einen »boomenden, chaotischen Schwarzmarkt« bescheinigten westliche Medien, in diesem Fall das kanadische Portal We News, in den zurückliegenden Tagen dem sozialistischen Kuba. Grund dafür sollen angeblich US-Kraftstoffexporte sein, wodurch »die Ungleichheit« auf der Insel verschärft würde. »Sechs Jahrzehnte nach Fidel Castros Revolution zeigen sich kapitalistische Risse im kommunistischen Energiesektor Kubas«, kommentierte auch die Nachrichtenagentur Reuters die Situation in einer Reportage, die zwei Tage vor dem 100. Geburtstag des Revolutionsführers an diesem Donnerstag erschien.

Tatsächlich traten in Kuba am 4. August neue Regelungen in Kraft, die privaten Akteuren den Import und Verkauf von Benzin und Diesel erlauben. Auf seiten der USA wiederum ermöglicht eine Ausnahmegenehmigung US-Firmen, trotz der totalen Energieblockade, Kraftstoffe in geringen Mengen an private Restaurants, Einzelhändler und Taxibesitzer in Kuba zu exportieren. Bloomberg berichtete bereits am 18. Juni über bis dahin erfolgte »275 Lieferungen von Diesel und 82 von Benzin«. Laut dem Miami Herald haben US-Unternehmen aus Miami und Houston in der ersten Hälfte dieses Jahres Kraftstoffe im Wert von 96 Millionen US-Dollar an den Privatsektor der Insel exportiert. Dadurch würden »die Auswirkungen des Zusammenbruchs des öffentlichen Nahverkehrs, der Stromausfälle und des ins Stocken geratenen Wasserversorgungssystems« des Landes »abgefedert«, heißt es in der Reuters-Reportage vom Dienstag.

US-Außenministeriumssprecher Tommy Pigott erklärte gegenüber der Agentur, Washington erkenne »die erheblichen humanitären Bedürfnisse« der Kubaner an, und warf den Behörden in Havanna »Inkompetenz und Veruntreuung von Ressourcen« vor. Reuters beeilte sich, ihm beizupflichten, und schrieb, »vor aller Augen« sei ein »florierender Wiederverkaufsmarkt« entstanden. Für einen Liter Benzin und Diesel würden (umgerechnet) zwischen 2,16 und 4,30 Euro verlangt. Taxifahrer kassierten pro Fahrt 1.000 kubanische Peso – das 500fache des Bustarifs. »Das neue System bringt zwar eine gewisse Erleichterung, verschärft jedoch die Unterschiede«, trug Reuters vor.

Anzeige

Auch das in Madrid herausgegebene rechte Contraportal Diario de Cuba stellte am Dienstag den angeblichen Schwarzmarkt-Boom für importierte US-Kraftstoffe groß heraus – natürlich ohne zu erwähnen, dass diese mengenmäßig nur ein Tropfen auf den heißen Stein der von Washington forcierten eklatanten Energieknappheit im Lande sind. Die seit Beginn des Jahres aus den USA gelieferte Gesamtmenge macht beispielsweise nur einen Bruchteil der 730.000 Barrel Rohöl aus, die der russische Tanker »Anatoly Kolodkin« Ende März in Matanzas ablieferte.

In Folge der US-Ölblockade kann das Land mehrere – in den vergangenen Jahren mit großem Aufwand modernisierte – Anlagen zur dezentralen Stromerzeugung mit einer Leistung von insgesamt 1.400 Megawatt nicht betreiben, weil es an Brennstoff mangelt. »Wenn uns diese 1.400 Megawatt täglich zur Verfügung stünden, würden die täglichen Stromausfälle höchstens drei Stunden dauern und nicht zwanzig oder mehr, wie es unser Volk heute erdulden muss«, sagte Präsident Miguel Díaz-Canel am Montag in Havanna.

Die Vereinten Nationen betrachten »die ernsten Versorgungsengpässe beim Treibstoff auf der Insel mit Sorge«, erklärte der stellvertretende Sprecher des Generalsekretärs, Farhan Haq. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag vergangener Woche forderte er dazu auf, »Kuba zu unterstützen, um sicherzustellen, dass das Land den Treibstoff erhält, den es für seine grundlegenden humanitären Bedürfnisse benötigt«.

Die von westlichen Medien und Contras verbreiteten Berichte über einen angeblichen chaotischen Schwarzhandel mit den insgesamt geringen Mengen importierter US-Kraftstoffe lenken von solchen Forderungen ab. Sie verharmlosen die genozidalen Folgen der US-Ölblockade und schieben die Schuld in bekannter Täter-Opfer-Umkehr auf die »Unfähigkeit« staatlicher kubanischer Akteure und das »Scheitern« des sozialistischen Systems.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 13.08.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!