Am Pranger
Weil er eine geopolitische Analyse des linksliberalen US-Magazins The Nation zum jüngsten Massenzustrom von Migranten in die spanische Exklave Ceuta auf der Onlineplattform X geteilt hatte, sieht sich ARD-Afrika-Korrespondent Georg Restle einem Shitstorm, ausgelöst durch die Hüter der Staatsräson, in Politik und Medien ausgesetzt.
Ceuta sei »weder eine echte humanitäre Krise noch Teil eines antikolonialen Kampfes, sondern Teil der Bemühungen des wachsenden US-israelisch-marokkanischen Netzwerks (…), eine progressive europäische Regierung zu schwächen, Europa zu spalten und das Völkerrecht zu untergraben«, hatte Restle seinen Post am Donnerstag mit einem Zitat aus dem Beitrag »Die wahre Geschichte hinter der Menschenwelle, die nach Ceuta geströmt ist« des US-Politikwissenschaftlers Stephen Zunes überschrieben.
»Dass sich ein Journalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht schämt, Verschwörungstheorien zu verbreiten«, sei der Gipfel, schrieb Staatsministerin im Auswärtigen Amt Serap Güler (CDU) auf X. In Restles Post erkenne sie »Antisemitismus und Antiamerikanismus vom Feinsten«. Bild sah darin eine »billige Strippenzieherthese nach dem uralten Muster, wonach Juden das Weltschicksal lenken würden«.
Die FAZ führte gegen Restle ausgerechnet die Berliner FDP-Politikerin Karoline Preisler ins Feld, die zuletzt im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den CSD eine mediale Hetzjagd gegen einen gänzlich unbeteiligten Mann gestartet hatte. »Der Jude ist an allem schuld«, lautete Preislers Interpretation des Restle-Posts. Das rechte Krawallportal Nius kürte den ARD-Journalisten am Freitag zum »Antisemiten der Woche« und präsentierte zugleich eine eigene, »deutlich naheliegendere Erklärung« für die Ereignisse in Ceuta: »Eine großangelegte Schlepperaktion oder eine konzertierte Operation von Islamisten.«
Restle untergrabe die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, beklagte derweil Felix Schotland, Mitglied im Vorstand der Synagogengemeinde Köln und im Rundfunkrat des WDR, in einem von der Jüdischen Allgemeinen veröffentlichten Brief an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk.
Am Wochenende machte Restle auf X schließlich einen Teilrückzieher. Es sei ein Fehler gewesen, das Zitat »kommentarlos wiederzugeben«. »Ich mache mir dieses Zitat weder zu eigen noch hätte ich es selbst so formuliert«, schrieb er. Die außerhalb Deutschlands unbefangen diskutierte geopolitische Deutung der Ereignisse von Ceuta, auf die er mit seinem Post aufmerksam machte, nahm er damit allerdings nicht zurück. (nb)
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