Eine Marke für das Gute und Wahre
Wenn Aktivismus die Literatur verstellt: Sharon Dodua Otoos Romansimulation »So, in etwa, ist es geschehen«
Der Zweck heiligt die Mittel, heißt es. Das stimmt so pauschal natürlich nicht, und um so weniger in Angelegenheiten der Literatur, deren Zweck nämlich ihre Mittel sind.
Oder sein sollten, und es ist eher gegen den Betrieb als gegen die Autorin gerichtet, wenn man findet, etwas derart Ärgerliches wie »So, in etwa, ist es geschehen« von Sharon Dodua Otoo lange nicht gelesen zu haben; falls nicht sogar noch nie. Es ist nämlich nicht einmal so, dass es sich um schlechte Prosa aus schlechten Sätzen handelt; es handelt sich um überhaupt keine Erzählprosa im eigentlichen, engeren Sinn, denn kein Wort und kein Satz von Otoo weisen auch nur einen Hauch über sich hinaus: Sie sind allein das, was sie sind, und ganz und gar ihrer Absicht unterworfen, die da lautet: mitzuteilen, was Rassismus ist und was »Erinnerungskultur« und was der Kampf dagegen bzw. dafür; und dass also die Heldin, eine afrodeutsche Berliner Aktivistin und Anwältin, ihren alten weißen Mitaktivisten nach einer unfreiwilligen, von seinem Herrengeschwätz dominierten Autofahrt an die Ostsee umbringt, ohne dass das ernstlich einleuchten müsste.
Schon das ist nicht mehr als ein Trick, der über die Originalität dieser Täter-Opfer-Ambivalenz hinwegtäuschen soll. Dabei erzählt Otoo bloß einen psychologischen Roman ohne Psychologie, was die grobe Multiperspektivik – es gibt noch eine »Herausgeberin«, die den Haupttext, das Geständnis der Heldin, kommentierend begleitet – eher beleuchtet denn verschleiert, und all das wäre auszuhalten, wenn die Sprache nur eine wäre und nicht aus sozusagen dritter Hand. Otoo, die inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, ist in London aufgewachsen und hat einen guten Roman auf Englisch verfasst, bis sie, nach Berlin gezogen, sich auf deutsch versuchte. Das ist aller Ehren wert, schon weil die hippen Expats von Mitte es für kosmopolitisch halten, sich in der Landessprache nicht mal einen Flat White bestellen zu können. Aber die »Satire«, für die Otoo 2016 in allem Ernst den Bachmann-Preis bekam, war eine aus Einfach- und Pressedeutsch, ein Witz, und zwar einer auf Otoos Kosten, wenn man derlei nicht für weltoffen, sondern für quasikoloniale Herablassung hielt. Zehn Jahre später ist zwar der Kinderakzent weg, aber es ist jederzeit zu merken, dass Otoo – schon recht: ihre Ich-Erzählerin – ihr Deutsch von deutschen Zeitgenossen hat: dieser Wahnsinn aus extrem, spannend, krass, perfekt und definitiv, und dass die Heldin ihr Smartphone »Klugfon« nennt, macht es nicht besser, nein, wirklich nicht.
»Der mündliche Stil schafft Nähe, als klebte man selbst mit verschwitzten Beinen auf dem Rücksitz«, freute sich da die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, als gäbe es den »mündlichen Stil« nicht seit spätestens dem »Fänger im Roggen« und als hätte sich in den Jahrzehnten seither nicht die Erkenntnis durchsetzen können, dass auch ein mündlicher Stil, bitte sehr, Stil sein muss und nicht einfach Gerede, auch wenn – gerade wenn – die großen Themen verhandelt werden. Hier also das Schicksal des Großvaters, der als schwarzer KZ-Häftling den Untergang der »Cap Arcona« nur knapp überlebte, jenes Schiffs, das gegen Kriegsende aus Versehen von alliierten Flugzeugen versenkt wurde. An der Ostsee will die Heldin des Unglücks gedenken, und auf dem Weg dahin schwätzt die Karikatur des progressistischen Paschas (»Die Zeiten, in denen Frauen wirklich unterdrückt wurden, sind doch vorbei«) sich um Kopf und Kragen. Ambivalent ist daran gar nichts: »Ich möchte behaupten, dass ich es bereue, aber das wäre gelogen.« Klingt nach Literatur, ist aber bloß Aktivismus.
Identitätspolitik ist ja, wenn es drauf ankommt, wer spricht, und da ist es dann egal, wie man’s tut, solange die »Message« stimmt, und werde sie auch fadenscheinig unter Literatursignalen versteckt: »Denver schreibt mir jedes Mal, wenn ein Schwarzes Kind durch Polizeigewalt ums Leben kommt«, und damit, der Zynismus sei erlaubt, einen Text beglaubigen kann, der um so holzschnittartiger von Gut und Böse handelt, als er so tut, als tue er es nicht. Immerhin wirft er Fragen auf: Ist es nicht wiederum und immer noch herablassend, dass man bzw. »mensch« (Otoo) einer Autorin, die ja, ihr englisches Debüt bewies es, nicht prinzipiell literaturfern ist, derlei Verlautbarungsbelletristik nicht ausredet? Oder ihr mindestens Detailquatsch lektoriert wie den, dass die Beschlüsse einer aktivistischen Kleinstgruppe im Autoradio kommen? Und den größeren, dass – wegen Multiperspektivik, es ist ja nur in etwa so geschehen! – die letzten Stunden des Opfers in quälender Redundanz als vollständige Audiodatei transkribiert werden können, ohne dass man wüsste, wo sie herstammt: aus Versehen auf die Handyaufnahmetaste gedrückt und das Klugfon dann aufs Armaturenbrett gelegt?
Es ist, mit Nestroy, alles nicht wahr, und doch ist, gegen jede Empirie, aber eisern phrasentreu – »In der feinen, differenzierten Zeichnung der Figuren liegt die Stärke des Romans« (Saarländischer Rundfunk) – genügend Kritik begeistert, dass der Verlag »Otoo« auf eine Weise auf den Umschlag malen kann, dass klar wird, hier wird eine Marke geschaffen, eine Marke für das Gute und Wahre, wenn auch nicht eben Schöne, und dadurch das dann weder Gute noch Wahre. Es wäre nicht der schlechteste Grund, Rassismus und alles, was ihn prolongiert, aus der Welt zu schaffen, dass der Kampf gegen ihn nicht mehr als Vorwand für Manifeste dienen muss, auf denen dann »Roman« steht. Denn der Zweck von Literatur ist Literatur und nichts anderes.
Sharon Dodua Otoo: So, in etwa, ist es geschehen. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2026, 144 Seiten, 22 Euro
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