Hegen und pflegen
Leichter wird’s nicht: Ein Besuch in der linken Berliner Buchhandlung Schwarze Risse
Wie geht’s dem linken Buchhandel? Als wesentlicher Bestandteil linker Infrastruktur steht er längst unter hohem Druck: ökonomische Krise, Onlinehandel, Rechtsruck. Ich entschließe mich für eine Bestandsaufnahme in einem der bekanntesten linken Buchläden Deutschlands: Schwarze Risse im Berliner Mehringhof.
Gegründet wurde Schwarze Risse 1984. 15 Jahre später war ich erstmals dort – und begeistert. Kein Wunder für ein Landei aus dem Süden, das die autonome Szene Berlins in seiner Jugend zu einem Mythos verklärte. Das Internet steckte in den Kinderschuhen, ich fand hier Schriften, Flugzettel und Plakate, die völlig neu für mich waren.
Bevor ich 2007 mit meinem Buch »Neuer Anarchismus« in den USA auf Lesereise ging, lud man mich zu einer Veranstaltung ein. Sie wurde in einen Saal im Mehringhof verlegt, da das Ladenkollektiv von Schwarze Risse ein großes Publikum erwartete. Das blieb aus, aber ich habe die Veranstaltung trotzdem in guter Erinnerung. Ich bekam zu essen. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen, ist es aber nicht.
Ich habe mehrere Veranstaltungen im Laden besucht. Wie ein L geformt, erlaubt er den Vortragenden, das gesamte Publikum zu sehen, aber: Nicht jeder Besucher sieht jeden. Vorteilhaft, wenn unterschiedliche Fraktionen aufeinandertreffen.
Fraktionskämpfe waren für Schwarze Risse indessen nie ein großes Problem, das Angebot war immer breit gefächert. »Mit unserer Auslage und den Veranstaltungen positionieren wir uns natürlich auch, aber zu größeren Konflikten hat das nie geführt«, erklärt Olga, die seit vielen Jahren im Kollektiv tätig ist und während meines Besuchs arbeitet. Ein Stammkunde zeigt sich zufrieden: »Ich komme seit langem hierher. Das Sortiment ist klasse, alles ist übersichtlich geordnet.« Während ich in einer Broschüre zur Gefangenenhilfe blättere, holt ein junger Mann ein Buch über Hegel ab.
Natürlich haben sich seit meinem ersten Besuch Dinge geändert. Inzwischen gibt es eine hübsche Auswahl an englischsprachigen Büchern, dafür weniger Zeitschriften. Die bunte Mischung autonomer Blätter der 90er Jahre ist nicht mehr. Auch sind andere Themen gefragt. Weniger Nazismus, mehr antikoloniale Kämpfe, mehr postmigrantische Literatur.
Ich stelle die Gretchenfrage: »Wird der linke Buchhandel verschwinden?« Olga will keine Untergangsstimmung aufkommen lassen. Als Orte linker Infrastruktur seien Buchläden immer noch wichtig. »Ein linker Buchladen ist mehr als ein Buchladen.« Das hat nicht allein mit den Veranstaltungen zu tun. Linke Buchläden sind Szenetreffpunkt und Umschlagplatz für Poster und Aufkleber. Sie stellen ihre Adresse für verschiedene Initiativen zur Verfügung. Schwarze Risse ist für zahlreiche Büchertische bei Veranstaltungen verantwortlich. Ferner gibt es hier Publikationen, wie man sie nur in linken Buchläden findet. Weder gibt es sie im Netz noch bei den Großbuchhändlern.
Olga mahnt ein bisschen: »Wenn der Bewegung die linken Buchläden etwas wert sind, muss sie sie auch pflegen.« Aufgrund der Buchpreisbindung in Deutschland sind Bücher im Onlinehandel in der Regel nicht billiger. »Aber die meisten wissen das nicht.« Tatsächlich gehen viele davon aus, dass im Netz einfach alles billiger ist, andere bestellen dort aus Gewohnheit. »Wenn es mehr Bewusstsein dafür gäbe, wie es um linke Buchläden steht, wäre das sicher hilfreich.«
Ein solides Einkommen aus Buchverkäufen erleichtert es, der Versuchung zu widerstehen, sich um staatliche Subventionen zu bemühen. Etwas, von dem Schwarze Risse bisher immer Abstand genommen hat.
Bedauerlich, dass es keine koordinierte Vernetzung linker Buchläden in Deutschland mehr gibt. Entsprechende Strukturen brachen in den vergangenen Jahrzehnten weg. Dabei bleiben Austausch und gegenseitige Unterstützung wichtig wie eh und je, nicht zuletzt aufgrund der Repression, der viele Läden ausgesetzt sind. Es gibt bei Schwarze Risse eine lange Geschichte von Hausdurchsuchungen. In jüngerer Zeit mag der Laden davon verschont geblieben sein, doch die Extremismuskeule wird immer wieder geschwungen, möglicherweise auch mit Konsequenzen für andere Läden. So wurde der Buchladen »Zur schwankenden Weltkugel« aufgrund »verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse« von der Nominierungsliste des Deutschen Buchhandelspreises 2026 gestrichen. Vielleicht, weil er Anfang der 2000er Jahre in Prenzlauer Berg mit Hilfe des Schwarze-Risse-Kollektivs gegründet worden war?
Manche Betreiber linker Buchläden denken laut darüber nach, ob eine Infoladenvariante bald die einzig machbare sei, mit kürzeren Öffnungszeiten und Kollektivmitgliedern, die pro Woche ein paar ehrenamtliche Stunden stemmen. Nun sind auch Infoläden ein wesentlicher Bestandteil linker Infrastruktur, aber Infoläden und Buchläden sind nicht das gleiche. Längere, verlässliche Öffnungszeiten sind viel wert, und jeder Kundschaft nutzen Leute, die einen Laden und seine Auswahl richtig gut kennen.
Nach meinem Besuch bei Schwarze Risse liegen weite Wege vor mir, doch mit leeren Händen verlasse ich den Laden nicht. Ich habe unter anderem Informationsmaterial zu antirassistischen Kampagnen sowie Postkarten mit der Aufschrift »love books – hate fascism« dabei. Außerdem die aktuelle Ausgabe des Stressfaktors. Den gab es bereits 1999. Damals wie heute – ich bin beeindruckt.
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