Nackt bis auf die Maske
Materie und Gedächtnis so erfolgreich wie nie: »Spider-Man: Brand New Day« von Destin Daniel Cretton
Bildlich vorstellen ist nicht erinnern. Eine aktuelle Erinnerung kann in einem Bild leben, gleichsam, aber das Bild selbst erinnert sich nicht. Auch nicht das Bild, das Spider-Man (Tom Holland) sich von sich macht, nachdem er die Erinnerung an das bzw. wer er wirklich ist (der Physikstudent Peter Parker) am Ende von »Spider-Man: No Way Home« (2021) von den hilfreichen Kräften des Dr. Strange hat löschen lassen, nicht ohne zu versprechen, er würde sich zumindest seinen Freunden – MJ (Zendaya) und Ned (Jacob Batalon) – noch erklären.
Das ist die Ausgangslage in »Brand New Day«. Die Polizei – stellvertretend Detective Jeanne DeWolff (Liza Colón-Zayas) – und die ganze Stadt New York wissen, dass er (irgendwie immer) da ist, aber nicht, wer er ist. Niemand hat ihn ohne Maske gesehen. Diejenigen, die es taten, erinnern sich nicht. Sie kennen ihn nicht, auch wenn sie wie Ned eine App entwickelt haben, die jeweils die letzte öffentliche Sichtung von Spider-Man im Kartenuniversum des Smatrtphonescreens anzeigt.
Bekanntlich bleibt das Marvel Cinematic Universe eine Herausforderung an jedes Gedächtnis. Zum einen ist seine Verweispolitik – auf sich selbst und alles, was da als Film, Fernsehen, Computerspiel und Comic Book so dranhängt – geradezu übermenschlich unübersichtlich (geworden). Fusion und Konfusion sind Hauspolitik. Zum anderen ist die konkrete Manipulation oder auch nur die Aktualisierung des Gedächtnisses nicht zufällig sehr häufig das Sujet der Filme selbst. Erinnerungen werden gelöscht oder fabriziert. Jede Erinnerung ist Fiktion, aber das bekümmert den Akt des Erinnerns selber wenig. Peter Parker zum Beispiel muss sich ständig erinnern, wie er geworden ist, was er zu sein scheint. Das ist eines der Hauptthemen des neuen Films, der in dieser Hinsicht an den bisher schönsten aller Spider-Man-Filme, Sam Raimis »Spider-Man 2« (2004), erinnert. Nur dass Spider-Man damals noch Tobey Maguire und kein Teil des MCU und Kirsten Dunst als Mary Jane natürlich eine andere Nummer war. Im Schauspielberuf mit den Schwierigkeiten des Doppellebens bestens vertraut, wusste sie auch, dass Spider-Mans entsagende Heldenmoral (es sei viel zu gefährlich, ihn, der zu viele Feinde hat, zu lieben) nichts als dumpfe Heuchelei ist. Es sei schließlich ihr Risiko, ihre Entscheidung, die ihr keiner abnehmen könne. Und damit ist klar, dass die große Verantwortung, von der Spider-Man hin und wieder spricht, letztlich die Verantwortung der Intimität ist, Risiken einzugehen, um zu lieben oder zu überleben.
Zendayas MJ (keine Schauspielerin mehr, sondern die MIT-Studentin Michelle Jones-Watson) kann sich freilich nicht erinnern. Sie fragt sich nur, wer der Typ ist, der uneingeladen auf ihrer Einzugsparty (sie und Ned sind aus Boston zurück in New York) Blumen mitgebracht hat, oder warum diese Spinne vorzugsweise vor ihrem Schlafzimmerfenster herumkrabbelt. Der Tom-Holland-Spider-Man ist entsprechend zölibatär. Er hat aber nicht nur ein Sex- und Identitätsproblem, er verändert sich, er mutiert, wird mehr Spinne, als ihm lieb ist, produziert eigene Spinnenfäden, aus einem Alptraum erwacht er im eigenen unfreiwilligen Netz, die Augen werden schwarz, die Kräfte vorläufig unkontrollierbar.
Spider-Man mutiert also wie das MCU. Veränderungen waren nach Jahren der Pleite auch notwendig. Alles steuert auf den »Doomsday« der Avengers zu (geplanter Starttermin: 16. Dezember). Fürs erste musste ein »neuer« Regisseur her. Es ist ausgerechnet der Regisseur des MCU-Desasters »Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings« (2021), Destin Daniel Cretton, geworden. Er hat sich an zwei Dinge zu halten: die Computerspiel-Spider-Man-in den-Straßenschluchten-von-New-York-Action im IMAX-Stadtpanoramaformat und die eher melodramatisch psychologische Haltung von »Spider-Man 2«. Auf die gängige Formel vom Kampf gegen Superschurkenmonster und Countdown zum Weltuntergang wird weitgehend verzichtet. Spider-Man ist ein Kind der Stadt New York, deren Panorama ist insbesondere in der Ausfransung des Frames in der IMAX-Fassung omnipräsent. Kaum ist Spider-Man für eine kleinere Verfolgungsjagd auf der Straße, bemerkt man am Bildrand eine Stadtführung für Touristen, bei der beiläufig erwähnt wird, dass genau dieser Stadtteil (Midtown Manhattan) bei der »Battle of New York« zu größeren Teilen zerstört und mittlerweile neu aufgebaut wurde. Nebenbei erinnert die Erwähnung der Schlacht an den ersten »Avengers«-Film von 2012, in dem sie stattfand.
Und obwohl Spider-Mans Markenzeichen ist, am seidenen Faden von Stahlträger zu Stahlträger in der Skyline seiner Heimatstadt zu schweben, ist er im Vergleich zu den Avengers eher bodenständig. Er ist für die kleinen Kartoffeln zuständig, die Avengers für die großen, bekommt er gesagt. Von einem eher marginalen Mitglied der Avengers selbst: Black Widows Adoptivschwester Yelena Belova (Florence Pugh), die in einem russischen Bad ihr Büro für Geheiminformationen eingerichtet hat und (in der OV) mit fett aufgetragenem russischen Akzent Auskunft erteilt. Nackt, wie es sich fürs russische Bad gehört. Selbstredend ist auch Spider-Man nackt bis auf die Maske, von Black Widow blitzpsychoanalysiert und informiert.
Die Szene im russischen Bad ist natürlich auch ein Verweis auf das Krimigenre als solches (der Detektiv findet seine Informanten oft an pittoresken Orten). Tatsächlich ist »Brand New Day« zum Teil so etwas wie die Parodie eines Kriminal- oder auch Vigilantefilms. Bezeichnenderweise ist auch Frank Castle (Jon Bernthal), der Punisher, diesmal Spider-Mans wichtigste Helferfigur: New York Noir.
Die Hybridisierung der Filmgenres gehört zum neuen Spider-Man wie Hybridisierung und Mutation zur Evolution der Arten. »Brand New Day« zeigt die Liebeskomödie des unbekannten Gastes genauso wie die psychologische Konfusion der Körpermutation und die Verschwörung des New York Noir.
Spider-Man ist auf der Suche nach dem Bösewicht und weiß nicht, wer es ist. Jemand mit außergewöhnlichen Fähigkeiten einer »mind control«, der unbescholtene Bürger dazu bringen kann, das Hauptquartier einer ominösen Institution, dem Department of Damage Control, stürmen zu wollen. Selbst der Blindeste sieht natürlich von Beginn an, dass die Institution selbst der Schaden ist, den zu kontrollieren sie vorgibt, insbesondere wenn der Institutsleiter – Bill Metzger (Tramell Tillman) – Afroamerikaner ist, so wie die leitenden Polizeioffiziere im US-amerikanischen Kriminalfilm es für gewöhnlich sind. Die Konvention wird schlicht umgekehrt. Aus der tokenistischen, sanften Vorstellung von der Autorität wird eine direkt sinistre Autorität. Der Schaden ist Kontrolle, Kontrolle der Schaden. Besonders der Dachschaden. Brain Damage und Mind Control (die Geheimnisse von Krieg und Kino).
Der nicht nur kommerzielle Triumph des MCU ist ja, dass es aufzeigt, wie vermarktbar noch der schlimmste Dachschaden ist und so ein Dachschaden möglicherweise doch zum Vorteil aller kontrollierbar. Der nunmehr aggressiv mutierende Spider-Man holt da plötzlich vieles ein und bekommt auch akademisches Anschauungsmaterial von Figuren, die sich mit Dachschäden so gut auskennen wie der Hulk (Mark Ruffalo) oder sogar Jean Grey (Sadie Sink) von den X-Men.
Beschädigt braucht auch Spider-Mans Erinnerung mehr Stützen denn je. Dafür hat er MJ einen Liebes- und Geständnisbrief geschrieben, der niemals abgesandt wurde. Der Brief liegt ständig herum, um endlich aufgelesen zu werden. Er kommt an, so wie so ein Brief immer ankommen muss, aber eine aktuelle Erinnerung wird er nicht ersetzen können. Die ist nur auf dem Postweg nicht zu haben. Wieder zu haben ist aber das Vertrauen in die popkulturelle Mythologie, der sich das MCU letztlich ja verdankt. Und mit diesem Vertrauen auch das Selbstvertrauen, das dieser Film plötzlich wieder ausstrahlt.
→ »Spider-Man: Brand New Day«, Regie: Destin Daniel Cretton, USA/UK/BRD/Kanada 2026, 145 Min., bereits angelaufen
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