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29.04.2026
- → Feuilleton
Ein Haufen Probleme
Ein Ruhm, der nicht totzukriegen ist: Das Biopic »Michael«
Es war einmal in der Stadt Gary, Indiana, am 29.8.1958, da Peter Pan unter dem bürgerlichen Namen Michael Joseph Jackson geboren wurde. Später nach seiner Heimatstadt gefragt, sollte er sagen: »Ich war so klein, ich kann mich nicht daran erinnern.« Einer seiner frühen Biographen (»The Michael Jackson Story«, 1984), der Musikjournalist Nelson George, bemerkt lakonisch: »Gary wird kaum als eine der hübschesten Städte des Landes in Erinnerung bleiben.« Ein Euphemismus, gilt Gary, Indiana doch als der Inbegriff unwirtlicher urbaner Grässlichkeit. Verfall, Gefahr, Sin City.
Antoine Fuquas Biopic »Michael« beginnt mit einer Totalen der Stadt, um dann ins Wohnzimmer der Familie Jackson in ihrem Häuschen in der (tatsächlich) Jackson Street 825 zu zoomen, wo die fünf Söhne der Familie unter der brutalen Aufsicht des väterlichen Oberhauptes Joseph Jackson (Colman Domingo) ihre Bühnenchoreographie einüben. Man schreibt das Jahr 1966. Und das Ziel ist: Nichts wie weg aus der Stadt und von der Arbeit im Stahlwerk.
Ein kleiner Anflug biographischer Realität im Drehbuch von John Logan (Mitautor von doch recht erfolgreichen Filmen wie »Gladiator«, dem Howard-Hughes-Biopic »Aviator« oder den James-Bond-Filmen »Skyfall« und »Spectre«; ein Profi). Es ist ansonsten nicht weiter wichtig, das »Reich der Tatsachen« in dem Film. Man sollte ihn betrachten, wie Richard Brody, der Filmkritiker des New Yorker, es aus gegebenem Anlass getan hat, so »als handele es sich um Fiktion über eine fiktive Figur«: »Michael«. Einer, der auszog, der berühmteste Mensch der Welt zu werden. Oder Peter Pan, aus dem Buch, das der junge Michael (Juliano Vali) in dem Film liest, wenn der Vater ihn einmal mehr geprügelt hat.
Die Fiktionalisierung der Figur ist nicht einmal das Hauptproblem des Drehbuchs, das unzählige Male umgeschrieben werden musste, so wie der Film – mehrfach gekürzt, umgeschnitten, zum Nachdreh verdammt.
Zu viele Personen wollten darin nicht vorkommen und haben dem juristisch Nachdruck verliehen. Und so hat dieser Michael anscheinend nur vier Brüder, sein jüngerer Bruder Randy, der immerhin seinen ältesten Bruder Jermaine (Jamal Henderson) in der Gruppe Jackson 5/The Jacksons ersetzte, als Jermaine die Gruppe zwischenzeitlich verließ, weil er als Ehemann von Barry Gordys Tochter Hazel nicht die Plattenfirma Motown verlassen wollte/konnte wie die anderen Jacksons, und darüber hinaus ein mehr als passabler Songwriter ist. Im Film hat Michael anscheinend auch nur eine Schwester – La Toya (Jessica Sula) – und nicht drei (Rebbie und Janet Jackson wollten mit dem Film nichts zu tun haben). Andere große Abwesende: Diana Ross (die erste Jackson-5-LP trug 1969 nicht zufällig den Titel »Diana Ross Presents The Jackson 5«), die Religion (Zeugen Jehovas) oder die Vorwürfe wegen Kindesmissbrauchs gegen Michael in den 90ern …
Zu den unzähligen Ungereimtheiten kommen pikante bis verstörende Details. Zuvorderst der Umstand, dass der erwachsene Michael von Jermaines Sohn Jaafar gespielt wird. Oder dass Jacksons langjähriger Anwalt John Branca (Miles Teller) Koproduzent des Films ist und sich auch gleich eine gewichtige Rolle hat hineinschreiben lassen (er bringt dem nach dem berüchtigten Brandunfall beim Dreh eines Pepsi-Werbespots im Hospital liegenden Michael einen Teddybären ans Bett).
Der Film ist auch dramaturgisch eine Katastrophe, erschöpft sich in einer Lahme-Enten-Version der Laufbahn des romantischen Genies: Berufung (»I Wanna Be Where You Are«, 1972) Aufstieg (»Don’t Stop ’Til You Get Enough«, 1979), Triumph (»Torture«, 1984) und Niedergang (»Bad«, 1987).
Immerhin werden Musik, Musikvideos und Live-Auftritte der Jackson(s)-Karriere kompetent nachgestellt. Was wohl der Grund dafür sein dürfte, dass dieser Film trotz aller Widrigkeiten von sehr vielen Leuten angeschaut und goutiert werden wird.
Allein bei seinem Start am vergangenen Freitag in Nordamerika habe er knapp 40 Millionen US-Dollar eingenommen und damit die Branchenerwartungen weit übertroffen, berichtete Variety. Die Figur Michael Jackson ist offenbar für sehr viele Menschen weiterhin ungebrochen attraktiv. Und kaum jemand hat den Grund besser ausformuliert als der Musikkritiker Greg Tate seinerzeit in seinem Nachruf auf Jackson (»The Man in Our Mirror«, Village Voice, 1.7.2009):
»Die absolute Ironie all der Witze und Spekulationen darüber, dass Michael versucht habe, sich in eine europäische Frau zu verwandeln, besteht darin, dass seine Musik (und sein Tanzstil) nach James Brown den Inbegriff – einen der mächtigsten Höhepunkte – dessen darstellen, was wir als Black Music bezeichnen. Zu unserem Glück hatte jene verdächtige Hautaufhellungskrankheit, die seine ›Black-nuss‹ durch physische oder psychologische Mittel wegbleichte, keinerlei Einfluss auf die Field Hollers, die in seiner Stimme spürbar waren, oder auf den Elektromagnetismus, der Treibstoff seines eleganten und unerklärlichen Rhythmusgefühls, seiner Flexibilität und seiner fließenden Bewegungen war.«
→ »Michael«, Regie: Antoine Fuqua, UK/USA 2026, 127 Min., bereits angelaufen
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