Theatermanie
Zum 30. Todestag von Rio Reiser
Wenn man in deiner Geburtsstadt eine Straße nach dir benennt, sobald alles vorbei ist und ewige Nachtschicht angesagt, dann hast du es wohl geschafft in dieser Stadt und meist auch anderswo. Rio Reiser könnte das von sich behaupten. Zumindest seit nach einigem Hickhack im August 2022 der Heinrichplatz in Kreuzberg endlich in Rio-Reiser-Platz umgetauft wurde.
Geboren wurde er als Ralph Möbius am 9. Januar 1950 tatsächlich in Westberlin, wuchs aber nicht in der Stadt auf. Sein Vater war Ingenieur (»vom Stamme der Siemensianer«, Reiser über seine Herkunft) und wechselte gern und häufig Wohnort und Arbeitsplatz. Das hinterließ Spuren. »›Links‹ sein hieß für uns auch, anti-schwäbisch sein«, schrieb er in seiner lesenswerten Autobiographie »König von Deutschland«.
Zu seinen unterschätzten Eigenschaften gehörten der bittere Humor und die intime Kenntnis bestimmter Berliner Soziotope, deren direkte oder indirekte Beschreibung kein unwesentlicher Teil seines Werkes ist. Ein anderer wesentlicher Einfluss war die Theaterbegeisterung seiner beiden älteren Brüder Peter und Gerd Möbius. Sogar seinen Namen hat er deren Theatermanie zu verdanken. Als er einen Bühnennamen brauchte, nannte er sich wie zuvor schon Bruder Gert »Reiser« nach Karl Philipp Moritz’ Roman »Anton Reiser«. Um 1790 war die theatralische Sendung durchaus die Entsprechung zur Rockstarsehnsucht der 1970er. Neben seinen bekannten Platten (mit Ton Steine Scherben und solo) hat er überraschend viele Bühnen-, Film-, und Fernsehmusiken komponiert.
Mitte der 70er verließen Ton Steine Scherben ihr Westberliner Soziotop am Tempelhofer Ufer, um auf einem Bauernhof im nordfriesischen Fresenhagen ihr eigenes Woodstock zu gründen. Fresenhagen sollte buchstäblich bis zuletzt Reisers Rückzugsort und Arbeitsdomizil bleiben. Zehn Jahre nach dem Einzug war aber als Folge einer miserabel organisierten Tournee von dieser Idee nur ein Schuldenberg übrig. Einige Scherben gingen zum Sozi, Reiser zu Sony: »Ich war bereit, mich einer Plattenfirma hinzugeben«. Bereits 36jährig sattelte Rio Reiser mit der tatkräftigen Hilfe von Annette Humpe und seinem Manager George Glueck auf Popstar um. Für die PR-Maschine deutscher Provinz hatte er vielleicht ein zu waschechtes Drogenproblem (ein Kerzenhalter voller Kokain, der andere voller braunem Zucker) und war zu allem Überfluss hundertprozentig schwul. In Deutschland hatte man nur langsam begriffen, dass es immer die Freaks sind, die die Kassen klingeln lassen. Aber selbst für einen König von Deutschland klingelte die Kasse nie so richtig groß. Inmitten einer Ruhepause von einer desaströsen Tournee starb Rio Reiser am 20. August 1996 erst 46jährig in Fresenhagen. Er wollte vermutlich eher Iggy Pop sein oder Marlene Dietrich als König von Deutschland, und wenn diese beiden in der Summe wohl mehr gute Platten gemacht haben als er, so ist es ihm dennoch so gut wie kaum einem anderen gelungen, in einer Provinz der Widrigkeiten eine Mischung aus Iggy Pop und Marlene Dietrich hinzulegen.
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