Die Axt im Benz
»Radikale Hoffnung – Kunst und Arbeitskampf« im Kunstmuseum Gelsenkirchen
Bei der Ausstellung »Radikale Hoffnung – Kunst und Arbeitskampf« in der »Stadt der 1.000 Feuer«, wie Gelsenkirchens historischer Beiname wegen der früheren Koksöfen, Hochöfen und Gasfackeln der Montanindustrie lautet, beziehen sich die Kuratorinnen Julia Höner und Friederike Sigler auf den US-amerikanischen Philosophen und Psychoanalytiker Jonathan Lear. Radikale Hoffnung im Sinne Lears beschreibt die »Hoffnung darauf, dass (in der Zukunft, J. S.) etwas Gutes hervortreten wird, selbst wenn man gegenwärtig noch nicht über die Begriffe verfügt, mittels derer man sich dieses Gute verständlich machen kann«. In der Ausstellung wird nachgezeichnet, wie Künstlerinnen und Künstler von der Moderne bis in die Gegenwart Arbeitskämpfe thematisieren – dokumentarisch, poetisch, kritisch, radikal, solidarisch.
Im Eingangsbereich des Museums ist ein Extrablatt der Bergarbeiterzeitung von 1912 leicht zu übersehen. Dort heißt es, die Revierkonferenz habe beschlossen, in den Streik zu treten, nachdem die Zechenverwaltungen die Forderungen der Ruhrbergleute abgelehnt hatten. Die Konferenz richtete einen Appell an die Ruhrbergleute zur Besonnenheit, Ruhe und Disziplin und zur strengen Meidung des Alkohols. Bereits im September 1909 hatte der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei die Parole »Arbeiter, meidet den Schnaps!« ausgegeben.
Es empfiehlt sich, zunächst den kleinen Raum anzusteuern, der dem druckgraphischen Bildzyklus »Ein Weberaufstand« (1893–1897) von Käthe Kollwitz gewidmet ist, in dem sie den tödlichen Zwiespalt zwischen existentieller Abhängigkeit von der Lohnarbeit und der tödlichen Gefahr bei Arbeitskämpfen in einer Zeit ohne Streikrecht aufzeigt. Zu den heutigen Chronistinnen von Arbeitskämpfen zählt Małgorzata Mirga-Tas. Ihre textilen Bildwelten erzählen Geschichten von Gemeinschaft und Selbstermächtigung, die tief verwurzelt sind im Leben der Roma-Gemeinschaften. Mit ihrem Werk »Katarina Taikon: 1965 (Protest)« von 2024 würdigt sie die schwedische Aktivistin, die 1965 die erste Romani-May-Day-Demonstration in Stockholm anführte und dabei ein Schild trug mit der Aufschrift »In die Erwachsenenbildung investieren«. In Italien begannen in den 1970er Jahren viele Künstlerinnen, die feministischen Arbeitskämpfe sowohl aktivistisch als auch in ihrer Kunst zu verhandeln. Dazu gehörten Milli Gandini, Mariuccia Secol und Mirella Tognola, die 1974 das feministische Kollektiv »Immagine« gründeten. Gandini machte ihren Kochtopf zum Streikobjekt, indem sie ihn mit Stacheldraht umwickelte, während Secol ihre Schürze auf eine Leinwand tackerte. Nicole Wermers, Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in München, hat einen weiblichen Akt aus Gips auf einem Reinigungswagen abgelegt – Frauenarbeit materialisiert sich hier doppelt, in der Putzarbeit sowie in der Arbeit als Modell. In dem Video »Mercedes Matrix« (2019) von Selma Selman zerlegen die Künstlerin und gut gekleidete Mitstreiter mit Äxten gekonnt einen Benz-Kombi, um Materialien zu gewinnen, die künstlerisch und wirtschaftlich weiter verwertbar sind. Ein dokumentarischer Bereich ist den Frauen des Gelsenkirchener Fotolabors Heinze gewidmet, die 1981 nicht zuletzt dank großer Solidarität ihre Forderung »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit« durchsetzen konnten.
Gustav Metzger, Protagonist der »Auto-destructive art«, ist mit dem kinetischen Werk »Drop on Hot Plate« (1968) vertreten, bei dem Wassertropfen stetig auf einer heißen Platte verdampfen. Metzgers Aufruf zum Kunststreik im Jahr 1974 folgte nur er allein. Seine Kolleginnen wollten lieber auf dem Kunstmarkt reüssieren.
Der Besuch der Ausstellung lohnt sich allein schon wegen des Reenactments einer Demonstration von 5.000 britischen Bergleuten in Orgreave während des letzten Bergarbeiterstreiks im Jahr 1984, den die »Eiserne Lady« Margaret Thatcher brutal niederknüppeln ließ, um die traditionelle Arbeiterklasse dauerhaft zurückzudrängen. Die staatstreuen Medien halfen ihr dabei, indem sie die Streikenden als Aggressoren diffamierten. Jeremy Deller hat die Knüppelorgie vom 18. Juni 1984 2001 mit 800 Beteiligten, darunter auch ehemalige Streikende und Polizisten, reinszeniert und exzellent filmen lassen.
Auf Nicolás Guagninis »Work #8« (2012) tritt aus der zunächst weiß wirkenden Bildoberfläche der Schriftzug »Ne travaillez jamais« hervor.
Guy Debord (1931–1994) malte 1953 die Parole »Ne travaillez jamais« (»Arbeitet nie«) an eine Wand in der Rue de Seine von Paris. Laut Debord, Mastermind der Situationistischen Internationale, ist das Spektakel der Moment, worin die Ware zur völligen Besetzung des gesellschaftlichen Lebens gelangt ist und die menschliche Arbeit die Grundlage eines fetischistischen Akkumulationsprozesses bildet. Dies provoziere eine Situation der totalen Entfremdung, in der die Individuen nur noch »spectateurs du spectacle« (»Zuschauer des Spektakels«) seien. Nichts von der in der Arbeit gestohlenen Tätigkeit könne sich in der Unterwerfung unter ihr Ergebnis wiederfinden. Debord war möglicherweise von dem Dichter Arthur Rimbaud inspiriert, der in seinem Werk »Une saison en enfer« (»Eine Zeit in der Hölle«) schrieb: »Jamais, jamais je ne travaillerai« (»Niemals, niemals werde ich arbeiten«). Die Surrealisten gaben 1925 unter Anknüpfung an Paul Lafargues Schrift »Le droit à la paresse« (»Das Recht auf Faulheit«) von 1880 die Parole »Krieg der Arbeit« aus. Louis Aragon verkündete, er werde vor allem »der ekelhaften Arbeit« gehörig die Meinung sagen. Im Begleitheft zur Ausstellung wird die Debordsche Parole als »weitgehend sinnentleert« bezeichnet, »vor dem Hintergrund datenbasierter, oft unsichtbarer Arbeitsmilieus und den damit einhergehenden Prekarisierungsformen«. Dadurch wird die Lohnarbeit jedoch nicht abgeschafft, durch Prekarisierung schon gar nicht, so dass Debords »Arbeitet nie« nichts an Aktualität verloren hat.
→ »Radikale Hoffnung – Kunst und Arbeitskampf«, Kunstmuseum Gelsenkirchen, bis 4. Oktober 2026, Eintritt frei, kunstmuseum-gelsenkirchen.de
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