Das Gift ist der Becher
Schönschreibmaschinen im Test: Hannes Bajohrs und Ann Cottens Sammelband »Schreiben nach KI«
Keine Panik, wir sind bereits untergegangen. Die Plagen, die uns die Ernte wegfressen wollen, ziehen hungrig wieder ab. In der Literatur gibt es nichts mehr, was die sogenannte künstliche Intelligenz noch verheeren kann, wurde das Publikum doch abgeschafft und Autorin bzw. Autor vor Armut und Einsamkeit blöd und irre.
Der Buhei um die Kunst aus dem Apparat entspringt einem gesellschaftlichen Kontext, der Leben, das mehr als Überleben ist, abgewrackt hat: »Das Gift ist nicht in der Flüssigkeit, es ist der Becher selbst; achte darauf, wer dir das Wasser reicht«, schreibt der Berliner Dichter Kai Pohl in seinem Beitrag »Asket knotet Lyrik zu Elektrosyntaktik« für den Band »Schreiben nach KI«. Der wurde Ende vergangenen Jahres von Hannes Bajohr und Ann Cotten im Matthes-&-Seitz-Imprint Rohstoff-Verlag herausgegeben – ein Sammelband, mit dem man den »schreibmedialen Schwellenmoment« aus der »gegenwärtigen Umbruchszeit« reflektieren will, wie Bajohr und Cotten im Editorial schreiben: »nach der Einführung großer Sprachmodelle, vor ihrer völligen lebensweltlichen Normalisierung«.
»Dass ein Großteil des Journalismus von KI bestritten werden könnte und in Kürze auch wird, duldet keinen Zweifel«, hält Florian Neuners »Plädoyer für die Industrialisierung der Romanproduktion« fest, und niemand in der Branche fröstelt mehr ob der längst hereingebrochenen Eiszeit. Neuner verweist auf kapitalistische Zustände, in denen bereits wegrasiert wurde, was im Presse- und Literaturbetrieb nicht niet- und nagelfest ist bzw. nicht Fitzek oder Link heißt: »gegen (…) kostenintensive, weil qualifiziertes Personal erfordernde Mätzchen haben sich die großen Verlagshäuser inzwischen entschieden, die am Markt mit kaputtgesparten, immer schlechter gemachten Produkten zu überleben hoffen.« Andere, kleinere, keine Scheiße feilbietende Verlage haben zumeist alle Hoffnung fahrenlassen und krepieren reihenweise.
Technischer Fortschritt in Ausbeutungsgesellschaften bedeutete einst noch, dass durch ihn zwar die Exploitation verschärft wird, die industrielle Revolution jedoch auch neben Massenprodukten einen materiellen Vorschein lieferte, wie reich und wissend eine Gesellschaft werden kann, die die alten Eigentumsverhältnisse umgestürzt hat. Die Aussichten mit KI scheinen dagegen trübe und mickrig: »Das Digitale birgt kein revolutionäres oder utopisches Versprechen mehr«, schreibt Philipp Schönthaler reichlich technikverdrossen in seinem Essay »Perfekte Texte, schwache Theorie«. Und: »Aus der machtlosen Position der Literatur heraus erscheint es mir daher abwegig, sich zum Fürsprecher digitaler Anwendungen zu machen, die im Dienst kapitalistischer und geopolitischer Interessen stehen. Bedeutsamer scheint es mir allerdings, dass es heute dringlicher denn je ist, die angebliche Unausweichlichkeit des technischen Fortschritts in Frage zu stellen.« Der Literat will nicht empfehlen, weil er Literat ist, will aber zweifeln, weil er Literat ist. Beim Perspektivenreiten geht’s mal hü, mal hott.
Dabei sind der Sammelband bzw. die Beiträgerinnen und Beiträger selbst ein gutes Beispiel dafür, wie technischer Fortschritt im allgemeinen und Large Language Models (LLM) im Konkreten zu einem besseren Leben verhelfen könnten, vor dem der Kapitalismus seine systemischen Grenzen geschlossen hält. Martina Hefter etwa hat für »Etwas über KI, von dem ich nicht weiß, ob ich jetzt viel Neues sage« ein Gerät zugelabert, das ihr gesprochenes Wort in Text verwandelte. Der bildungskleinbürgerliche Straßeneckenmonolog, bei dem der inhaltliche Mehrwert großzügig ausgespart wurde, ist nicht zuletzt ein Ergebnis der Verhältnisse: »Bei mir gibt es einfach andere Prioritäten im Leben, die eine davon ist, dass ich pflegende Angehörige eines schwer kranken Partners bin und nicht so viel Zeit habe.« Wer kann noch schreiben, wenn gesellschaftliche Aufträge, wie die Pflege von Kranken, Kindern und Alten privatisiert und auf eine abgewälzt werden? Wer kann noch lesen, wenn mit der Schleifung der Bildung die Reanalphabetisierung einen Sieg nach dem anderen feiert?
Dass vom hochspezialisierten Personal bis zur Billiglöhnerin niemand mehr Goethe gelesen hat und wenige mehr als Hauptsätze schriftlich zustande bekommen, schmälert selten Profite und stört zumal bei der Bundeswehr nicht. Dass »Schreiben nach KI« vor Fehlern strotzt, teils halbgar legitimiert damit, dass sie von den die Dusseligkeit der sie Steuernden adaptierenden Maschinen so ausgespuckt worden sind, stört dann wiederum doch, ebenso wie der Überbietungswettbewerb, möglichst kreativ zu gendern, auf dass selbst vergrätzt wird, wer der geschlechtersensiblen Sprache grundsätzlich zugeneigt ist.
Die Lektüre ist nichtsdestotrotz ein Gewinn und der Band darf – auch wenn zum Thema eine dünne Neuigkeit die nächste jagt – noch in Zukunft vom Maschinenstürmer wie der Akzelerationistin zur Hand genommen werden. Juan S. Guses »Das kombinatorische Seekuh-Prinzip« zeigt, wie LLMs die Kreativität anstupsen können. Monika Rincks lyrische Versuchsanordnung wiederum macht die »Große Verschlechterung« deutlich, die Chat-GPT und Co. anrichten, lässt man sie poetisch planieren.
Der Ausblick, den Autorinnen und Autoren in »Schreiben nach KI« geben, ist zu Recht verzagt und oft mit Wünschen versehen: Jenifer Becker etwa erhofft sich »keine generische KI-fizierung der Kulturindustrie, sondern ein Nebeneinander unterschiedlicher Formate, die durch kollaborative Arbeitsweisen zwischen Mensch und Maschine entstehen«.
Die Buchbranche – einst von Konsaliks Zitzen genährt –, wird ökonomisch von Buntschnittbüchern über Wasser gehalten. Die kommen so oder so, ob nun von einem LLM verbrochen oder von einer Entität mit Personalausweis, aus dem Automaten. Für Literatur mit einem anderen, größeren Anspruch gelten derweil Kai Pohls Worte: »Einer solchen Intelligenz ziehen wir wirkliche Blödheit vor.«
→ Hannes Bajohr/Ann Cotten (Hg.): Schreiben nach KI. Eine Umfrage unter Autornnnie. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2025, 346 Seiten, 15 Euro
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