»Au Backe! Et klingelt«
»Ein Ferngespräch« – Kleine Geschichten aus der Weimarer Republik im Münchner Lenbachhaus
Die Weimarer Republik – vom Kieler Matrosenaufstand, der Niederschlagung des Spartakusaufstandes, der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, der gewaltsamen Unterdrückung der Münchner Räterepublik und dem Terror der Freikorpssoldaten im Ruhrgebiet 1920, von körpergepanzerten Soldaten, Schergen mit Fragmentkörper (wie von Klaus Theweleit in seinem Werk »Männerphantasien« 1977/78 beschrieben) bis zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 durch Hindenburg und zur Errichtung des faschistischen Regimes. Der Männertyp, der sich in jener Zeit breitmachte, »liebte« das deutsche Volk und das Vaterland.
In der Münchner Ausstellung werden unter mehr als einem Dutzend Überschriften stichpunktartig primär kulturelle Aspekte in den Fokus gerückt. Das Ferngespräch wird zu einer Art Short Message Service in der Sprache der Zeit mit Texten, Kunstwerken, Film- und Tonaufnahmen. À propos Ferngespräch: Zwischen 1913 und 1929 stieg die Zahl der Telefonanschlüsse von 1,22 Millionen auf 3,2 Millionen an. Ab 1923 vereinfachte die automatisierte Telefonvermittlung die Gespräche.
Ein Gemälde der Künstlerin Käte Hoch aus dem Jahr 1929 zeigt ihren Freund Dr. Erich Müller-Kamp, der telefonierend am Schreibtisch sitzt. Ein Ferngespräch, so wird Peter Panter (d. i. Kurt Tucholsky) zitiert, sollte möglichst deutlich und dialektfrei geführt werden, damit die Überwachungsbeamten dem Dialog folgen können. In Panters »Ein Ferngespräch« heißt es weiter: »Au Backe! Et klingelt. Det is det Fernjespräch! Emma, sperr ma die Jehrn in die Kiche, det sie nich so brillen!« 1923 wurde auch die erste deutsche Rundfunksendung ausgestrahlt, was in der Ausstellung unter der Überschrift »Sendezeit« abgehandelt wird.
Stichwort »Der Kinnhaken«: Zitiert wird aus Peter Panters Text von 1921 über die Tänzerin Valeska Gert. Daneben ist Gert als Boxerin zu sehen. In Bert Brechts »Der Kinnhaken« (1926) ist von einem Mann die Rede, der ein Tempo wie ein Propeller hatte und am Schluss »wirklich ein einziger Kinnhaken« war. Unter der Überschrift »Die Bühne schlägt zurück« wird wiederum Brecht zitiert: »Man muss ins Theater gehen wie zu einem Sportsfest.« Was er wohl heute angesichts der deutschen Schreibühnen empfehlen würde? Fiebrig entzündet waren in der Weimarer Republik die Nächte. In »Die Vielen und der Eine« (1930) schrieb Ruth Landshoff: »Man ist zum Lebendigsein geboren und nicht zum Schlafengehen.«
»Im ganzen Land ist ein ungeheurer Mangel an Obdach«, schrieb Walter Gropius 1920. Das Weimarer Bauhaus veröffentlichte in seinem Gründungsmanifest seine Vorstellungen zur neuen Architektur, während konservativ-traditionalistische Architekten weiterhin von Goethes Gartenhaus in Weimar schwärmten, in dem sie ein Beispiel für eine bewährte »nationalistische« Bauweise sahen. Käte Hochs Gemälde »Neubau« (1927) zeigt ein im Bau befindliches Haus abseits der Bauhaus-Bewegung. Daneben ist das Bild »Bau am Alexanderplatz« (1930) des im Alter von 27 Jahren verstorbenen Manfred Hirzel zu sehen.
Der amerikanische Autor Thomas Wolfe schrieb in »Eine Deutschlandreise« (1926): »Die Tausende deutscher Studenten, die schlagenden Verbindungen angehören – Der Säbel schneidet in ihre Gesichter – Wangenknochen normalerweise – Nasenwunde.« Neben diesem Zitat hängt eine von dem bayrischen Maler Willi Geiger auf die Leinwand gebrachte Schmissvisage: »Der Korpsstudent« (1927). Unter dem Stichwort »Prothese« wird aus Joseph Roths »Die Rebellion« (1924) zitiert: »Im Krieg verlor er sein Bein. Er bekam einen Orden. Sie gaben ihm nicht einmal eine Prothese.«
Der Rundgang bietet die Gelegenheit zur Begegnung mit »neuen Frauen« samt den Stichwörtern »Zigarette« und »Bubikopf«, nicht aber mit dem ersten deutschen Muttertag, der im Mai 1923 gefeiert wurde, initiiert vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber. In einer von Inflation und wirtschaftlicher Not geprägten Zeit sollte der Tag mit Plakaten und der Parole »Ehret die Mütter« vor allem den Blumenhandel ankurbeln.
Der Bubikopf wurde zum Symbol der Zeit, Freikorpsschergen missfiel ein Kurzhaarschnitt bei Frauen sehr. In der Ausstellung wäre ein Hinweis darauf wünschenswert gewesen. Manfred Freiherr von Killinger, Kommandeur der Sturmkompanie der Brigade Ehrhardt und beteiligt an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, schrieb: »Ein Weibsbild wird mir vorgeführt. Das typische Schwabinger Malweibchen. Kurzes, strähniges Haar, verlotterter Anzug, freches, sinnliches Gesicht, wüste Augenringe.« Da die Frau ihre Gegenüber als Fürstenknechte und Speichellecker bezeichnet, wird sie gepackt und »über die Wagendeichsel gelegt und so lange mit Fahrerpeitschen bearbeitet, bis kein weißer Fleck mehr auf ihrem Rücken war.«
Inhaltlich arg dünn geht es unter dem Stichwort »Antifaschist:innen« zu. Als Illustration dient das berühmte »Porträt Oskar Maria Graf« aus dem Jahr 1918 von Georg Schrimpf, das als eines der frühesten und bedeutendsten Hauptwerke der Neuen Sachlichkeit gilt und bis 1934 zur Kunstsammlung des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Ismar Littmann gehörte. 1918/19 trat Graf für die Räteidee ein. 1918 erschien sein erster Gedichtband »Die Revolutionäre«, 1919 der zweite Band »Amen und Anfang«. Seine wichtigste Darstellung der Revolutionszeit gelang Graf mit dem Bekenntnisbuch »Wir sind Gefangene« (1927), in dem er Ereignisse aus seinem Leben von 1905 bis 1918 verarbeitete.
Zu sehen sind auch einige der strengen, sachlich-konzeptionellen Dokumentarfotografien von August Sander (1876–1964). So etwa unter der Überschrift »Angestellte« und neben einem Exemplar von Siegfried Kracauers Buch »Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland« (1930) ein Foto einer Sekretärin beim WDR (1928), in der Rubrik »Eine Republik für Kinder« ein Foto von Zwillingen aus dem Jahr 1925.
»Ein Ferngespräch. Szenen aus der Weimarer Republik«, Lenbachhaus, München, bis 27. September 2026
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