-
1 Leserbrief
- → Inland
Billigkost im Pflegeheim
Branchenverband kritisiert Unterfinanzierung bei Essensversorgung in stationären Einrichtungen
Mahlzeit! Ein Trio mehliger Kartoffeln, zwei Kleckse angedickte Soße, ein Häufchen aufgekochtes Gemüse aus der Tiefkühltruhe und dazu eine Hähnchenkeule mit lappriger Pelle. Vollwertige, nahrhafte, vitaminreiche Kost? Fehlanzeige. Vielerorts in deutschen Pflegeheimen.
Anders ausgedrückt: Die Verpflegung in stationären Einrichtungen ist unterfinanziert, kritisierte am Mittwoch der Verband Deutscher Alten- und Behindertenpflege (VDAB) gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Dabei sei eine »frische und ausgewogene Ernährung ein wesentlicher Bestandteil guter Pflege und darf kein Sparposten sein«, betonte VDAB-Bundesgeschäftsführer Thomas Knieling. Doch die Mittel für Essen in den Heimen sind knapp.
Für Lebensmittel stünden »gerade einmal 6,50 bis 7,50 Euro pro Bewohner und Tag« zur Verfügung, sagte Knieling. Frühstück, Mittagessen, Abendbrot, zwei Zwischensnacks plus Getränke – sämtliche Mahlzeiten müssen damit finanziert werden. Ein Satz, der sich auf dem miesen Niveau von Krankenhauskost – und mancherorts auf dem Level von Knastfraß bewegt.
Wie ergibt sich diese Summe? Zunächst: Pflegebedürftige müssen derzeit durchschnittlich rund 3.500 Euro pro Monat Eigenanteil für einen Platz im Pflegeheim zahlen. Dieser Betrag deckt Pflege, Unterkunft, Investitions- und Ausbildungskosten ab – aber nicht die Verpflegung. Essen und Getränke gelten als »Hotelkosten« und werden separat berechnet. Das heißt: Die Verpflegungsausgaben in Pflegeheimen ergeben sich nicht aus einem eigenen Budget, sondern aus dem Rest, der übrig bleibt, nachdem alle anderen gesetzlich priorisierten Posten bezahlt sind. Also die sechs, sieben, acht Euro sind ein kalkulatorischer Richtwert. Realistisch sind – je nach Heim – zwölf bis 18 Euro pro Tag, manchmal mehr. Diese 450 bis 500 Euro monatlich kommen auf den Eigenanteil oben drauf.
Nur: Immer weniger können sich diesen »kulinarischen Luxus« leisten. Mehr als ein Drittel der Heimbewohner sind auf Sozialhilfe angewiesen, zeigte kürzlich eine Auswertung der Krankenkasse DAK – Tendenz steigend. Kurz: »Die stationäre Pflege wird für immer mehr Menschen zur konkreten Armutsfalle«, so Andreas Storm, DAK-Vorstandschef.
Allein die inflationsbedingte Preisexplosion bei Lebensmitteln schlägt ins Kontor – verursacht etwa durch höhere Ausgaben für Energie, Düngemittel und Futtermittel. Auch wenn sich die Teuerung verlangsamt hat, kosten Esswaren heute im Durchschnitt rund 30 Prozent mehr als 2021, berichtete unlängst die Verbraucherzentrale NRW. Es stelle sich die Frage, »wie unter diesen Bedingungen dauerhaft eine qualitativ hochwertige Verpflegung gewährleistet werden kann«, so Knieling vom VDAB. Oder: Was auf Tellern und in Tassen bei Pflegebedürftigen landet, wird zu einer Art Armenspeisung. Branchenschätzungen zufolge setzen dabei mehr als zwei Drittel aller Pflegeeinrichtungen in Deutschland auf Großküchen bei der Versorgung ihrer Bewohner, berichtete die Berliner Morgenpost in ihrer Mittwochausgabe. Das bleibt oft unverdaut, aber nicht unwidersprochen.
Beschwerden über das, was dort serviert wird, bekommt Ulrike Kempchen von der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA-Pflegeschutzbund) immer häufiger – beispielsweise weil das Speiseprogramm einseitig ist. »Wer beim Essen spart, spart an der Gesundheit der Menschen«, sagte Evelyn Schötz (Die Linke) am Mittwoch gegenüber jW. Gute Pflege ende nicht an der Küchentür, so die pflegepolitische Sprecherin ihrer Bundestagsfraktion.
Offenbar doch. Und schlechte Pflege führt bisweilen zur Mangelernährung. Das ist das Ergebnis einer im vergangenen Juli vorgestellten Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), der Charité-Universitätsmedizin Berlin und der Stanford University in den USA. Demnach enthielten die Mahlzeiten in allen untersuchten Einrichtungen deutlich weniger als die empfohlene Tagesmenge essentieller Nährstoffe wie Folsäure, Kalium und Vitamin B6. Zudem war die für ältere Menschen wichtige Eiweißversorgung unzureichend. Unter dem Strich: Das vorgesetzte Heimessen ist zu zuckrig, zu salzig, zu fett. Guten Appetit.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,8
-
Onlineabonnent*in Andreas E. aus S. 30. Juli 2026 um 07:01 UhrMan kann es auch anders sagen: Kanonen statt Butter. Dieser Unsozialstaat versenkt Hunderte Milliarden in Rüstung und pampert ein faschistisches Regime mit weiteren Milliarden. Und diejenigen, die diesen Staat mitaufgebaut haben, die ihr Leben lang oft hart und körperlich gearbeitet haben, bekommen an ihrem Lebensabend irgendwelchen Fraß vorgesetzt. Das ist nicht nur traurig und unmenschlich – das ist ein Verbrechen! Während sich Politiker mit ihren hohen Gehältern, Manager von Konzernen mit ihren unmoralisch hohen Einkünften fleißig die Taschen füllen, muss der »kleine Mensch« sehen, wo er bleibt. Das ist in der Pflege so, im Gesundheitswesen insgesamt aber auch bei anderen sozialen »Pflichtleistungen« des Staates wie Renten usw. Wie lange wollen wir uns das noch gefallen lassen? Christlich, sozial – das sind die Attribute, mit denen sich die Regierungsparteien selbst bezeichnen. Aber offensichtlich sind denen, die diese Parteien führen, die Definitionen dafür abhanden gekommen – Geld und Macht korrumpieren eben.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
