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Fankultur

Kicker von Roter Traktor

Vom Bolzplatz über die Offene Liga bis in den Verbandsbetrieb – eine Berliner Fußballbiographie ohne Hochglanz. Ein Interviewporträt

Ein paar Schrammen gehören dazu – nach der Bolzerei auf dem staubigen Ground vor der Haustür. Leonard Diederich hat selten ein Tor geschossen – Verteidiger durch und durch. Seine Fußballerbiographie beginnt früh: Jugend beim BFC Südring in Kreuzberg, später mit 16 der Versuch, einen eigenen Verein zu gründen. »Damals war Hoffenheim steil gegangen, wir wollten unser eigenes Hoffenheim machen«, erzählt er schmunzelnd. Kritik an Investorenklubs hatten die Jungs noch nicht, dafür jede Menge Hauptschülerpower. Weil die Clique minderjährig war, scheiterte die Vereinsgründung – also übernahmen sie kurzerhand die Werner Sport Union aus der Freizeitliga. »Da waren wir schon 17, 18, ich zweiter Vorsitzender – völlig irre.« Die Mannschaft verlor hoch, setzte nicht spielberechtigte Kicker ein, bekam Punktabzüge – und sollte blechen. »Wilde Zeiten«, erinnert sich Diederich. Ein italienischer Exdrittligaspieler, der als Pizzabäcker an der Bergmannstraße arbeitete, lief für das bunte Team auf. Ein Hertha‑II‑Spieler auch. »Wir haben einfach gemacht.«

Nach dem heiteren Chaos stieg Diederich erst einmal aus, wurde Schiedsrichter bei Hertha BSC. Über die Linkspartei im Bezirk Mitte entstand eine Bolzplatztruppe, die regelmäßig kickte. Im Winter suchten sie Hallenzeiten und landeten beim Roten Stern Berlin. Doch der bereits etablierte Verein wirkte etwas träge. Ein eigener Klub sollte her, auch wenn die Traktoristen weiter mit den Sternen kooperieren.

Über den alten Fußballhaudegen Jürgen Menzel rutschte die illustre Truppe schließlich in die Offene Liga – und suchte einen Namen: Roter Traktor. Eine bewusste Anleihe an die DDR‑Fußballtradition. »Wir hatten eine Liste voller alter DDR‑Vereinsnamen, Traktor, Dynamo, Vorwärts, Torpedo – am Ende wurde es Traktor.«

Im Oktober 2023 gründete der Kreis um Diederich den KSV Roter Traktor – selbstorganisiert, mit klarer Note. »Wir sind politischer als andere linke Vereine«, sagt er. Viele Mitglieder sind aktiv, vor allem außerparlamentarisch – ein Milieu, das sich eher auf der Straße als im Vereinsheim trifft. Und mit 33 zählt er bereits zu den Älteren.

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Die Offene Liga war für den Start ideal: niederschwellig, günstig, gemischtgeschlechtlich – und unbürokratisch. »Da spielen 16jährige neben 55jährigen.« Im Gegensatz dazu ist die Freizeitliga teuer, durchstrukturiert und eng an die offizielle Verbandsstruktur angebunden. Für Spieler mit Migrationsgeschichte dauert die Anmeldung für einen Spielerpass oft Monate. »In der Offenen Liga ist das egal – Name und Geburtsdatum reichen.« Und die Atmosphäre auf dem Platz ist nicht so leistungsorientiert. Mitunter geht es aber schon zur Sache – »schließlich wollen wir Tore schießen«.

Warum steigt der KSV jetzt trotzdem in den Freizeitligabetrieb ein? Weil die Mannschaft gewachsen und die Struktur stabiler geworden ist, so Diederich. Und nicht zuletzt hätten die Vereinsmitglieder demokratisch entschieden: 53 zu 46 Stimmen. Das Team spielt auf dem Kleinfeld in der Bezirksliga, ein weiteres soll angemeldet werden. Parallel organisieren die roten Traktoristen mit ihrem Know‑how die Offene Liga weiter mit. Die hat nach jahrelangem Ringen nun auch die Förderungswürdigkeit durch die Senatsverwaltung für Inneres und Sport bekommen. Dafür muss man politische Neutralität per Satzung vorweisen und eine Verbandsmitgliedschaft. Nicht einfach, weil der DFB vermeintliche Konkurrenzligen verhindern will.

Der KSV ist hingegen seit zwei Jahren sportförderungswürdig. Mit Unterstützung von Fußballveteranen und politischen Kontakten ging es schneller als bei der Offenen Liga. Ein Wermutstropfen: Das »K« im Vereinsnamen steht nicht mehr für »kommunistisch«, sondern für »Kiez«. Dafür sind Platzzeiten kein Problem mehr. Heimstätte ist ein Nebenplatz am Poststadion in Moabit, dazu Plätze in Mitte und Spandau. Und: Neben Fußball wächst die Cricketsparte rasant – vergangenes Jahr fast der Aufstieg in die Bundesliga.

Ist der KSV ein Modell für andere? Diederich ist skeptisch. »Manche gründen eigene Vereine, so wie wir das auch gemacht haben, aber die alten Berliner Arbeiter‑ und Traditionsvereine sterben langsam weg.« Etwa der SV Nord Wedding 1893 oder der BFC Germania 1888, die kaum noch Ehrenamtliche finden.

Und was bleibt als linke KSV‑Kernmarke? Offenheit, Zugänglichkeit, Solidarität – oder wie Diederich sagt: »Egal, wie fit du bist, welches Alter oder Geschlecht du hast – du sollst spielen können.« Klar, ein, zwei Schrammen gehören nach dem Kick dazu.

Leonard Diederich ist Vorsitzender des KSV Roter Traktor und Direktkandidat für Die Linke bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus.

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Erschienen in der Beilage vom 19.08.2026, Seite 5, Sport

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