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21.07.2026, 15:16:10
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An die Wand gespielt
Zum Tod von Ausnahmestürmer Kevin Keegan. Erinnerungen eines Fans
Joseph Kevin Keegan war einer der besten Fußballer aller Zeiten. Einen Tag nach dem WM-Finale von New Jersey verstarb er im Alter von 75 Jahren an Magenkrebs. So möchte niemand enden. Nach Uwe Seeler, Elfmetertöter Rudi Kargus, Manni Kaltz, Peter Nogly, Caspar Memering, Schorsch Volkert und Felix Magath war er früh eines meiner großen Fußballidole aus der Bundesliga. Im Sommer 1977 wechselte er vom FC Liverpool ausgerechnet zu meinem Herzensklub, dem Hamburger SV. Ein ausländischer Superstar im westdeutschen Fußball – die Verpflichtung galt als Riesensensation und war damals mit 2,3 Millionen D-Mark der teuerste Transfer der Bundesligageschichte.
Die Bundesliga hörte man damals noch im Radio, das spannendste war die abschließende Konferenzschaltung. Ab 18 Uhr am Sonnabend präsentierte dann der luxemburgisch-deutsche Sportchef des WDR, Ernest Rodolphe Huberty, die besten Szenen aus drei ausgewählten Partien des Spieltags. Mit Keegan ging nun auch der HSV immer öfter über den Äther.
Ganze Spiele im Fernsehen gab es nur von der A-Nationalmannschaft (die früher existierende B-Nationalmannschaft wurde 1986 von Franz Beckenbauer nach über 35 Jahren abgeschafft) oder aus den europäischen Pokalwettbewerben zu sehen. Wer Bundesliga wollte, musste ins Stadion gehen. Ich war minderjährig und konnte nicht in den Volkspark nach Hamburg, das war so weit weg wie Ägypten. Aber ich habe den besten HSV aller Zeiten zwei oder drei Mal im Stadion von Eintracht Braunschweig gesehen. Einmal spielte bei den Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, Ayatollah Paule mit, wie Udo Lindenberg Paul Breitner liebevoll nannte – und schoss den Ball aus zwei Metern über das Hamburger Tor, uff; ein anderes Mal lief Franz Beckenbauer für den HSV auf. Verloren haben die Rothosen immer. Ich habe den HSV nie im Stadion gewinnen sehen. Vielleicht hänge ich deshalb so an diesem Verein. Immerhin, im Meeschestadion von Wolfenbüttel, wo ich aufwuchs, durfte ich bei einem Prominentenspiel ein Kopfballtor von Uwe Seeler mit dem Hinterkopf wie bei der WM in Mexiko 1970 bewundern. Schiedsrichter war Paul Breitner und ich war nach dem Match der erste, der von ihm ein Autogramm bekam. (Dass wir denselben Friseur in Wolfenbüttel hatten, wusste er nicht.) Basketball wurde erst in den 80ern gezeigt. Einmal im Jahr ein paar Sekunden vom letzten Spieltag der Bundesliga im »Tagesschau«-Abspann. Wir, die wir selber spielten, jubelten. Wir konnten unser Glück nicht fassen.
10. Mai 1973, Anfield Road, Liverpool. Auf den Tag genau 40 Jahre zuvor veranstaltete die Deutsche Studentenschaft die »Aktion wider den undeutschen Geist« mit ihren Bücherverbrennungen. Der FC Liverpool von Bill Shankly erwartet das Borussia Mönchengladbach von Hennes Weisweiler zum Hinspiel des UEFA-Pokalfinales. Wolfgang Kleff im Tor, auf dem Platz u. a. Günter Netzer, Rainer Bonhof, Berti Vogts, Jupp Heynckes. Schon nach einer halben Stunde hat Kevin Keegan zweimal eingelocht, Endstand 3:0. Zwei Wochen darauf macht es die Borussia am Bökelberg noch mal spannend. Mehr als die zwei Treffer von Heynckes gelingen den Deutschen jedoch nicht.
1976 stand Liverpool wieder im Endspiel. Im Viertelfinale eliminierten sie Dynamo Dresden, in den Semis Barça. Dort schied der HSV gegen den FC Brügge von Ernst Happel aus. In Anfield gewannen die Reds nach frühem 0:2-Rückstand noch durch einen Foulelfmeter von Keegan mit 3:2. Auch im Rückspiel, Schiri war der Sachse Rudi Glöckner, der das WM-Finale von Mexiko-Stadt 1970 leitete, traf Keegan zum 1:1. Es war das Tor zum Titel.
Das erste Mal so richtig wahrgenommen habe ich Kevin Keegan im Landesmeisterpokalfinale (heute die Champions League) 1977 in Rom zwischen Liverpool und Mönchengladbach. Bei den Gladbachern bewachte nun Wolfgang Kneib das Tor, mit dabei waren Uli Stielike und Allan Simonsen, seit Olympia 1972 zum Star gereift, er wurde später zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. Gladbach war damals nach den Boca Juniors weltweit das Nonplusultra. Ich war fast elf und hielt es mit den Gladbachern. Die wurden aber, angetrieben von Keegan, beim 3:1 völlig an die Wand gespielt. Ich war fassungslos. Noch nie hatte ich so einen Fußballer gesehen (außer Magath, aber das war anders). Es war sein letztes Match für Liverpool. Abpfiff, Keegan war beim HSV.
Dort spielte er drei Jahre. Er nahm zwei Singles auf, produziert von Smokie, und wurde durch die german Talkshows gereicht. Er war in den Charts und everybody’s darlin’. So waren die Siebziger. Er spielte so gut. In der Saison 1978/79 war ich vier Spieltage vor Schluss in Wolfenbüttel bei einer Autogrammstunde von Rudi Kargus und Jimmy Hartwig, bei »Glück Auf«, da wurden im großen Maßstab Teppiche, Tapeten und so was verhökert. Stolz wie Harry stand ich vor den beiden und wünschte ihnen Glück für die noch ausstehenden Spiele. Ich war krass drauf, völlig emotional, ich spürte, wie die beiden das mitnahm. Ich werde es nie vergessen. Am vorletzten Spieltag wurde der HSV mit einem 0:0 auf der Bielefelder Alm unter der Ägide von Fußballgott Branko Zebec erstmals deutscher Bundesligameister. Bevor es das Chaos im Volkspark am letzten Spieltag gegen die Münchner Bayern mit Platzsturm und Dutzenden von Schwerstverletzten gab, saß ich an einem See und starrte auf drei Autogrammkarten. Die dritte war von Kevin Keegan. Die hatte ich bei der Allgemeinen Rentenanstalt in Braunschweig ergattert. Als ich von der dortigen Autogrammstunde erfuhr, bin ich dort eingebrochen. Als Kevin kam, saß ich am Schreibtisch des Personalchefs, da sollte eigentlich der HSV-Star hin. Er war irritiert, aber seine Augen leuchteten. Ich bekam, was ich wollte. Viel reden ging nicht, ich war geschockt von meinem Glück. Irgend jemand im Himmel schien über mich zu wachen. Ich wurde dank Keegan nicht angezeigt. Später machte ich in dieser Firma ein Betriebspraktikum, das war auf der Realschule im Fach Arbeitslehre Vorschrift. Man musste sich bewerben, ich wurde genommen, anscheinend konnte sich niemand an mich erinnern. Nach Kevin fragte ich erst gar nicht. Ich wurde dann hauptsächlich zum Kaffeekochen und zur Aktenvernichtung eingesetzt. Dafür gab es sogar Geld, das war damals nicht üblich. Ich kaufte mir einen Walkman und nach meiner Erinnerung war ich der erste in Wolfenbüttel, der einen hatte. (Sowie eine Streifenhose und eine Panik-Schnalle, den Panik-Gürtel konnte ich mir nicht leisten.) Jetzt machte selbst Radfahren wieder Spaß.
Kevin Keegan führte den HSV 1980 zum legendären 5:1-Triumph im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister gegen Real Madrid und also ins Endspiel gegen das Nottingham Forest von Schwatzbacke Peter Shilton. Die Briten kickten Antifußball und gewannen. Danach: die absolute Leere. Kevin Keegan verließ den Hamburger SV. Er hatte Heimweh. Zumindest fußballerisch wurde er danach nicht mehr so richtig glücklich. Er coachte sogar die Three Lions, scheiterte grandios wie alle englischen Nationaltrainer seit 1966. Mit Southampton wurde Keegan nochmal Torschützenkönig in England, bei Newcastle United als Spieler und Trainer zur Legende. Als Spieler des Hamburger SV wurde er 1978 und 1979 Europas Fußballer des Jahres, erhielt den Ballon d’Or. Jetzt ist er tot. Und bleibt doch für immer: Fußballgott!
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