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Italien

Ein Faden aus Blut

Stätten grausamer Nazimassaker in Italien: Der Gedenkwanderweg »Cammino 44« von Sant’Anna di Stazzema nach Marzabotto. Eine Erkundung

Von Francesco Bertolucci
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Der Weg zum Ort, an dem die sterblichen Überreste der Ermordeten aufbewahrt sind
Francesco Bertolucci
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Tunnel unter der ehemaligen Waffenfabrik der italienischen Metallurgiegesellschaft in Campo Tizzoro
Francesco Bertolucci
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Gedenktafel für die Ermordeten in Monte Sole
Francesco Bertolucci

Sie symbolisieren den Zweiten Weltkrieg in Italien: die Massaker von Sant’Anna di Stazzema und Marzabotto, 1944 verübt von den Nazis. Die Route zieht sich wie ein roter Faden durch die Toskana und die Emilia-Romagna, von Mittel- nach Norditalien, und erinnert an die Tausenden unschuldigen Menschen, die dort ermordet wurden. Entlang des Weges in atemberaubenden Landschaften findet sich die unter Zwang von der lokalen Bevölkerung errichtete Befestigungsanlage »Gotenstellung«: Gedenksteine, die an diese Massaker und Schlachten erinnern, oder von Europas größtem, sich über zwei Kilometer erstreckenden Luftschutzbunker erzählen.

Die Rede ist vom »Cammino 44«, der neu eingerichteten, 180 Kilometer langen Wanderroute, die in 13 Etappen von Pietrasanta in der Versilia bis zur Berg- und Hügellandschaft Monte Sole in der Region Bologna führt. Sie verbindet Geschichte und Natur und wurde am 20. Juni mit einer Auftaktwanderung eingeweiht. Initiiert wurde sie vom Verein Liberation Route Italia, der lokalen Zweigstelle eines Kulturwanderwegs des Europarats. Die »Liberation Route Europe« verbindet Menschen, Orte und Ereignisse, die die Befreiung von der Besatzung während des Zweiten Weltkriegs geprägt haben, und soll zum Nachdenken über deren Geschichte anregen. Die Idee für einen richtigen Wanderweg entstand vor zwei Jahren, erzählt uns der Direktor des italienischen Vereins, Carlo Puddu.

Langer Weg

»Vor einiger Zeit haben wir gemeinsam mit der deutschen Botschaft einen Aufruf zur Einreichung von Vorschlägen gestartet, um eine ganze Reihe historischer Inhalte für die Website der Wanderwege zu erstellen«, erinnert sich Puddu, während er mit uns die Straße hinaufgeht, um das Ossario di Sant’Anna di Stazzema zu erreichen. Das »Beinhaus« beherbergt seit dem vierten Jahrestag des Massakers, dem 12. August 1948, die Überreste der Opfer und gehört seit 1982 zum Museum des Widerstands und zum Nationalpark des Friedens. »Aber die Idee war«, fährt er fort, »daraus einen echten Wanderweg zu machen. So kam es, dass ich bei einem Abendessen in Brüssel mit Leuten vom nationalen Alpenverein CAI zusammentraf, die mir von dem Friedensmarsch von Marzabotto nach Sant’Anna erzählten. Er wird in ›Etappen‹ zurückgelegt, da die Verbindungen auf einigen Abschnitten schwierig sind, insbesondere in der Gegend um Lucca. Und da ich aus Lucca stamme, war ich überrascht. Also haben wir uns damit beschäftigt und vor zwei Jahren bei den Regionen Toskana und Emilia-Romagna Fördermittel für die Durchführung einer Machbarkeitsstudie beantragt.«

Wir sind nur wenige Meter vom Endpunkt der ersten Etappe – oder Etappe null – der Route entfernt. Hier, in Sant’Anna di Stazzema, einem kleinen Dorf oberhalb von Pietrasanta, trafen am 12. August 1944 Soldaten aus drei Kompanien der 16. SS-Panzergrenadierdivision »Reichsführer SS« ein. Am Tag zuvor hatten sie Massaker im nahegelegenen Nozzano verübt – 69 Tote – und in Sassaia di Massarosa – 38 Tote. Dann verübten sie ein Massaker im Dorf: 560 Tote, überwiegend Frauen, ältere Menschen und Kinder. »Wir waren neun Geschwister; der Jüngste war 20 Tage alt. Ich war vier Jahre alt«, erinnert sich Adele Pardini, eine der Überlebenden der Bluttat. Wir treffen sie in der Dorfkirche. »Als die Deutschen kamen, frühstückte ich gerade eine Tasse Milch. Sie kamen herein und stellten uns zusammen mit den anderen an die Wand. Eine Mutter flehte um Gnade für ihren Sohn; sie zogen ihre Pistolen und erschossen ihn. Genauso wie sie es mit meiner Mutter taten. Als meine Mutter zu Boden fiel, stieß sie die Tür hinter uns zu, und mir und einigen meiner Schwestern gelang die Flucht, während die Soldaten unser Haus in Brand setzten und uns von hinten mit Maschinengewehren beschossen.«

Leid in der Luft

Damals lebten in dem Dorf Hunderte von Menschen; heute sind es nur noch wenige Dutzend. Einige der Häuser, an denen wir entlang der Straße vorbeilaufen, tragen die Spuren der Verlassenheit, als hätte niemand jemals wieder einen Fuß hineinsetzen wollen. »Wenn jemand nach Sant’Anna kommt«, bemerkt Michele Morabito, Direktor des Friedensparks, während er uns durch das örtliche Museum führt, »muss er darauf vorbereitet sein, etwas von dem Leid mit nach Hause zu nehmen. Es liegt hier noch immer in der Luft. Ich glaube, dass der ›Cammino 44‹ eine weitere Gelegenheit ist, diesen Orten neues Leben einzuhauchen und dafür zu sorgen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten. Wir arbeiten an einem Projekt zum Bau einer Herberge und erwägen die Einrichtung weiterer Unterkünfte, die auf die Häuser der Einheimischen verteilt werden.«

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Die Sicherstellung entsprechender Einrichtungen betont auch Sebastiano Bisson vom Movimento Tellurico, einem Wander-, Ökologie- und Solidaritätsverein, der die Machbarkeitsstudie durchgeführt hat. »Die toskanische Seite, die wilder ist, verfügte über weniger Infrastruktur als die emilianische. Daher mussten wir für die Realisierung der Route auf bestimmte Maßnahmen drängen. Die Orte der Massaker von 1944 aufzusuchen sollte fast schon eine Bürgerpflicht sein, um zu verstehen, was Krieg anrichtet.«

Von Sant’Anna aus führt die Route über den Wanderweg und überquert die Straße nach Sennari – ein Dorf, das von einer SS-Patrouille ins Visier genommen wurde –, bevor sie das Dorf Torcigliano in der Gemeinde Camaiore, in das viele Menschen von der Küste evakuiert wurden, und dann Fiano und Borgo a Mozzano erreicht. Hier gibt es noch heute sichtbare Bunker und Befestigungsanlagen, die zwischen 1943 und 1944 unter Einsatz von Zwangsarbeitern aus der örtlichen Bevölkerung im Rahmen der »Organisation Todt« errichtet wurden. Im September 1944, nach der Befreiung von Lucca, beschloss das deutsche Kommando, die Frontlinie etwa 20 Kilometer weiter nach Norden in die Apuanischen Alpen zu verlegen, wodurch die Befestigungsanlagen nutzlos wurden. »Jahre später, 1995, waren die Bunker in Vergessenheit geraten, fast verschwunden«, erinnert sich Piergiorgio Pieroni, Vorsitzender des Komitees der Gotischen Linie von Borgo a Mozzano, »es erschien uns sowohl aus historischer als auch aus touristischer Sicht eine gute Idee, sie zu restaurieren und auf sie aufmerksam zu machen.«

Hinter Borgo a Mozzano und dem Zwangsarbeitslager Socciglia führt die Route weiter in Richtung Bagni di Lucca. Auf dem Weg dorthin durchqueren wir Fornoli, wo wir im Parco della Pace eine Tafel zum Gedenken an Liliana Urbach finden, ein 16 Monate altes Baby, das nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Wir erreichen in Bagni Caldi das ehemalige Hotel »Le Terme«, das von Dezember 1943 bis Januar 1944 als Konzentrationslager diente. Von Bagni di Lucca aus führen uns die folgenden Etappen weit ins Landesinnere, vorbei an Vico Pancellorum, Prataccio und Pracchia, wo wir kurz vor der Ankunft auf das Dorf Prunetta stoßen. Es ist einer der Orte, die für die vorübergehende Internierung von Juden ausgewählt wurden. Dann treffen wir westlich von Pontepetri auf den »Sentiero del Ferro«, den Eisenpfad. Er führt zum Werk Campo Tizzoro der Italienischen Metallurgiegesellschaft, wo die Produktion für die Kriegsindustrie stattfand. Noch heute gibt es ein Netz aus Tunneln und Luftschutzbunkern, das sich unterirdisch über eine Länge von fast zwei Kilometern erstreckt.

Ans Licht gebracht

»Diese Route ist insofern wichtig, als sie zwei der Orte verbindet, an denen Massaker stattfanden, die zu den grausamsten des Zweiten Weltkriegs gehören«, betont Mirco ­Carrattieri, Professor für Geschichte an der Universität Bergamo und Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses der »Liberation Route«. Die Route habe in einer Zeit, in der der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist, einen hohen symbolischen Wert. »Es ist uns zum ersten Mal gelungen, über die Gotenstellung zu sprechen, die die beiden Regionen verbindet, und wir haben damit möglicherweise den Beginn ernsthafter Bemühungen zur Förderung der Region eingeläutet – etwas, das bisher leider noch nicht geschehen ist.«

Von Pracchia aus verlässt die Route die Toskana und führt weiter in Richtung Porretta Terme, vorbei an Biagioni, wo neun Menschen von den Faschisten ermordet wurden, dann an ­Riola – wo eine Gedenktafel am Straßenrand an das Massaker von Savignano erinnert, bei dem weitere neun Menschen getötet wurden – und nach Grizzana Morandi. Bevor der Weg Monte Sole erreicht, führen die letzten Abzweigungen nach Marzabotto und nach Monzuno – Orte, an denen zwischen dem 29. September und dem 5. Oktober 1944 Nazitruppen der Division, die auch das Massaker von Sant’Anna verübte, rund 770 Menschen töteten.

Während man spaziert, herrscht Stille an Orten, die von der breiten Öffentlichkeit längst vergessen wurden. »Bis in die 1970er Jahre kam niemand hierher nach Monte Sole«, betont Andrea Marchi, Vizepräsident des Regionalkomitees zur Ehrung der Gefallenen von Marzabotto. »In jenen Jahren haben sowohl die Politik als auch die Kirche diese Orte als Wallfahrtsstätten wiederentdeckt. Ich wohne in der Nähe, und wenn ich nachts in diese Gegend blicke, sehe ich nur einen dunklen Fleck zwischen den Dörfern. Unbeleuchtet, unbewohnt.« Als wolle die Dunkelheit diesen Ort zurückerobern und uns gewissermaßen vergessen lassen. Und vielleicht ist genau das auch die Bedeutung des »Cammino 44«: neues Licht dorthin zu bringen, wo Vergessenheit Einzug hielt und die Erinnerung verblasste.

Francesco Bertolucci ist freiberuflicher Journalist aus ­Italien. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle ­»Italien: Der Wahn der extremen Rechten« (14.3.2026)

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.09.2026, Seite 4, Wochenendbeilage

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