Zum Inhalt der Seite

Expansion und Vernichtung

Dokumentiert. 1984 beschrieb Reinhard Opitz den gemeinsamen Nenner von »Judenpolitik« und »Raumsicherungsdenken« des deutschen Faschismus an der Macht

Foto: ZUMA Press/IMAGO
Deportation in den Tod: Verladung von Juden in einen Zug zum Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz (1941)

Der für das Verständnis der Art des Zusammenhangs von »Judenpolitik« und Kapitalinteressen im deutschen Faschismus schlechthin zentrale Punkt ist das von der Sache her tatsächlich zwangshafte Wechselverhältnis zwischen der demagogisch-antisemitischen Mobilisierung gegen die Arbeiterbewegung einerseits und der demgegenüber dann gleichsam »nüchternen«, jedenfalls hier keineswegs mehr die Funktion einer demagogischen Quid-pro-quo-Setzung erfüllenden Einschätzung der Juden aus großraumpolitisch-expansionistischer Sicht als ein reales »Feind«- oder Störpotential andererseits. Was war der gemeinsame Nenner, auf den die der innenpolitischen Mobilisierung dienende Demagogie, die auf die Zerschlagung des Sozialismus gerichtet war, und der nach außen in die zur Okkupation vorgesehenen Länder zielende und dort die Aussiedlung der Juden fordernde, dort also doch nun wirklich die Juden unmittelbar selbst als Volksgruppe meinende und sie beim jeweiligen Einmarsch der deutschen Truppen auch stets sofort mit voller Wucht treffende Antisemitismus sich bringen ließen und in dem sie auch tatsächlich ihre Einheit hatten und eine solche darstellten?

Erst von diesem gemeinsamen Nenner her lässt sich verstehen, warum die systematische Judendiskriminierung und -verfolgung im Inneren des deutschen Reichsgebietes gerade in den letzten fünf Jahren der faschistischen Herrschaft eskalierte und schließlich, jetzt bar auch nur jeden geringsten sozialdemagogischen Anflugs, vielmehr nun unter strengster Geheimhaltung, in das unterschiedslos alle Juden im Zugriffsbereich des deutschen Faschismus treffende Vernichtungsprogramm einmünden.

Denn der gemeinsame Nenner war natürlich nicht der Glaube der obersten NS- und SS-Führer an ihren eigenen rasseideologischen Propagandapopanz, wie es all diejenigen unterstellen und voraussetzen müssen, die im Judenvernichtungsprogramm der Schlussphase des deutschen Faschismus den Triumph der »Ideologie« der NS-Führer über die Interessen des deutschen Monopolkapitals sehen möchten, sondern dieser gemeinsame Nenner war das gerade im deutschen Monopolkapital selbst auf eine schon lange Tradition zurückgehende »Raumsicherungs«-Denken.

Anzeige

Sieht man sich die Geschichte des deutschen Faschismus an der Macht unter diesem Gesichtspunkt an, dann springen aus ihrem Verlauf geradezu von selbst auch die Ursachen dafür hervor, warum seine »Judenpolitik« unterschiedliche Phasen aufweist, voneinander dadurch abgehoben, dass die tatsächlich verschiedenen und nur im Raumsicherungsgedanken ihre Einheit findenden Funktionen, denen die antisemitische Demagogie diente, in ihnen unterschiedlich stark als jeweils praktische Politik im Vordergrund stehen – auch wenn es sich nur um jeweilige Dominanzverhältnisse innerhalb des alle Phasen durchgängig kennzeichnenden schillernd-multifunktionalen Antisemitismusgebrauchs handelt. Es wird dann aber auch verständlich, weshalb – und wann jeweils, aufgrund welchen machtpraktischen Bedarfs – diese Phasen rasch einander abwechseln und sich auch überlagern und aus welchem tatsächlichen oder doch jedenfalls tief eingegrabenen Interessendenken heraus (...) in einer bestimmten Situation, als es sich einer praktischen Aporie gegenübersah, der »Holocaustentschluss« resultierte.

Um dies der Herrschaftsgeschichte des deutschen Faschismus, zu der die Verlaufsgeschichte seines Weltkriegs natürlich hinzugehört, selbst ansehen und ablesen zu können, ist nur eines die Voraussetzung, nämlich vom deutschen Faschismus zu wissen: so, wie er selbst insgesamt nur aus dem Expansionsdrang des deutschen Monopolkapitals sich erklärte, er dessen bloßes politisches Produkt und sein »Drittes Reich« eine einzige Veranstaltung zur Erziehung eines ganzen Volkes zu ebenso aufopferungs- wie über andere Völker herrschaftswilligen und ideologisch-charakterlich herrschafts»fähigen«, d. h. sich ihnen gegenüber auch wahrhaft im Sinne Nietzsches und Himmlers als mitleidsfreie Herrenmenschen jenseits »sentimentaler Humanitätswandlungen« bewährenden Erfüllungsgehilfen dieses Expansionswillens war, so gehörte zu ihm als seine davon dann nur unzertrennliche Kehrseite ebenso die Entschlossenheit zur rücksichtslosen Ausrottung aller auch nur latenten Verunsicherer seines Herrschaftsanspruchs hinzu, und eben dies machte seine ihn von allen bisher bekannten bürgerlich-monopolkapitalistischen Partei- und Politikströmungen so spezifisch abhebende Rigorosität aus.

Sieht man sich so die Geschichte des deutschen Faschismus an der Macht aus diesem ihn selbst überhaupt erst erklärenden Blickwinkel an, rückt aber auch der »Holocaust« an den Juden aus der ihm in so vielen Diskussionen zugewiesenen Stellung von etwas angeblich ganz einsam dastehenden unfasslich Exorbitantem heraus (…) und er fügt sich dem Kontext der gesamten, eben tatsächlich keineswegs auf die Juden beschränkten »Holocaust«-Politik sowie sonstigen unzähligen Verbrechen des deutschen Faschismus ein, verliert somit den verhängnisvoll mysteriösen Schein des rational Unergründlichen und der Erklärung Unzugänglichen.

→ Reinhard Opitz (1934–1986): Wie hingen im deutschen Faschismus der Antisemitismus, die Judenverfolgungspolitik und die Judenvernichtung mit den Interessen des Monopolkapitals zusammen? In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 201–203

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 05.09.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!