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Kein Kuriosum

Foto: Chris Emil Janßen/imago

»Zwei prorussische Parteien im Landtag«, alarmiert die Gazeta Wyborcza aus Warschau am Montag die Besucher ihrer Website – in den polnischen Medien dominiert die geostrategische Sichtweise auf das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, mit oft an den Haaren herbeigezogenen Argumenten. Ähnlich die Evropejska Prawda, ein prowestliches Nachrichtenportal aus Kiew: Eine AfD-geführte Landesregierung könne »militärischen Nachschublieferungen für die Ukraine bürokratische Hindernisse in den Weg legen«, etwa Ampeln auf Rot stellen oder den Polizeischutz für Militärkonvois verweigern. Ansonsten werden die aufgeregten Kommentare deutscher Politiker mehr oder weniger eins zu eins wiedergegeben: Wendepunkt, Warnsignal und so weiter.

Schon vor dem Wahltermin hatten auch osteuropäische Medien ausführlich über die Ausgangslage im »Land ohne ICE-Anschluss« (so das von Chodorkowski finanzierte russische Portal Medusa, wobei den Autoren entgangen ist, dass dies nur für Magdeburg gilt, nicht aber für Halle) berichtet: Die Rzeczpospolita veröffentlichte in ihrer Wochenendbeilage ein ausführliches Interview mit dem »AfD-Ideologen« Hans-Thomas Tillschneider. Er wird behandelt wie ein Kuriosum. Dabei war Tillschneider klug genug, deutsch-polnische Reizthemen mit keinem Wort zu erwähnen, er beließ es beim Ausdruck des Bedauerns, dass man »in der Stadt, die jetzt Wrocław heißt«, kaum mit Deutsch durchkomme, sondern bloß mit Englisch. Dabei verteilte der AfD-Mann Komplimente an Polen, weil dessen Bevölkerung ethnisch so angenehm einheitlich sei: Da könne sich Deutschland an Polen ein Beispiel nehmen. Der fragende Journalist ging mit keiner Andeutung darauf ein, dass vieles von dem, was Tillschneider als »Extremismus« angehängt wird, in Polen längst Mainstream ist, etwa die Kritik an »kulturell fremder Migration« und dem »Islam als Fremdkörper der deutschen Gesellschaft« oder das Bekenntnis zu den »christlichen Wurzeln der europäischen Zivilisation«. Wer die angreife, strebe die Islamisierung Europas an, wiederholt Tillschneider einen ständigen Topos polnisch-konservativer Agitation.

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In einem anderen Beitrag wirft die Wyborcza dem polnischen Staatspräsidenten Karol Nawrocki vor, der AfD mit der Wiederbelebung des Reparationsthemas ungewollt Schützenhilfe zu leisten. Und die Rzeczpospolita macht sich Sorgen, was es für Polen bedeuten würde, wenn die AfD auf Bundesebene an die Macht käme: Erschwernisse für den Export durch den Rückzug aus dem Euro – den Polen noch nicht einmal hat –, längere Wartezeiten an den Grenzen, wenn die BRD das Schengen-System verlassen sollte. Es sind lauter im Moment ungelegte Eier, die da durchs Dorf gerollt werden. (rl)

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.09.2026, Seite 2, Ansichten

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