Mit »Messiaspotential«
Großbritannien verschleißt seine Ministerpräsidenten wie Wegwerfware. Untrüglich ist damit eine politische Krise indiziert, die im übrigen nicht nur die alte kapitalistische Nation auf der großen europäischen Insel erfasst hat und von so struktureller Art ist, dass neues Personal an der Spitze an der Misslichkeit nichts wird fundamental ändern können. Trotzdem, das gehört zum Business, muss so getan werden, als ob. Mit Andy Burnham zieht seit dem Brexit-Referendum vor zehn Jahren der siebte Regierungschef in die Downing Street Nummer 10. Hat der Mann nun fürwahr die vorgestellten Macherqualitäten? Fragen Sie doch die Presse.
Die Süddeutsche Zeitung bringt es fertig, in ihrem Leitartikel nicht einen einzigen möglichen oder angekündigten inhaltlichen Aspekt einer Regierung Burnham aufzugreifen, sondern beschäftigt sich vielmehr mit der Frage, ob der neue Premier zuerst die Milch in die Teetasse gibt (ja) und ob er Yorkshire Pudding mag (nein). Auffällig Burnhams Bemühen, ein Volkstribun zu sein: »Er versucht dort zu sein, wo das Volk ist, und zwar gerade in Ansprache und Ausdruck.« Vor allem weiß die Zeitung aus München, »wie wichtig Glaube und Hoffnung sind«, weshalb sie den Lesern mitteilen kann: »sein Messiaspotential ist größer als das seiner Vorgänger«.
Vom Heiland zum heiligen Land: Andere Medien interessieren sich für Burnhams Haltung zu Nahost: Die Welt registriert eine »abrupte Neupositionierung« in dieser Frage und »pauschale Schelten gegen Israel«, was man im Hause Springer nicht goutiert: Burnham wolle »beim israelisch-palästinensischen Konflikt einen entschiedeneren, emotionaleren Ton anschlagen. Das könnte sich am Ende als kontraproduktiv erweisen.« Bei Aljazeera hält man das alles für Gerede: »Glaubt nicht Andy Burnhams PR-Maschine. Die hohle Gaza-Verteidigung wird nicht den radikalen Wandel bringen, den Labour benötigt.«
Generell skeptisch ist die New York Times: »Die Labour-Partei hatte sich nach Starmer einen Aufschwung erhofft. Da es nichts Besseres gab, hat sie sich für einen eingefleischten Blair-Anhänger mit ›Northern Soul‹ (…) entschieden. Für das Land sieht es so aus, als würde alles beim Alten bleiben.« Der britische Guardian wittert die Morgenluft des Neuanfangs: »Burnhams Grundstimmung, sein ethischer Ehrgeiz und seine Entschlossenheit, einen neuen politischen Konsens zu schmieden« erinnerten »an das Jahr 1945, als eine neue Labour-Regierung durch einen wiederbelebten Staat und einen massiven, von den Kommunen vorangetriebenen Ausbau des sozialen Wohnungsbaus dauerhaften Fortschritt erzielte.« Im Narrenturm singen sie: »Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch. (brat)
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