Körper als Gefäß
Debatte um Leihmutterschaft
Die Gründe für den Rücktritt von Jens Spahn vom Vorsitz der Unionsfraktion haben auch die Debatte um die sogenannte Leihmutterschaft angefacht. Was aber dahintersteht, wird kaum diskutiert. Leihmutterschaft ist recht eigentlich eine Mietmutterschaft. Der Frau wird eine befruchtete Eizelle eingesetzt, ihr Körper für die Dauer der Schwangerschaft vertraglich genutzt, bis die Bestelleltern das in Auftrag gegebene Produkt, das Kind, erhalten.
Leihmütter leben meist prekär. Ihre Entlohnung variiert zwischen 2.000 US-Dollar für die ärmsten der Armen aus Süd- und Westasien oder Osteuropa und mehreren zehntausend US-Dollar für Leihmütter in den USA. Viele von ihnen bieten sich aus der Not heraus an, weil sie ihre Familien durchbringen müssen.
Die Aufträge der Bestelleltern werden durch komplexe unternehmerische Netzwerke realisiert. Die transnational agierenden Leihmutteragenturen organisieren den Reproduktionsprozess – von der Eizellen- und Spermienspende bis zur Lieferung des fertigen Kindes. Als kapitalistische Unternehmen haben sie ein primäres Interesse daran, den Bestelleltern möglichst viel Geld abzunehmen und gleichzeitig die Kosten des gesamten Prozesses so niedrig wie möglich zu halten, um den größtmöglichen Gewinn zu erzielen.
Auf der einen Seite bieten die Agenturen den Bestelleltern verschiedene »Pakete« an, die eine unbeschränkte Anzahl an Fertilisationsversuchen und Präimplantationsdiagnostik umfassen können. Auf der anderen Seite macht der Vertrag Leihmutterschaft zu einer Dienstleistung und ermöglicht es, den Körper, die Zeit und die Fürsorge der Leihmutter vorübergehend zu nutzen und wirtschaftlich auszubeuten.
Die rechtliche Setzung der Frau als freie Vertragspartnerin verschleiert die Bedingungen, unter denen der Vertrag geschlossen wird. Ökonomische und existentielle Not, kaum Zugang zu sozialen und institutionellen Ressourcen sowie das Wissensgefälle zwischen Leihmüttern und den spezialisierten Agenturen lassen den Frauen nur begrenzt Wahlfreiheit und Verhandlungsmacht.
Den Leihmüttern werden oft gleich mehrere Embryonen implantiert, um die Chance auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. Kommt es zu Mehrlingsschwangerschaften, entscheiden die Bestelleltern, ob einzelne Föten abgetrieben werden. Im Falle einer Fehl- oder Totgeburt geht die Leihmutter leer aus.
Die Organisation des Reproduktionsprozesses folgt der Logik ökonomischer Effizienz. Zur Absicherung und Optimierung der lebensgefährlichen Hochrisikoschwangerschaft werden die Frauenkörper durch kontinuierliche Hormon- und Medikamentengaben präpariert. Häufig werden die Frauen während der neun Monate in einem Wohnheim ständig überwacht. Mit der Vertragsunterzeichnung haben sie die Selbstbestimmung über sich und ihren Körper abgetreten.
Ermöglicht wird Leihmutterschaft durch die Extraktion und Zirkulation reproduktiver Körpermaterialien. Dadurch werden die zuvor in einer Person vereinten Dimensionen von Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt voneinander entkoppelt und als arbeitsteilig organisierte Teilleistungen strukturiert: Agenturen und Reproduktionskliniken bieten den Körper der Leihmutter als Gefäß für den Embryo anderer genetischer Eltern an.
→ Mehr zum Thema stellt die Autorin im Podcast »99 zu eins« vor.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
