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Aus: Literatur, Beilage der jW vom 15.10.2025
Philosophie

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Das Ganze der Gegenwart: Alex Struwe belebt die Kritische Theorie Adornos wieder
Von Marc Püschel
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Wer gefesselt ist, sich aber nicht bewegt, mag den Eindruck bekommen, er sei frei. Entsprechend sind es gerade Krisenzeiten, in denen man seine Abhängigkeiten von einem größeren Ganzen zu begreifen beginnt. Nachvollziehbar ist daher der Befund Alex Struwes, dass in der Gegenwart solche Theorien wieder en vogue werden, die versuchen, Gesellschaft als eine Totalität zu begreifen. Doch rückt dabei die Frage nicht in den Blick, wie man ein Ganzes, in das man selbst untrennbar involviert ist, überhaupt verstehen kann.

»Zu glauben, man habe die Sache in der Tasche, wenn man Kapitalismus und Totalität sagt, ist eine der irrigsten Vorstellungen der Linken«, konstatiert ­Struwe zu Recht. In seinem Buch »Totalität« bemüht er sich daher um eine Klärung dieses Problems. Dazu geht der ND-Wissenschaftsredakteur zunächst von der Diagnose aus, dass sich die früher dominierenden Theorien der sozialen Unbestimmtheit erschöpft haben. An die Stelle der (zumeist französischen) Denker, die sich radikal gegen jede Annahme einer bestimmbaren Ordnung wandten und eine absolute Kontingenz sozialer Phänomene behaupteten, treten andere Ansätze: Studien zum Populismus, Autoritarismusanalysen, neue Kapitalismuskritik und Klassenpolitik, schließlich gesellschaftliche Großtheorien und die Geschichtsphilosophie.

All diese Ansätze – von Didier ­Eribon über Vivek Chibber, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey, Andreas Reckwitz, Hartmut Rosa, Nancy Fraser bis hin zu Rahel Jaeggi – werden von Struwe einer Ideologiekritik unterzogen. Die fällt zwar knapp aus, wirkt stellenweise sogar holzschnittartig, doch kann das mit dem explizit essayistischen Charakter des Buches entschuldigt werden. Ob in jeder Hinsicht eine instrumentelle, regressive Theoriebildung vorliegt, sei dahin­gestellt. Kaum bestreiten lässt sich, dass in diesen neuen Ansätzen tatsächlich über das Ganze der Gesellschaft gesprochen wird, ohne zu hinterfragen, wie man es begreifen kann.

Struwe versucht dagegen mit einem Rückgriff auf Adorno zu klären, wie man zu einer Vorstellung des Ganzen kommen kann, »die nicht einfach nur unbewusstes Produkt jener Verhältnisse ist, die ich erkennen will, um sie zu verändern«. Ein Gesamtzusammenhang der Gesellschaft lasse sich nicht einfach theoretisch postulieren. Denn damit unterwerfe man die Objektivität einem abstrakten Begriff und nachvollziehe so die Herrschaft des Allgemeinen, die im Kapitalismus waltet.

Adorno zog die Konsequenz, dass sich nur »mittels Selbstkritik gesellschaftlich Objektivität nachvollziehen ließe«. Indem man durch Ideologiekritik das Falsche des eigenen Denkens aufzeigt, könne man auf das Ganze eines falschen Gesellschaftszustands rückschließen. Ein Denken, das das Ganze »positiv« auszusprechen versucht, verfalle in Verdinglichung und Ideologie. Statt dessen soll die Totalität durch eine »Konstellation« von aufeinander verweisenden Einzelanalysen so umstellt werden, dass sie als eine negative Totalität aufscheint, ohne selbst einer begrifflich-abstrakten Herrschaft unterworfen zu werden. Als eine solche Konstellation untersucht Struwe Adornos Werk.

Gegenüber der Masse an gegenwärtigen Theorieversatzstücken, die sich irgendwie in der Tradition Adornos und Horkheimers sehen, ruft Struwe also das Ganze der Kritischen Theorie wieder ins Gedächtnis. Das ist kein geringes Verdienst. Totalität als ein zentrales Problem erkannt zu haben, ist ebenso lobenswert wie der Ansatz, alle neuen Theorien einer Ideologiekritik zu unterziehen und damit zu versuchen, selbst eine Konstellation um das Ganze der Gegenwart herum zu bilden.

Allerdings scheinen Struwe die offenen Probleme der Kritischen Theorie nicht in den Blick zu geraten. In seinem Schluss zeigt er sich zwar vorsichtig: ­Adornos Werk sei lediglich eine Art »Mindeststandard« und ein »Lehrstück, mit dem Problem der Totalität umzugehen«. Doch auch in diesem Lehrstück zeigen sich Lücken.

Nicht nur bleibt der Begriff der Konstellation bei Struwe so unklar wie bei Adorno. Hinterfragt werden müsste, wie »mittels der Einzelanalysen (Adornos) die Rede von Gesellschaft als Totalität zu einem konkreten Ergebnis sozialwissenschaftlicher Befunde wird«. Aber auch Einzelanalysen erheben Anspruch darauf, gesellschaftliche Phänomene zumindest richtig identifizieren zu können. Bei einer Konstellation, die auf ein falsches Ganzes verweist, müssten auch alle Einzelanalysen in Frage gestellt werden, da sie die Objektivität zumindest teilweise einer begrifflichen Abstraktion unterwerfen. Die Korrektheit jeder partiellen Analyse, letztlich jedes einzelnen Gedankens müsste selbst wieder durch eine Konstellation erschlossen werden.

Um nicht in diese schlechte Unendlichkeit zu verfallen, setzt Adorno selbst bereits gewichtige »positive« Annahmen über die Gesellschaft voraus. So nimmt die Methode, mittels Selbstkritik des Denkens auf Objektivität zu schließen, offenkundig eine Gesellschaft als gegeben voraus, in der sich gesellschaftliche Strukturen im subjektiven Denken und Handeln widerspiegeln. Struwe bezieht daher auch Marx’ Analysen der modernen kapitalistischen Gesellschaft in seine Rekonstruktion ein. Dabei wird leider nicht nur manches übergangen – etwa, was Adorno der Rationalitätskritik von Georg Lukács in »Geschichte und Klassenbewusstsein« verdankt –, auch Marx’ Methodik bleibt merkwürdig unklar. Marx habe das Kapital als konkretes Phänomen begriffen, von dem aus man rückschließen kann, »dass die Gesellschaft als Ganze auf eine bestimmte Art und Weise eingerichtet sein muss«. Allerdings hat er dies im »Kapital« nicht mit einer Konstellation von Einzelanalysen getan, sondern erklärtermaßen in Anknüpfung an die von Struwe ignorierte Methodik der Hegelschen Logik.

Das ganze Konzept erscheint tautologisch, wenn Struwe Adornos Überlegungen wie folgt zusammenfasst: »Falls die Gesellschaft eine Totalität bilde, könne man diese am individuellen Subjekt nachvollziehen. Wenn man sie also nachvollziehen könne, dann ist dies ein Hinweis auf die Existenz der Gesellschaft als Totalität.« Die Frage wäre aber, welche Gründe dafür sprechen, dass die Falschheit des eigenen Bewusstseins (etwa Ich-Schwäche als Zeichen einer abstrakten Herrschaft über das Subjekt) Produkt eines falschen Gesellschaftszustands ist. Man könnte schließlich auch annehmen, dass das eigene Denken schlicht kontingent ist.

Diese Konsequenz haben Teile der »French Theory« gezogen, indem sie noch die »positiven« Voraussetzungen Adornos negierten. Jedoch nimmt ­Struwe die Kritische Theorie – die mittlerweile ihre eigene Orthodoxie kennt – mit der etwas gewagten Behauptung, dass »­Adorno und Co. jahrzehntelang als unzeitgemäß galten«, aus den theoretischen Zusammenhängen des 20. Jahrhunderts weitgehend heraus. Entsprechend unbewältigt bleiben die offenen Fragen der Kritischen Theorie. Der Grat, auf dem eine fruchtbare Wiederbelebung gelingen kann, ist schmal. Ob Struwe ihn hält, wäre zumindest zu diskutieren.

Alex Struwe: Totalität. Marx, Adorno und das Problem kritischer Gesellschaftstheorie. Verbrecher-Verlag, Berlin 2025, 200 Seiten, 20 Euro

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