Weimers Sorgen
Von Peter Merg
Kommenden Donnerstag beginnt die Leipziger Buchmesse, und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer arbeitet weiter mit Hochdruck daran, sich dort unmöglich zu machen. Sein jüngster Streich: Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) in Leipzig bekommt keinen neuen Erweiterungsbau. Sie platzt zwar aus allen Nähten, die Magazinkapazitäten sind nahezu erschöpft, aber Weimer entschied: zu teuer. Die neuen Flächen werden aber dringend benötigt.
Verständlicherweise ist man bei der Nationalbibliothek wegen der Vollbremsung einigermaßen pikiert. Der schon länger geplante und dadurch bereits sieben Millionen Euro teure fünfte Erweiterungsbau sollte sicherstellen, dass auch künftig in Leipzig Bücher und andere Medien gesammelt werden können. Seit 113 Jahren ist es der Anspruch der Nationalbibliothek, alle Publikationen deutscher Sprache zu archivieren – ein unschätzbarer Schatz für die Wissenschaft wurde seitdem zusammengetragen. An ihren Standorten in Frankfurt am Main und eben Leipzig gehen täglich rund 13.100 neue Werke ein, davon immerhin noch 3.300 in analoger Form. Ein Gesetz verpflichtet Verlage zu der Abgabe zweier Exemplare von jedem Titel an die DNB, den sie veröffentlichen.
Ein Sprecher Weimers erklärte am Donnerstag, man habe das Erweiterungsprojekt aufgrund der Haushaltslage des Bundes ausgesetzt. Zudem setze sich der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) dafür ein, dass zukünftig nur noch ein Exemplar je Titel an die DNB abgeführt werden muss – und das bitte digital. Bürokratieabbau nennt er das. Was sich übersetzen lässt in: Bücher abschaffen. Denn die werden seit Guttenberg nun mal gedruckt und nicht gepostet. Dass man diesen Unterschied jemandem erklären muss, der ausweislich mehrerer – durchgehend gedruckter – Bücher die Kultur des Abendlandes retten möchte, wäre reichlich verblüffend, wäre es nicht Weimer. Die Verleihung des jüngst zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten Deutschen Buchhandlungspreises auf der Messe hat er vorsorglich abgesagt. Sollte er sich trotzdem in Leipzig blicken lassen, kann er froh sein, wenn es ihm nicht ergeht wie den Daltons am Ende der Lucky-Luke-Bände. Man sagt, der Volkszorn brennt heiß im Osten. Und Leipzig liest gerne.
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