Zum Inhalt der Seite
Kulturpolitik

Weimers Sorgen

Ein Kulturstaatsminister fährt zum ESC

Foto: dts Nachrichtenagentur/IMAGO
Wolfram Weimer hat den Fado

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer schraubt weiter an seinen Sympathiewerten. Er reise zur Unterstützung Israels zum Eurovision Song Contest (ESC) nach Wien, erklärte er der Augsburger Allgemeinen (Mittwochausgabe). Nebenher drückt er der deutschen Kandidatin Sarah Engels die Daumen. Wegen der Teilnahme eines israelischen Vertreters treten diesmal keine aus den Niederlanden, Spanien, Irland, Slowenien und Island an. Sendeanstalten aus 35 Ländern schicken Beiträge zur 70. Ausgabe des Musikwettbewerbs nach Wien. »Es ist der umfassendste Boykott in der Geschichte des Wettbewerbs«, weiß die dpa. Was Weimer nach eigenen Worten »schmerzt«. Gefühl ist heute schließlich alles. Und weil es weh tut, habe er das Anliegen »auf die höchste politische Ebene gebracht«, dass »Israel singen darf«. Singt nun schon die ganze Nation oder doch eher Noam Bettan? Weimer ist es ebenso egal wie den Boykotteuren.

Dass viele auch Weimers sonstigen Umtrieben wenig abgewinnen können, findet der normal: »Nach einer engagiert linksgrünen Kulturstaatsministerin haben wir mit mir nun einen profiliert Bürgerlichen im Amt. (…) Die Fans von Gendersprache, Pali-Aktivismus und Wokeness sind darüber gar nicht begeistert. Aber sie werden merken, dass sie in mir keinen rechten Kulturkämpfer haben, sondern einen Liberalen, der für die Kultur kämpft.«

Anzeige

Ob für oder wider: Wie ernst er es mit diesem Kampf meint, konnte man jüngst in Sachen Buchhandlungspreis und »Extremismus« studieren. Doch auch hier bleibt der Kulturstaatsminister bei seiner Linie. Obwohl jüngst vom Verwaltungsgericht Berlin darüber aufgeklärt, dass er linke Buchhändler nicht ohne Grundlage als »politische Extremisten« bezeichnen darf, sagte Weimer der Augsburger Allgemeinen: »Ob NGOs, Buchhändler oder Festivals – ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Staatspreise und Fördergelder für Akteure, über die nach Auskunft des Verfassungsschutzes relevante Erkenntnisse vorliegen, kritisch zu hinterfragen sind.« Was sowohl aus grundsätzlichen Erwägungen (Kunstfreiheit), aus Gründen der Aufrichtigkeit (gilt das ebenso für die Wirtschaftsförderung?) als auch mit Blick auf das politische Eigenleben des Inlandgeheimdienstes selbst zu hinterfragen wäre. Aber fragwürdig ist bei Weimar eh so ziemlich alles. Selbst sein Musikgeschmack, wie man nun weiß: Er habe eine Schwäche für modernen Fado und Latinopop, weil er in Portugal aufgewachsen sei und zeitweise in Spanien gelebt habe, gestand Weimer auf eine hochprofessionelle Frage der Augsburger Kollegen. »Aber insgesamt bin ich ein ziemlicher Mainstreamer – ich höre alles, was gerade in den Charts ist, und habe keine skurrilen Neigungen in eine bestimmte Richtung.« Kurz: Er ist ein einigermaßen unkultivierter Mensch und sagt es auch ganz offen. Womit mal wieder alles gesagt wäre.

Themen:
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 07.05.2026, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!