Leben und sterben lassen
Von Peter Merg
Wolfram Weimer weiß sich durchzuwuseln. Hatte es erst noch so ausgesehen, als wollte sich der Kulturstaatsminister jede Konfrontation mit der ihm in herzlicher Abneigung verbundenen Kulturszene in Leipzig ersparen, kam er schließlich doch zu zwei Terminen. Wie schon bei der Messeeröffnung am Mittwoch ließ er auch am Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion passenderweise in der Deutschen Nationalbibliothek alle Kritik an sich abperlen. Den Erweiterungsbau für die DNB hat er zwar gestoppt – aber keine Sorge, alles nicht so ernst gemeint: »Mein politisches Interesse ist es, die Nationalbibliothek größer zu machen. Natürlich physisch. Und wenn wir dafür bauen müssen, dann bauen wir.«
Davon ließen sich nicht alle im Saal einlullen, doch der am Mittwoch noch auftrumpfenden Stadt- und Landespolitik wird es genügen. Jetzt prüft erst einmal die Bauverwaltung des Bundes, und auch Finanzminister Klingbeil vom pflichtschuldig mitempörten Koalitionspartner SPD wird schon ein paar Euro locker machen, wenn das Geschrei so laut ist.
Einfach mal einen raushauen, bei Bedarf zurückrudern und alles nicht so gemeint haben: Das Grundprinzip der Weimerschen Amtsführung war schon kurz nach seinem Antritt zu erkennen. So wird auch weiter verfahren werden, denn zu lernen scheint er nichts, und einer wie Weimer tritt nicht zurück. Die Scheinwerfer lieben ihn, das genügt. Sein Kanzlerkumpel Merz wird ihn nicht rausschmeißen, zu sehr verkörpert Weimer das strategische Dilemma der Union: Den rechten Kulturkampf der AfD symbolisch selbst zu führen, aber schön aus der »Mitte« und mit angezogener Handbremse, schließlich will man mit der SPD koalieren. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Lächerlichkeit ist schon lange kein Grund mehr, den Stuhl zu räumen. Aussitzen heißt das Zauberwort, da mögen die Kulturleute noch so toben.
Wie lang deren Atem reicht? Zumindest die Buchbranche hat noch ganz andere Probleme. Da mag Sebastian Guggolz vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels beklagen, das Gerede von der Krise begleite das Verlagswesen »wie der Mond die Erde«, doch die Zahlen sprechen für sich. Die jährlichen Neuerscheinungen sind in der letzten Dekade von 90.000 auf 70.000 Titel gesunken, trotz des Booms zielgruppenorientierter Genreliteratur. Unabhängige Verlage mit anspruchsvollem älteren Publikum wie der Berenberg-Verlag machen reihenweise den Laden dicht. Und nicht nur sie – heute gibt es 15 Prozent weniger Buchhandlungen als noch vor zehn Jahren, in Sachsen-Anhalt schloss gar jede vierte. Von der »Lesekompetenz« der Schüler wollen wir erst gar nicht anfangen.
Wobei, vielleicht doch: Junge Menschen hat es schließlich reichlich auf der Leipziger Messe. Besonders drängen sie sich in den eineinhalb Hallen der Manga-Comic-Con. Die ist seit 2014 dabei, doch die 90er haben hier nie aufgehört. Seit RTL II und »Dragonball« den endgültigen Durchbruch brachten, verkaufen sich die japanischen Comics prächtig. Hier wird noch richtig Geld verdient. Entgegen dem Vorurteil bietet das Genre einen reichen Fundus anspruchsvoller Erzählungen. Doch natürlich sorgen diese Titel nicht für die Massenumsätze. Der »neue Strukturwandel der Öffentlichkeit« (Habermas und alle anderen) ist beileibe nicht nur einer der Medien und Techniken, auch wenn das im Verschwinden begriffene gerade deshalb nicht allzu rosig gezeichnet werden solle. Comics statt Grass zu lesen, ist nichts Schlechtes.
Die Widersprüche und Interdependenzen zwischen ökonomischer und ästhetischer Krise der Literatur, ihre fortwährende Überlagerung, wenn nicht Abschaffung durch neue Formen der marktförmigen Zurichtung auszuloten wäre Aufgabe einer Literaturkritik, die es versteht, ausgehend vom konkreten Text aufs Allgemeine zu blicken. Insofern ist die Auszeichnung des Schriftstellers und Journalisten Dietmar Dath mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik besonders glücklich. Dath hat nicht nur, wie die Literaturwissenschaftlerin Franziska Bomski am Donnerstag auf der Messe in ihrer Laudatio betonte, einen weiten Begriff von Literatur, »der sich nicht an Gattungen und Genres, den Grenzen zwischen Hoch- und Populärkultur oder anderen normativen Vorgaben orientiert«. Er hat auch »ein gleichermaßen großes Herz wie scharfes Auge für das Subkulturelle«.
Wie es derzeit um die »Literatur als ein eigenständiges Verfahren des Weltzugangs mit wirklichkeits- und gesellschaftsveränderndem Potential« (Bomski) bestellt ist, riss Dath in seiner Dankesrede an, indem er ihre Nützlichkeit verteidigte: »(…) immer mehr Überlebensnotwendiges in unserer Gesellschaft ist von Menschen gemacht und also lesbar wie ein Text, immer mehr hat Daten- und Informationscharakter, immer mehr ist Zeichen, hat Grammatik und Syntax, vom einfachen Algorithmus bis zum Künstlichen Neuronalen Netzwerk. Wir sind an dem Punkt, an dem Leute mithilfe von KI Texte herstellen und mit ihrem eigenen Namen verzieren, die gar nicht richtig lesen können. Das wird uns noch viel Ärger machen. Wir brauchen alle Werkzeuge, die helfen, den unausweichlichen Schaden zu begrenzen.«
Daths Pointe war metaphorisch: »Stellen wir uns vor, die Literatur, an der uns liegt, inklusive ihrer literarischen Kritik, sei nicht ganz gesund. Stellen wir uns vor, sie habe sich hingelegt. Sie hat, glaube ich, Angst davor, wie es weitergeht. Der Beruf, ihr beizustehen, ist ein sehr schöner.« Aber was tun, wenn nicht nur der Patient stirbt, sondern auch die Ärzte?
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