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Historisch

Foto: REUTERS/Carlos Barria
Immerhin was mitgenommen: Thomas Tuchel und Jude Bellingham bekommen die unbeliebtesten Medaillen der Welt (v. l., Miami, 18.7.2026)

Loser vs. Loser. Das Spiel um Platz drei bei einer Fußball-WM kann man mit dem Streichen beim Auszug vergleichen: Die Motivation geht gegen Null. Zwei enttäuschte Teams mit Ambitionen auf den WM-Titel, die das Match möglichst mit heilen Knochen über die Zeit bringen wollen.

Aber es ist Frankreich gegen England. Exklusiv im rosaroten Bezahl-TV, das heißt: ab in die Kneipe. Dann sagt meine Verabredung erkrankt ab. Wohin also janz alleene um 23 Uhr Anstoßzeit? Da ist ein nahezu magischer Ort, nur zwei, drei norwegische Ruderschläge von zu Hause entfernt. Eine der letzten nicht gentrifizierten Kneipen in Kreuzberg 61, die Destille, wo sich seit 150 Jahren Jung und Alt, Arm und nicht Reich sowie straight und gay treffen und immer noch mischen. Mit Plätzen davor sieht es mau aus, also rinn ins Rauchvergnügen und auf den letzten freien Hocker am Personalausgang gequetscht. Kaum sitze ich, fällt das erste Tor – für Old England. Die Kneipe ist am Ausrasten, die Menge schreit very clearly zu Ungunsten von Les Bleus, ist ja auch kein Weinlokal. 2:0. Die inzwischen ausgewachsenen Löwenbabys haben sich was vorgenommen. 3:0. 7:1, prophezeie ich an unserem kleinen runden Tisch, die zwei älteren Fußballgenossen lächeln in sich hinein. Nach dem 4:0 macht sich Mitleid mit dem scheidenden Trainer Didier Deschamps breit. Halbzeit und Mitternacht. Die kleine Delegation französischer Bürgerinnen verlässt fluchtartig das Etablissement. Alle Nichtengländer halten jetzt aus Gründen der Égalité zu den Underdogs, so läuft es eben in der Destille. Aber Gleichheit und Brüderlichkeit gibt es nicht im Fußball. Freiheit schon. Die nimmt sich nach der Pause Kylian Mbappé, der den Ball zum 1:4 ins Tor haut. Noch taugt mein Tip, aber Frankreich zeigt ein neues Gesicht. Die Wechsel bringen Stabilité. Wenige Minuten später das 2:4, Applaus. 3:4, Mbappé. Jetzt liegt er in der Torjägerliste zwei Tore vor Messi. Knicken die Engländer wieder ein? Dann Elfmeter für England. Ein angesoffener Nachbar fragt mich: »Warum Elfmeter?« Ich: »Wegen Foul.« »Ah, danke.« Dann kommt der nächste vom Klo. »Warum Elfer?« »Frag sie.« So werde ich Fußballexpertin. Saka verwandelt cool, und meine Beisitzer erinnern sich an die rassistischen Kommentare, die seinem verschossenen Elfmeter bei der EM 2021 folgten.

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4:5 Dembelé. Geht noch was? Dann zimmert Bellingham das finale 6:4 in die Maschen. Die zwei alten weisen Männer und ich sind uns über drei Dinge einig: Die FIFA verursacht Übelkeit, wie auch der zur Schau gestellte machistische Nationalismus sowie die argentinische Spielweise, brutal und weinerlich zugleich. Und: Wir waren beim besten Spiel ever um den 3. Platz dabei. Das war Fußball.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.07.2026, Seite 16, Sport

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