- → Sport
Kinoabende in Kairo
Der Sporthistoriker Daniel Lange erforscht die sportdiplomatischen Bemühungen der DDR in Afrika
Kaum eine Facette oder Schwäche, kaum ein Unglück oder Versagen in der DDR-Geschichte, das seit 1990 nicht untersucht, beleuchtet und vor allem medial aufbereitet worden wäre. Gern mit Geld von der »Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur«. Daniel Langes Buch über die ostdeutsche »Turnschuhdiplomatie« in Afrika trägt ebenfalls deren Siegel, hebt sich jedoch angenehm von den Beiträgen ab, die dazu dienen, den nicht mehr existenten Staat DDR nachträglich ins schlechtestmögliche Licht zu rücken. Die 2021 eingereichte Dissertation an der Universität Potsdam über dieses bislang wenig erforschte Kapitel der Sportgeschichte ist akribisch gearbeitet, Langes Urteil ausgewogen. Erschienen ist sie 2022 unter Ausschluss einer breiteren Öffentlichkeit in einer wissenschaftlichen Fachbuchreihe und bis heute nicht in den regulären Buchhandel gekommen. An Bedeutung hat die grundlegende Studie in den fünf Jahren seit ihrem Abschluss nichts eingebüßt.
Klein waren die Anfänge der DDR-Sportdiplomatie, aber erfolgreich: Wie dieser Staat, gerade mal sechs Jahre alt und vom Zweiten Weltkrieg samt anschließender Reparationszahlungen an die Sowjetunion schwer gebeutelt, erste sportliche Kontakte nach Nordafrika knüpfte – und schon 1955 ein ägyptisches Radteam zur Internationalen Friedensfahrt brachte. Mit niedrigen sechsstelligen Beträgen per anno begann das kleine Land namens DDR damals seinen Marathon, um mit Hilfe internationaler Sportbeziehungen weltweit wahrgenommen, diplomatisch anerkannt und 1973 gemeinsam mit der BRD in die UNO aufgenommen zu werden. Für Ostberlin lag es nahe, für dieses Ziel besonders afrikanische Staaten zu gewinnen, von denen sich 1960 17 und danach reihenweise weitere von ihren Kolonialmächten befreiten. Sie wollten sich ja nun ebenfalls emanzipieren, waren so gesehen »Gleichgesinnte«.
Die DDR-Führung verband mit der Sporthilfe von Beginn an strategische Hintergedanken, so dass die Unterstützung keineswegs als ausschließlich selbstlos gelten konnte. Minutiös zeichnet Lange nach, wie die Sportdiplomatie einem großen Puzzle glich, das immer wieder neu und anders zu legen war. Von anfänglichen Solidargedanken blieb Ende der 1980er Jahre kaum noch etwas übrig. Später ging es vornehmlich ums »Deviseneinnehmen«, die »Sicherung von Trainingslagern« in afrikanischen Höhen und Klimazonen sowie um den »Beistand der Entwicklungsländer für DDR-Vorhaben in internationalen Gremien«. Hatte der DDR-Sport vor allem durch Lehrgänge für Trainer und Funktionäre an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig, Trainingslager sowie die Entsendung von Spezialisten und Lieferung von Sportartikeln bzw. -geräten zwischen 1981 und 1985 rund 1,6 Millionen »Valuta« sprich D-Mark erwirtschaftet, sollte diese Summe im darauffolgenden Fünfjahrplan auf 5,33 Millionen gesteigert werden. Ein Ding der Unmöglichkeit angesichts der begrenzten Ressourcen. Allein der von Algerien bis Zimbabwe geäußerte Wunsch, qualifizierte DDR-Trainer – möglichst ohne eigene Kosten – ins Land zu holen, überstieg die Kapazitäten. Hinzu kamen die stete westliche Konkurrenz und, dass die »sozialistischen Bruderstaaten« Leistungen oft genug preiswerter anboten. Zudem wurde ein Großteil der erwirtschafteten Devisen vom DDR-Sportsystem selbst wieder aufgezehrt. Schon Ende der 1970er bedeutete die zugesagte Lieferung von 265.000 Paar Turnschuhen nach Angola einen Kraftakt – daher der Buchtitel »Turnschuhdiplomatie«.
Sukzessive erlangte der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) unter seinem Chef Manfred Ewald im Laufe der Jahre im DDR-Machtgefüge gegenüber dem Staatssekretariat bzw. Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport und selbst gegenüber der SED-Spitze im sportlichen »Auslandsgeschäft« eine Position der Stärke. Nicht zuletzt aufgrund der Erfolge des DDR-Spitzensports. Dessen Betriebsgeheimnisse wurden streng gehütet. Nähere Einblicke in die Tätigkeit etwa des Sportmedizinischen Dienstes (SMD) waren für die afrikanischen Partner tabu, egal aus welchem Land. Dennoch entstanden nach DDR-Vorbild sportmedizinische Praxen in Kairo/Ägypten (1968), Conakry/Guinea (1980) und Addis Abeba/Äthiopien (1984). SMD-Spezialisten veranstalten mehrfach spezielle Kongresse für afrikanische Sportmediziner.
Je nach politischer »Wetterlage«, besonders nach Veränderungen an der Staatsspitze, schwankten auch die Beziehungen zu den jeweiligen Ländern. Ausdauernd umgarnt wurde wegen seiner Bedeutung der Oberste Sportrat Afrikas (OASR, 1966–2013). Außerdem war da noch dieser »Alleinvertretungsanspruch« des westdeutschen Nachbarn. Natürlich verfolgte die BRD die sportpolitischen Bemühungen der DDR mit Missfallen.
Und funkte gerne dazwischen. Wo solche »Querschüsse« zu belegen sind, hat der Autor nicht darauf verzichtet. Unter anderem schildert er eine Episode vom 7. März 1972 in Kairo, als die DDR-Botschaft einen Kinoabend mit drei DDR-Sportfilmen veranstaltete. Es hatten 60 Personen teilgenommen, wurde anschließend protokolliert, darunter »die gesamte Spitze des ägyptischen Sports«. Der vom westdeutschen Goethe-Institut eiligst anberaumte Gegenfilmabend zum Thema »München 72« war ein Schlag ins Wasser. Was heute schmunzeln macht, war harter politischer Alltag inklusive skurriler Auswüchse. Beispielsweise wäre Dettmar Cramer ohne Intervention der DDR nicht 1971 ägyptischer Fußballnationaltrainer geworden. Ursprünglich war von westdeutscher Seite mit Otto Westphal ein früherer Trainer von Chemie Leipzig dafür vorgesehen, ein »Republikflüchtling«. Die DDR intervenierte und Cramer erhielt den Job.
So ging es zu in der deutsch-deutsch-afrikanischen Dreiecksbeziehung. Es wäre zu wünschen, dass Daniel Lange dieser umfangreichen, mehr als 600 Seiten umfassenden wissenschaftlichen Darstellung alsbald eine populäre, kompakte Fassung folgen lässt – und vielleicht noch einmal in die Archive geht, um den noch fehlenden Teil dieser Geschichte zu erforschen. »Es wäre ein Traum, wenn es so eine Schrift auch für die westdeutsche Seite gäbe«, so der Autor gegenüber jW. Was die Bundesrepublik sportpolitisch in Afrika unternahm und wovon sie geleitet wurde, ist bestenfalls bruchstückhaft erforscht.
Daniel Lange: Turnschuhdiplomatie. Die internationalen sportpolitischen Beziehungen der DDR nach Afrika als besonderer Bestandteil ihrer Außenpolitik (1955–1990). Wissenschaftliche Fachbuchreihe des Instituts für Leistungssport und Trainerbildung Bd. 7, DHGS – Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport, Berlin 2022, 602 Seiten, 35 Euro
→ Exemplare können bezogen werden über daniel.lange@go4more.de
→Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
