Nach 9/11
Es wird niemals so viel gelogen wie vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg. Hat olle Otto so nicht gesagt, trifft aber zu auf den ordentlichen deutschen Journalismus. Die innenministeriell repressierte Ausnahme von der Regel halten Sie gerade in der Hand. Es könnten allerdings Spuren von Realität enthalten sein in manchen Sendungen, mit denen die Länderkulturradios an die Anschläge vom 11. September 2001 erinnern und an das, was dem folgte, der »Antiterrorkrieg« des Westens gegen den Rest der Welt. Das »ARD-Radiofeature« zum Thema verrät im Titel, was damals nicht gesagt werden durfte, nicht einmal vom damaligen Präsidentendödel: → »Nach 9/11: Deutschland im Krieg« (NDR 2026, Do., 15.04 Uhr, HR 2 Kultur, Fr., 15.05 Uhr, SWR Kultur, Sa., 13.05 Uhr, Bayern 2, 17.04 Uhr, SR Kultur, 18.05 Uhr, Bremen Zwei, So., 13.04 Uhr, WDR 5).
Die Presseankündigung vom NDR lässt gleichwohl befürchten, dass das Stück zuerst der Bundeskriegsertüchtigung verpflichtet ist: »Zeitzeugen aus Politik und Bundeswehr (u. a. Planschbecken-Rudolf, PDT) berichten, welche Folgen bis heute nachwirken und wie sich der Umgang mit Krieg und Militär verändert hat.« Nikolaus Steiner dagegen stellt in der fünfteiligen »Tiefenblick«-Serie → »Staatsgeheimnis 9/11« eine lästige Frage: Welche Rolle spielten die hochwohlgeborenen Kopfabschneider aus Saudi-Arabien? (WDR 2026, Sa., 13.30 Uhr, WDR 5). Rainald Goetz schließlich sucht einen Ankerpunkt für sein Elfter-September-Hörspiel in Abu Ghraib, er nannte es → »Reich des Todes« und hat eventuell die Absicht, Teile der Bevölkerung zu verstören (NDR 2026, Sa., 18.05 Uhr, NDR Kultur).
Sonst sehen die neuen Programmvorschläge für diese Woche aus wie ein Teller bunte Knete. In den »Dimensionen« kehrt → »Der Schraubenwurm« zurück, ein ziemlich invasiver Nutzviehfresserling (Di., 19.15 Uhr, Ö 1). In »Bayern 2 Eins zu Eins« verrät → »Maura Porrmann, Tischfußball-Weltmeisterin im Damen-Doppel«, alle ihre Tricks. Oder auch nicht (Mi., 16.04 Uhr). Das Hamburger Freie Radio und die hiesige Initiative Solidaritätszuschlag senden eine Bedienungsanleitung gegen counter-revolutionary Boredom: → »Weitermachen. How to widerstand in autoritären Zeiten« (Do., 14 Uhr, FSK).
Im »Zeitfragen-Feature« wird’s auch nicht langweilig, die Donnerstagsausgabe verspricht → »Sex, Syphilis, Superkeime – Die neue Wirklichkeit der Geschlechtskrankheiten« (19.30 Uhr, DLF Kultur). In der Geisterstunde versteckt hat DLF Kultur eine »Klangkunst«-Schöpfung des Mailänders Alessandro Bosetti mit Lautsprecherwagen, → »Defensa 111« (WDR 2026, Fr., 00.05 Uhr). Was das Sterben betrifft, hat Woody Allen einmal gesagt, er sei strikt dagegen; im Hörspiel → »Der Tod« hat er sich dem Sensenmann ent- und vielsprechend genähert (RB, SFB, SWF 1981, Sa., 19.04 Uhr, SWR Kultur). Elf Jahre älter ist diese Aufnahme von Bellinis → »Norma«, die mit Joan Sutherland in der Titelrolle in der New Yorker Metropolitan Opera gemacht worden ist (Sa., 19.05 Uhr, DLF Kultur).
Hazal heißt die Heldin des Hörspiels → »1/2 Ellbogen« nach dem Romandebüt von Fatma Aydemir; sie ist eine 17jährige Berliner Göre, die aus ihrer muslimischen Familie ausbricht und ordentlich Scheiße baut (SRF 2019, Sa., 20 Uhr, SRF 2 Kultur). Science-Fiction-Klassiker über moralische Erwägungen bei der vorbeugenden Vernichtung fremder Zivilisationen: → »Objekt X 115« von Richard Koch (SR 1969, So., 17.04 Uhr, SR Kultur). Remake eines eigentlich verbotenen Splattermovies, inszeniert als Liveberichterstattung über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: → »Sie sind wieder da!« (So., 18 Uhr, überall). Man bemerkt den Abgrund, ist verstimmt und zieht sich zurück, um → »Neue Musik in der DDR« zu hören. Ein seltenes Vergnügen, hat es so etwas doch gar nicht gegeben (So., 20.01 Uhr, Ö 1).
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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