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Theater

Ernst ist der Anblick

So war das 63. Theatertreffen in Berlin

Foto: Fabian Schellhorn/© Berliner Festspiele
Gewinnerin des Alfred-Kerr-Darstellerpreises: Paulina Alpen in »Die Welt im Rücken«

Die Bühne gehört den Verlusten: »Ich möchte Ihnen von einem Verlust berichten. Es geht um meine Bibliothek. Es gibt diese Bi­bliothek nicht mehr. Ich habe sie verloren.« Die ersten Sätze von Thomas Melles Roman »Die Welt im Rücken« eröffnen auch die Bühnenadaption vom Schauspiel Stuttgart (Regie: Lucia Bihler), die nach einhelliger Meinung zu den (wenigen) Höhepunkten des 63. Theatertreffens gehörte, das am letzten Sonntag zu Ende ging (vier der zehn ausgewählten Inszenierungen sind noch bis zum 30.4.2027 in der Mediathek von 3sat anzuschauen). Für ihre Präsentation des Textes über die bipolare Störung des Autors in unablässiger Figurenrede bekam Paulina Alpen verdient den Alfred-Kerr-Darstellerpreis, allein schon für die erforderliche Konditionsstärke im unerschöpften Ausagieren der Manie (aber auch die Darstellung der puren Erschöpfung in der Depression gelang ihr). Paulina Alpen stand ein halbes Dutzend Doppelgängerinnen zur Seite, alle im roten Clownskostüm (mal mit, mal ohne Buckel) vor einem angesichts seiner Beziehungen zum Anspielungshorizont des Textes gar nicht so abstrakten Bühnenbild »in Techno-Rosa« (Lucia Bihler). Zur Illustration des Wahns wird mit den Doppelgängerinnen beispielsweise Madonnas »Material Girl«/»Gentlemen Prefer Blondes«-Choreographie nachgestellt. Melle: »Als ich Sex mit Madonna hatte, ging es mir kurz gut. Madonna war noch immer erstaunlich fit.« 2018 war bereits die »Die Welt im Rücken«-Performance von Joachim Meyerhoff zum Theatertreffen eingeladen, die war, soweit ich mich erinnere, manischer und maskuliner, aber bei weitem nicht so gelungen. Unterdessen ist Madonna noch immer erstaunlich fit.

Doch die Bibliothek ist weg, verloren, der Zugang zur Ordnung der Texte versperrt. Der Verlust betrifft nicht nur die Materialvoraussetzung für den Schreiberberuf, sondern auch den informierten Bezug zur Welt (jede Bibliothek ist eine Enzyklopädie). Dem Theater kann der Text nichts Selbstverständliches sein.

Offensichtlich ist das in Sebastian Hartmanns Kasperletheater-Revueversion von Carl Zuckmayers Dauerbrenner »Der Hauptmann von Köpenick« am Staatstheater Cottbus, die den Schlusspunkt des diesjährigen Theatertreffens setzte. Alles, selbst ein Auszug aus Zuckmayers (durchaus empfehlenswerten) Memoiren, scheint da eher aufführbar als das Stück selbst, das von der Dramaturgie auf das anekdotische Gerüst reduziert wurde, das es im Grunde auch ist. Wichtiger als das überkommene Stück ist längst seine Rezeptionsgeschichte, sein Mythos, wenn man so will. Als dessen Repräsentation wird im Puppenspiel der Auftritt von Heinz Rühmann (zu dessen berühmtesten Rollen bekanntlich der besagte Köpenicker Hauptmann gehörte) zusammen mit dem Überfeuilletonisten Joachim Kaiser 1993 in Thomas Gottschalks »Late Night Show« nachgestellt.

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»Ick muss ’n Pass haben. Ick muss hier raus.« flüsterte Rühmann schon als Filmhauptmann von Köpenick in grauer Vorzeit. Puppen und Kostümierungen bieten Fluchtwege. Sebastian Hartmann gehörte jedenfalls zu den Gewinnern dieses Theatertreffens, auch wenn er mit seiner zweiten Inszenierung »Sérotonine« (nach Michel Houellebecqs Roman) am Hans-Otto-Theater Potsdam für den Verzicht auf so gut wie alles außer Konditionsstärke plädierte. Aufwendige Kostümfluchten gab es auch am Eröffnungsabend mit der Bühnenadaption von Giuseppe di Lampedusas Roman »Il Gattopardo« vom Schauspielhaus Zürich. Eine Leistungsschau des Austattungsboulevardtheaters von 15 Jahre alten Herbert-Fritsch-Verzerrungen bis zu Reminiszenzen an Luchino Viscontis Verfilmung von 1963 (und das nur wenige Monate nach Claudia Cardinales Tod) und elaboriertem Todesmonolog. Motto: »Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.« Ein Denkmal der Restauration.

Dieses Plädoyer für das Durchhaltevermögen hatte der Intendant der Berliner Festspiele, Matthias Pees, angesichts gegenwärtiger (nicht zuletzt auch kommunal- und kulturpolitischer) Verwerfungen zu Gelassenheit, zur Sophrosyne, zum Gleichmut geraten. Oft genug war guter Rat allerdings teuer. So bei der allseits gelobten »Wallenstein«-Gewaltproduktion der Münchener Kammerspiele unter der Regie von Jan-Christoph Gockel. Auf dem Reflexionsniveau der Zeitungsfeuilletons – z. B. »Putins Wallenstein«, Nils Markwart, Die Zeit vom 24. Juni 2023, »Putins Wallenstein«, Reinhard Lauterbach, junge Welt vom 24. Juni 2023 – wird sieben Stunden lang die Analogie zwischen Wallenstein und Jewgeni Prigoschin (beide Söldnerkönige, der eine eher Freund der Astrologie, der andere eher der Gastronomie) ausgekostet.

Es hatte seine Momente, etwa wenn André Benndorff als Questenberg, in dieser Version ein slicker Thinktank-Analyst auf den Vorplatz des Festspielhauses zufällige Passantinnen nach ihrer Meinung zum gegenwärtigen Söldner-/Privatarmee-Unwesen fragt und es einfach nicht kapiert, sobald die ihm in bestem britischen Englisch sagen: »It’s appaling!« Da macht sich der Analyst korrekt zum Deppen, wie so viele auch auf der Bühne, die für einige Szenen sogar Prigoschins Petersburger Prominentenrestaurant »Russischer Kitsch« nachbildet. Dieser »Wallenstein« ist ein kulinarischer Anschlag, motiviert von Schillers erster Bühnenanweisung »Kroaten und Ulanen kochen an einem Kohlenfeuer« sowie Prigoschins Ursprüngen in der Gastronomie, wird in Echtzeit auf der Bühne Ossobuco gekocht und in der Pause serviert. Sobald ich damit nicht bestochen werde, bin ich da raus und erkläre mit der Leichtfertigkeit des unterbelichteten Kritikers mein Desinteresse. Das Theater darf ruhig Kalbshaxen schmoren, Gummidödel kauen, Daten analysieren, Puppenspielen, Zaubermäntelchen umwerfen, den Peymann machen, den Castorf, die Barbara Schöneberger. Das ist von Theaterleutchen, für Theaterleutchen und darf ruhig auch unter ihnen bleiben. Soweit die Tendenzen: Das Puppentheater, die Soloperformance, die elaborierte Figurenrede, der kulinarische Anschlag. Historismus, Kostümierung, Restauration. »Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit« (Schiller, »Wallensteins Tod«).

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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