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Jazz

Spielt um euer Leben!

Neue Klaviermusik von Sullivan Fortner und Chick Corea

Foto: NRK Norway
Klaviergenie im freundlichen Rausch: Chick Corea

Oben links im CD-Regal und unten links bei den LPs, jeweils ziemlich am Anfang der Pianoabteilung, sind die Alben von Geri Allen einsortiert – immer leicht zu finden, wenn einen die Sucht nach ihrem eklektischen Klavierspiel packt. Zudem ist sie auch quer durch die Regalreihen oft und gut als Sidewoman vieler maßgeblicher Jazzer ihrer Generation vertreten. Seit 2017 kam jedoch keine weitere Aufnahme unter ihrer Mitwirkung mehr dazu; da starb Allen 60jährig an Krebs und fehlt seitdem entsetzlich. Zu behaupten, dass jetzt ein gewisser Sullivan Fortner in die Bresche springt, käme einer blasphemischen Übertreibung gleich, aber man reibt sich doch überrascht und ziemlich beglückt die Ohren (wie vielleicht seit dem plötzlichen Auftauchen von Jason Moran nicht mehr), wenn man Fortners sechsten Longplayer »Leave That In There« auflegt.

Und zwar mit einer gewissen Vorsicht, denn hier brodelt ein Hektoliter Ursuppe über dem offenen Feuer! Passt gut was rein in den voluminösen Melting Pot: kleingehäckselter New-­Orleans-Funk, Stride-Piano mit wollüstigen Handkantenschlägen, Monksche Eigenbrötlerei, krumme HipHop-Grooves und – damit die Brühe nicht zu sämig wird – hochprozentig improvisierter, tiefschwarzer Gegenwartsjazz. Beim Zusammenrühren geschehen dann Dinge, die man bei einem Klaviertrio so noch nie registriert hat. Im Klangbild von Sullivan Fortner, dem Bassisten Tyrone Allen II und dem Schlagzeuger Kayvon Gordon wechseln die musikalischen Konsistenzen und Geschmacksnoten in einem fort. Die hervorragend eingespielte Band geht fast immer aufs Ganze, auf den Tumult, die Verausgabung und den nächsten Anlauf. Man könnte auch sagen, dass sie alles daran setzt, sich selbst und ihr Publikum um den Verstand zu spielen – was ja eines der vornehmsten Ziele ist, die sich wirklich gute Jazzmusiker setzen können. Aus diesem Grund betreibt Fortner zusätzlich auch hemmungsloses Ghosting an Orgel und Synthesizer, und an seine Begleiter erging offenbar der strikte Befehl: Spielt gefälligst um euer Leben!

Es gibt übrigens tatsächlich ein Bindeglied zwischen Geri Allen und Sullivan Fortner, und zwar in Person des 2015 verstorbenen Trompeter-Geheimtips Marcus Belgrave, bei dem einst alle beide nicht nur musikalischen Unterricht, sondern auch prägende Lektionen in Sachen Persönlichkeit, Ausdruck und Haltung genossen.

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Ein Quantensprung zurück, zeitlich wie stilistisch, bedeutet die Wiederbegegnung mit Chick Corea. Gerade ist die Aufnahme seines Bremer Solokonzerts von 1972 als Doppelalbum erschienen. Dieser unnachahmlich begnadete US-amerikanische Pianist war seinerzeit eine der wenigen Jazzattraktionen, der sogar die ewig naserümpfenden Erziehungsberechtigten einen gewissen Respekt zollen mussten. Mit Suhlen in der Ursuppe hatte und hat das Klavierspiel von Chick Corea nicht das Geringste zu tun, aber sein virtuoses Zerpflücken von Althergebrachtem war in jener gediegenen grauen Vorzeit eine höchst willkommene Zumutung. Im Vergleich zu Fortner klingt Corea geradezu züchtig, aber damals waren seine kontrollierten Live-Ekstasen am Konzertflügel echte Erweckungserlebnisse und bescherten einem sogar kleine Derwischerfahrungen. Da spielte sich ein Klaviergenie in den Rausch, und man war dabei! Und schwebte, nicht übertrieben, 15 Zentimeter über dem Boden nicht nur der pianistischen Tatsachen. Wenig später sollte Corea dann die erste Return-to-Forever-Besetzung (mit Joe Farrell, Stanley Clarke, Airto Moreira und Flora Purim) um sich scharen und in Richtung Fusion-Musik abbiegen, wie er sie bei den Sessions für Miles Davis’ »Bitches Brew« gelernt hatte. Für den einen oder anderen Soloabend war er aber auch später immer mal wieder zu haben. In Bremen spielte er, mit 31 Jahren dem Wunderknabenstatus endlich einigermaßen entwachsen, u. a. lange Versionen seiner Paradestücke »What Game Shall We Play Today«, »Sometime Ago« und »La Fiesta« – mit viel spanischem Flair, so entspannt wie inspiriert und dem Publikum sehr zugewandt.

Auch zu Hause wird einem da wieder warm ums Herz. Dann aber heizt man noch einmal durch Sullivan Fortners neues Album, das unbedingt so heiß gegessen werden muss, wie es gekocht wurde! Die Hitze, seit Monaten vielfach verwünscht und vermaledeit, ist auf »Leave That In There« endlich mal wieder ein erstrebenswerter Aggregatszustand, auch wenn man sich an dieser jazzigen Ursuppe dann ein wenig die Zunge verbrennt.

→ Sullivan Fortner: »Leave That in There« (Artwork Records / PIAS)

→ Chick Corea: »Sometime Ago – Live in Germany 1972« (MIG)

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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