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Die zerstörerische Kraft fragiler Männlichkeit: Meikel Mathias’ lesenswerter Sachcomic »Strong Men«
Es fängt an mit Alexander dem Großen, Jim Morrison, der dem Makedonier zumindest im Haarschnitt nacheifern wollte, und R. W. Connell, die 1995 in »Masculinities« behauptet, Alexanders nachhaltige Popularität lasse sich durch das Konzept der »hegemonialen Männlichkeit« erklären. Männlichkeit sei zwar wandelbar und nichts, was man von Natur aus besitze, doch »das Ideal einer Männlichkeit, die dominiert, kontrolliert und erobert, durchdringt bis heute unser gesellschaftliches System« – gemeint ist das zweifellos vorherrschende, aber nicht alternativlose US-amerikanische. Sicher, gesellschaftliche Entwicklungen und kulturelle Moden aus Shi Tolkantri sind allzu bald auch bei uns. Früher sagte man, zehn Jahre später, heute sind es oft nur zehn Stunden, ohne Zeitverschiebung wären es zehn Minuten, aber daraus lässt sich weder ableiten, dass wir dies- wie jenseits des Teichs im Grunde immer noch das hellenische Männerideal teilten, noch, dass alles, was sich in den über 2.300 Jahren seit damals gewandelt hat, hier wie dort vergleichbar wäre. Der bis zur Lächerlichkeit frauenverachtende Andrew Tate etwa, 2023 auf Platz drei der meistgegoogelten Menschen der Welt und ausführlich im Comic behandelt, dürfte bis heute vielen Deutschen gänzlich unbekannt sein, genau wie Tucker Carlson und Steve Bannon, deren mediale Bedeutung in den USA enorm, bei uns aber doch recht übersichtlich ist.
Meikel Mathias’ Erstling über fragile, immerhin nicht von vorne herein »toxische« Männlichkeit ist anregend zu lesen. Es geht um Körperkult, Ratgeber für zukünftige Millionäre und bislang erfolglose Liebhaber, Macht, Memes und Manfluencer. Ein paar Mal springt das Buch thematisch so überraschend, dass man einen handwerklichen Fehler im Buchdruck vermutet, aber der SWR schreibt ganz zu Recht: »Meikel Mathias hat für seinen Sachcomic ›Strong Men‹ umfangreich recherchiert.« Um z. B. die naheliegende Annahme zu untermauern, dass Männer eine vermeintliche Bedrohung ihrer Männlichkeit an anderer Stelle überkompensieren, führt der Autor allerlei Studien von unterschiedlicher Überzeugungskraft an. Bei einer davon wurde einer Gruppe von Männern gesagt, dass ihr Händedruck laut Messergebnissen eher weiblich ist; anschließend übertreiben dieselben Typen in einem Fragebogen ihre Körpergröße, die Anzahl ihrer Sexualpartner und so weiter. Klingt plausibel.
Dann aber heißt es: »Ein relativer Anstieg der männlichen Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt in Haushalten, in denen die Frau weiterhin erwerbstätig ist, führte im darauffolgenden Monat zu einem Anstieg des Pornhub-Suchinteresses im Suchindex von Google um 1,6 bis 2,3 Indexpunkte.« Das soll wohl suggerieren, die Arbeitslosen fingen zum Wiederaufbau ihrer fragilen Männlichkeit an, zu wichsen (und man will gar nicht wissen, was sie sich da angeguckt haben), aber was, wenn ihnen in der ungewohnten Freizeit einfach langweilig war? An anderer Stelle geht es darum, dass Frauen im Internet überdurchschnittlich häufig von Trolling und Belästigung betroffen sind. Auch das klingt glaubwürdig. Wenn der Guardian 2016 in einer Auswertung von nicht weniger als 70 Millionen Leserkommentaren feststellt, dass acht der zehn Personen mit den meisten Hasskommentaren Frauen, die zehn mit den wenigsten ausschließlich Männer waren, kann das aber auch heißen, dass sich die Schreiberinnen trauen, heiße Eisen anzugehen und streitbar zu argumentieren, während die schreibenden Herren es allen recht machen wollen.
Über den Autor ist wenig herauszufinden. »Meikel Mathias ist diplomierter Kommunikationsdesigner und arbeitet als freiberuflicher Illustrator und Comiczeichner in Berlin. In seiner Arbeit setzt er sich in besonderem Maße mit kulturellen und politischen Themen auseinander«, schreibt der Comicsalon Erlangen. Wow. »... und Menschen kommen auch darin vor«, darf man ohne Bedenken hinzufügen. Auf seinem durchweg englischsprachigen Instagramkanal zeigt er, ganz wie im Buch, die Fähigkeit, der oft grausamen Wirklichkeit etwas Humor abzuringen und Komplexes auf den Punkt zu bringen, bei den Themen Ukraine und Taiwan aber auch seine völlige Übereinstimmung mit der amtlichen und leitmedialen Darstellung vom habgierigen Bösen aus dem Osten. Keine noch so behutsame Karikatur außerdem über Krieg und Ausbeutung als logische Folge kapitalistischen Wirtschaftens. Könnte es da nicht einen Zusammenhang geben, derart, dass Connells alexandrinische Dominanz, Kontrolle und Eroberung gar nicht an Männer und Männlichkeit gebunden sind, sondern in einer Konkurrenzgesellschaft logisch zwingend zu Idealen erklärt werden?
Zu Beginn seines Buchs steht Mathias selbst kurz vor der Erkenntnis, als er nämlich das Männlichkeitsideal der Athener, das auch Alexander prägte, mit dem der Spartaner vergleicht. In beiden Kulturen sollten Männer mutig und tapfer sein, aber bei den ohne Prunk und Münzgeld wirtschaftenden Spartanern beschränkte sich der Herrschaftsbereich des Mannes auf den Kriegsschauplatz, daheim herrschte die Frau und ansonsten das Kollektiv. Frauen waren »generell gesund, fit, aktiv, produktiv und mächtig« und Nutznießerinnen von Luxusgütern und den Ressourcen des Anwesens. Athen dagegen »war eine radikale, individualistische Demokratie, ein Zentrum der Progressivität, der kapitalistischen Gier und des Wohlstands«, wo der Mann die absolute Kontrolle über Frau, Kinder und Sklaven und der Staat wenig Mitsprache hatte. »Das Männliche muss führen und das Weibliche muss geführt werden«, schrieb Alexanders Lehrer Aristoteles, und dazu nicht einmal im Widerspruch ein anderer Wohlbekannter, den zu lesen Meikel Mathias dringend geraten sei: »Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.« (MEW 3: 46)
→ Meikel Mathias: Strong Men. Die zerstörerische Kraft fragiler Männlichkeit. Avant-Verlag, Berlin 2026, 160 Seiten, 26 Euro
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