Zum Inhalt der Seite
Stand der Dinge

Übermenschen, Untermenschen

Geraune

Foto: IMAGO/ZUMA Press
Guerillakunst in Austin, Texas (18.3.2026)

Transhumanismus und effektiver Altruismus nehmen unter den Glaubensrichtungen der Techoligarchen die ersten Plätze ein. Die Überflieger des transhumanen Lagers glauben, dass der Mensch sich mit Hilfe allerlei technischer Mittel gewaltig verbessern lässt. Nietzsches Übermensch lässt grüßen? Sachbuchautoren wie Yuval Harari sind mit ihren Träumereien von Gottgleichheit und Homo Deus gern gesehene Gäste in Davos.

Der Effektive Altruist strebt hingegen mit aller Kraft danach, gleich die ganze Welt möglichst wirkungsvoll zu verbessern. »Gutmenschen« verschiedenster Geschmäcker dürfen sich in diesem Gedankengebäude heimisch fühlen. Zum Glück gibt es eine Ausnahmeregelung für alle, die weniger gut, dafür aber gierig genug sind. Sie dürfen ihren moralischen Makel mit Geldzuwendungen wettmachen, Ablasshandel 2.0? In der Spielart des »Longtermism« wenden sich die Weltenretter gerne den ganz großen, langfristigen Fragen zu. Klimawandel. Anthropozän. Besiedelung des Mars.

Unter den Reichen und Guten unserer Zeit treffen solche Glaubenssätze auf große Gegenliebe. Sie bestätigen ihr Selbstbild und ihre Weltsicht. Dass manche Menschen besser sind als andere und dass Verbesserung an sich ein lobenswertes Ziel darstellt, leuchtet ihnen sofort ein. Wer sich zu den Besseren zählt, fühlt sich von dieser Denke sofort angesprochen. Und wer sich dazu berufen fühlt, mit einem Bruchteil seines Vermögens Gutes zu tun, fühlt sich unter den Welt- und Menschenverbesserern pudelwohl. Hauptsache, die Opfer, denen die Gütebezeugungen übergeholfen werden, dürfen nicht selbst entscheiden, was ihnen fehlt und was sie sich wünschen. Alles beinahe zu gut, um wahr zu sein.

Anzeige

Auf die Schattenseiten der neuen Ideologien haben vor zwei Jahren die Google-Aussteigerin Timnit Gebru und der Philosoph Émile P. Torres aufmerksam gemacht. Sie warfen den im Umfeld der KI-Firmen aufkommenden Besser-Philosophien eine Nähe zur Eugenik vor: »Während die Eugeniker der ersten Welle den ›Menschenbestand‹ (›human stock‹) durch eine Veränderung gesellschaftsweiter Reproduktionsmuster verbessern wollten (…), entstand die Eugenik der zweiten Welle als Reaktion auf neue technologische Möglichkeiten im Zusammenhang mit Gentechnik und Biotechnologie.« (»Eugenics and the promise of utopia through artificial general intelligence«, First Monday, April 2024)

Verschoben hat sich nur der Grund des eigenen Überlegenheitsanspruchs. Der ist nun nicht mehr offen rassistisch wie bei den Nazis, sondern techno-genetisch, wenn man so will. Die Effekte bleiben dieselben. Überlegenheitsphantasien dieser Art bringen immer auch ihre Verlierer hervor, die die Abgehängten, die Nichtsnutze, »unwertes Leben« oder »deplorables«. Das Problem ist alt. Im Jahr 1729 unterbreitete Jonathan Swift einen satirischen »Bescheidenen Vorschlag«, um dem Übel der sich zu allem Überdruss auch noch ungezügelt vermehrenden Überflüssigen abzuhelfen: »Von einem sehr sachverständigen Amerikaner (…) ist mir versichert worden, dass ein junges, gesundes, gutgenährtes Kind im Alter von einem Jahr eine äußerst wohlschmeckende, nahrhafte und bekömmliche Speise sei, ob geschmort, gebraten, gebacken oder gekocht, und ich zweifle nicht, dass es sich auch für Frikassee oder Ragout eignet.«

Immer dann, wenn Ungleichheit allzu groß wird und zu Krisen führt, fragen sich die Gewinner, warum sie die vielen unbrauchbaren Hungerleider durchfüttern sollen.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 10.07.2026, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!