Mädchen aus dem Wasser
Dwayne Johnson kann plötzlich singen: Die Realfilmversion von Disneys »Vaiana«
Ich gestehe alles. Ich gestehe, dass ich vor zwei Jahren bei der deutschen Premiere des Animationsfilms »Vaiana 2« im Berliner Zoopalast kurz vor Schluss eingeschlafen und erst beim Abspann wieder aufgewacht bin. Die Niedlichkeit der Disney-Figuren aus dem polynesischen Raum gepaart mit dem hektischen Hollywood-Schnittgewitter der heutigen Zeit, hatten mich eingelullt. Ein kleines Nickerchen konnte ich nun bei der Pressevorführung der Live-Action-Musical-Adaption mit realen Darstellern, aber weiterhin animierten Tieren nicht halten. Wahrscheinlich lag es am heiligen Ernst, mit dem Dwayne »The Rock« Johnson seine Rolle als Halbgott Maui interpretiert. Schon in den Originalfassungen der beiden Zeichentrickfilme (2016 und 2024) hatte er die Figur synchronisiert. Schauspielerisch übertrifft der plötzlich mit wallendem Haar agierende markante Glatzkopf die aus der australischen Serie »Die verlorenen Blumen der Alice Hart« (2023) bekannte Titelheldin Catherine Laga’aia bei weitem. Und singen kann er jetzt auch noch!
Inhaltlich bleibt fast alles beim Alten: Die entdeckungsfreudige Vaiana (Catherine Laga’aia), designierte Nachfolgerin des Stammeshäuptlings Tui Waialiki (John Tui) der Insel Motonui, will weit hinaus – will heißen aufs offene Meer. An sich ist der 16jährigen vom Vater schon der Versuch verboten. Von ihrer Großmutter Tala (Rena Owen) erfährt Vaiana, dass ihre Insel durch Finsternis bedroht ist, da einst der Halbgott Maui (Dwayne Johnson) der Göttin Te Fiti das »Herz«, ein magisches Pounamu, gestohlen und diese sich aus Zorn in das Lavamonster Te Ka verwandelt hat. Seitdem verdorren die Pflanzen, und die Küste scheint leergefischt. Als dem Inselvolk eine Hungersnot droht, setzt Vaiana ihren Dickkopf durch und sticht eines Tages auf eigene Faust in See. Mit an Bord sind der treudoofe Hahn Heihei und das süße Hausschwein Pua. Unterwegs offenbart sich ihr tatsächlich Maui, dem sehr mächtige Fähigkeiten nachgesagt werden. Rasch stellt sich heraus, dass das mit den Kräften zwar stimmt, der manchmal aufschneiderische, aber doch gutherzige Maui jedoch eine ganz eigene Suppe angerührt hat, die er zusammen mit Vaiana nun erst mal auslöffeln muss, bevor sie gemeinsam aufs Happyend zusteuern.
Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Daraus bezieht auch »Vaiana« den Unterhaltungswert. Dabei ist die deutsche Fassung im Grunde eine Mogelpackung. »Vaiana« heißt in den angloamerikanischen Ländern »Moana«. In Europa (u. a. Deutschland, Frankreich und Spanien) wurde sie jedoch umbenannt. Hauptgrund dafür ist, dass der Name »Moana« in vielen europäischen Ländern bereits markenrechtlich geschützt war. Zudem sollten Assoziationen mit der italienischen Erotikdarstellerin Moana Pozzi vermieden werden. Und »Vaiana« ist als Name gut gewählt. »Moana« bedeutet schlicht »Meer«, während »Vaiana« sich vom polynesischen Wort für »Wasser« (»vai«) ableitet und als »Mädchen aus dem Wasser« übersetzt wird. In Italien läuft der Film übrigens unter dem Titel »Oceania«.
Wie dem auch sei, die deutsche Version ist, vor allem was die Lieder anbelangt, erstklassig. Das liegt vor allem an Musicaldarstellerin Chiara Fuhrmann, die als Stimme von Vaiana/Moana begeistert. David Moyanga, Autor des 2019 erschienenen Buches über Alltagsrassismus »Ein Neger darf nicht neben mir sitzen«, übernimmt für Dwayne Jonson, der wie oben schon erwähnt mit seinem ungeschliffenen Gesangsstil bei »Along the Way« (»Auf deinem Weg«) ebenfalls zu überzeugen versteht. Neben Komponist Mark Mancina (Filmmusik) ist auch wieder Opetaia Foa‘i als für pazifische Musik und Liedtexte Verantwortlicher mit von der Partie. Lin-Manuel Miranda, Schauspieler, Songwriter und Rapper in Personalunion, steuerte die originalen Liedtexte und neue Songs bei.
(Off-)Broadway-Regisseur Thomas Kail legt viel Wert auf die Authentizität bei der Darstellung der traditionsreichen Kultur. Jared Bush, der künstlerische Leiter der Walt Disney Animation Studios, hat wieder das Drehbuch geschrieben. Wäre wie 2016 als Koautor das neuseeländische Schauspieler- und Inszenierungs-Enfant-terrible Taika Waititi dabei gewesen, hätte es sicher noch einige Lacher mehr gegeben. Doch es gibt auch einige Schwachstellen der über 200 Millionen US-Dollar teuren Produktion: Kaum fassbar, dass einige der Animationen gerade bei den Monumentalszenen rund um das Lavamonster so schludrig verwaschen und unscharf aussehen. »Vaiana«, Produktversion 2026, wird wohl leider schon sehr bald ziemlich alt aussehen.
→ »Vaiana«, Regie: Thomas Kail, Neuseeland/USA 2026, 115 Min., Kinostart: heute
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