Bescheidenheit ist eine Zier
Die erneute Revolution des Martial-Arts-Films: »The Furious« von Kenji Tanigaki
Das hatte die Welt bis dahin nicht gesehen: Virtuos choreographierte Schwertkampfszenen von atemberaubender Schönheit, in denen die Protagonisten dank des Einsatzes von für den Zuschauer unsichtbaren Drähten und Seilzügen durch die Luft fliegen. Als King Hus an Originalschauplätzen in Taiwan und Hongkong gedrehtes, von den Stoffen und formalen Prinzipien der Peking-Oper inspiriertes Wuxia-Epos »Ein Hauch von Zen« – vier Jahre nach seiner Fertigstellung! – bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1975 den Technical Grand Prize gewann, veränderte sich die Welt des Martial-Arts-Films für immer.
Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert später kommt nun »The Furious« in die Kinos, der das Genre erneut zu revolutionieren versucht. »Ich mache einen Actionfilm, der die Welt erschüttern wird«, verkündete Hongkongs letzter Tycoon William »Bill« Kong (Produzent von »Tiger and Dragon« und »Hero«) bereits bei der Ankündigung der Produktion alles andere als bescheiden und legte sogar noch nach: »Wenn wir scheitern, wird es nur so gut wie ›The Raid‹.« Der chinesische Produzent, der dem versierten japanischen Stuntkoordinator Kenji Tanigaki (z. B. für das »Rurouni Kenshin«-Franchise, 2012–2021) die Inszenierung übertrug, hat Wort gehalten. Ein brutaler Fight reiht sich an den nächsten, wobei Tanigaki und sein Choreograph Kensuke Sonomura (»Ghost Killer«, 2024) auf einen herausragenden Cast zurückgreifen können.
Hart, härter – »The Furious«. In Südostasien treibt ein Kinderhändlerring sein Unwesen. Trotz seiner Kampfkünste kann der stumme Handwerker Wang Wei (Xie Miao) nicht verhindern, dass seine Tochter Rainy (Yang Enyou) auf offener Straße entführt wird. Sobald ihm klar ist, dass die korrupte Polizei ihm nicht helfen wird, begibt er sich selbst auf die Suche. Mit Navin (Joe Taslim) findet er einen unverhofften Verbündeten. Dessen Frau (Jeeja Yanin) kam als Journalistin im Verlauf ihrer Recherchen den Verbrechern zu nah, bevor sie spurlos verschwand. Nun versucht Navin die Arbeit seiner Frau fortzusetzen und sich in die kriminelle Organisation einzuschleusen.
Was »The Furious« – nicht zu verwechseln mit Veronica Ngos »Furies« (2022) – so besonders macht, ist der Umstand, dass Freunde wie Feinde alle unterschiedliche Kampfstile haben. Entfernt erinnert der Showdown an das Finale in den Stockwerken einer Pagode in Bruce Lees unvollendetem Epos »Game of Death« (1973), das 1978 als »Bruce Lee – Mein letzter Kampf« mit nachgedrehten Szenen und anderem Hauptdarsteller in die Kinos kam. Der imposante Fünferkampf zwischen Gut und Böse hat 2026 dank einer stets in Bewegung befindlichen Kamera und einer äußerst ausgeklügelten Raumgestaltung bereits jetzt seinen Platz im Olymp der besten Actionszenen aller Zeiten sicher.
Tagaki verzichtet auf hektische Schnitte und operiert mit längeren Einstellungen. Man weiß so immer, wer wen angreift und warum ein Treffer Wirkung zeigt. Überraschungen inklusive. Eben schlagen noch zwei Figuren Seite an Seite auf einen gemeinsamen Gegner ein, im nächsten Moment verdreschen sie sich gegenseitig, weil keiner keinem traut. Das Ballett der Gewalt lässt so herausragende Akteure wie Xie Miao und das aus »The Raid« bekannte Duo Joe Taslim (Judoka) und Yayan Ruhian (Silat-Kämpfer) aufeinanderprallen. Übertroffen werden sie vom ehemaligen Karatemeister Joey Iwanaga (»Alice in Borderland: Staffel 3«, 2025) als Oberbösewicht mit einer ganzen Palette unfassbarer Kicks.
Auch erzähltechnisch setzt »The Furious« besondere Akzente. Die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst zehn Jahre junge Nachwuchsdarstellerin Yang Enyou verschwindet nach ihrer Entführung nicht einfach aus dem Film, sondern nimmt ihre Rettung selbst in die Hand. Eine fesselnde zweite Perspektive, die einen auch emotional stark mitnimmt.
→ »The Furious«, Regie: Kenji Tanigaki, VR China 2025, 113 Min., Kinostart: heute
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