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Kino

Pfeil im Auge

Brutal zurück zu den Wurzeln: Michael Sarnoskis dritter Spielfilm »The Death of Robin Hood«

Foto: DCM/A24
Nichts für zarte Gemüter: Blutiger Schlamm

Der edel-charmante Angelsachse Robin von Locksley, der während der Regierungszeit von Richard Löwenherz (1189–1199) gegen die normannische Hegemonie streitet und die Reichen und Mächtigen bestiehlt, um die Beute selbstlos an die Armen, Landlosen und Entrechteten weiterzugeben – dieser Mythos ist mehr oder weniger eine der Folgen von Walter Scotts Roman »Ivanhoe« (dessen Robin Hood ist zwar ein analphabetischer Grobian, aber wenigstens ist er tapfer und mag die Franzosen nicht). Die ältesten erhaltenen Balladen aus dem 15. und frühen 16. Jahrhundert wussten davon noch nichts. Unwiderstehlich nonchalant verkörpert wurde die veredelte Version des romantischen 19. Jahrhunderts von Errol Flynn in »Robin Hood – König der Vagabunden« (»The Adventures of Robin Hood«, Michael Curtiz/William Keighley, 1939).

Alles Lug und Trug! Robin Hood war – im Wortsinn seines Namens – ein räudiger Halunke und Halsabschneider. So sieht ihn auch Michael Sarnoski in seiner nach »Pig« (2021) und »A Quiet Place: Tag Eins« (2024) dritten Spielfilmregie. Wenigstens das mit dem versierten Bogenschützen spielt eine Rolle in »The Death of Robin Hood«. Auf beachtliche Entfernung schießt der von Hugh Jackman gespielte verlotterte Waldmensch einem flüchtenden kleinen Jungen in den Hinterkopf, so dass der Pfeil spektakulär vorne durchs Auge wieder heraustritt.

Wer bei dem Rebellen im grünen Gewand noch an Errol Flynn, Kevin Costner (1991), Russell Crowe (2010) oder gar den Fuchs (tatsächlich eine gelungene Mischung aus Errol Flynn und Reynaert – Reineke – Fuchs) in dem brillanten Zeichentrick-»Robin Hood« (Wolfgang Reitherman, 1973) der Walt-Disney-Studios denkt, wird bei dieser Leinwandadaption seinen Augen nicht trauen. Dabei ist die Umkehrung der Legendenstoßrichtung gar nicht so neu. Sarnoskis Abrechnung mit dem Edelmenschen ist im Grunde ein blutiges Remake von Richard Lesters »Robin und Marian« (1976) mit Sean Connery und Audrey Hepburn in den Titelrollen. Zumindest basieren beide Drehbücher auf der anonym verfassten Ballade »Robin Hood’s Death« aus dem frühen 17. Jahrhundert, die den Beginn des modernen Robin-Hood-Mythos markiert.

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Schon auf dem Filmposter heißt es: »Er war kein Held!« Jackmans Robin Hood hadert bei Sanorski am Ende seines Lebens mit seiner von Blut, Gewalt und Verbrechen getränkten Vergangenheit. Eigentlich hatte er in einer Schlacht den Tod gesucht, doch statt dessen landet er in der Obhut von Schwester Brigid (Jodie Comer), die ihm die Möglichkeit auf Erlösung bietet. Die Tarnung seines alten Kumpans Little John (Bill Skarsgård), der sich unter dem falschen Namen Edward inzwischen eine Art bürgerliche Existenz aufgebaut hat, fliegt nämlich auf. Seither werden dessen Frau und Kind als Geiseln gehalten. Des eigenen Lebens ohnehin überdrüssig, schließt sich Robin Hood einem mittelalterlichen Himmelfahrtskommando an.

Sarnoskis in Nordirland gedrehte Produktion ist wahrlich nichts für Zartbesaitete. Bei der Berliner Pressevorführung verließen bereits nach dem ersten Drittel einige Zuschauer den Saal, weil das Niedermetzeln auch von Frauen und Kindern nicht leicht anzusehen ist.

Hugh Jackman legt den langmähnigen alten Krieger als eiskalten Killer an, der blitzschnell mit dem Dolch durch unschuldige Kehlen fährt und in seiner Gesetzesbrecherkarriere schon so viele Leute auf dem Gewissen hat, dass er sich an die allermeisten davon längst nicht mehr erinnern kann. Die drastischen Szenen, bei denen im Eifer des Gefechts per Hand auch Unterkiefer herausgerissen werden, gemahnen eher an einen Slasher-, als an einen Abenteuerfilm. Doch wie es so häufig im heutigen Actionkino ist, auf Dauer macht der Schockfaktor der Eintönigkeit Platz.

Und dennoch ist Sarnoskis Horrorshow nicht frei von Romantik. Das liegt vor allem an Jodie Comer als herzensguter Nonne und Bill Skarsgårds Filmtochter Faith Delaney als Little Margaret, die den wilden Mann auf den Pfad der Tugend führen (traditionelle Frauenarbeit) und jetzt nur noch die wirklich Bösen bekämpfen und metzeln lässt.

»The Death of Robin Hood«, Regie: Michael Sarnoski, USA 2026, 123 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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