Budenzauber
Von der Castingshow zur politischen Geschichtsschreibung: Eva Trobischs dritter Spielfilm »Etwas ganz Besonderes«
Ihr müsst uns schon ein bisschen helfen«, gibt in »Etwas ganz Besonderes« der Redakteur Raphael (Thomas Schubert) dem Handwerker Matze (Max Riemelt) und dessen Tochter Lea (Frida Hornemann) zu bedenken. Die Schülerin nimmt an einer Castingshow teil, deren Dramaturgie den Dreh einer Homestory erfordert, um die Kandidatin dem Fernsehpublikum nahezubringen. Nachdem die Jugendliche und ihr Vater mehrere Vorschläge abgelehnt haben, sollen sie sagen, »was und wie ihr euch zeigen wollt«. Doch die Reaktion der beiden besteht schlicht darin, die Sache zu vertagen. Wenn wir den angesprochenen TV-Einspieler schließlich zu sehen bekommen, fällt daher um so mehr auf, dass sein Zustandekommen von der Narration dieses Spielfilms ebenso ausgespart worden ist wie die Beantwortung der Frage nach dem Input Leas und ihrer Familie.
In ihrem dritten Spielfilm beleuchtet Regisseurin Eva Trobisch, die wie bei »Alles ist gut« (2018) und »Ivo« (2024) auch das Drehbuch verfasst hat, das Entwerfen biographischer Erzählungen und kollektiver Selbstbilder. Beim Sprechen über dieses Thema bedient sie sich wiederum rhetorischer Fragen, die sie in »Etwas ganz Besonderes« fast wortgleich eine Ausstellungsmacherin aufwerfen lässt: »Wer schreibt diese Geschichte? Wer erzählt sie? Wem hören wir zu? Können wir entscheiden, was unsere Geschichte ist? Wer hat die Deutungshoheit?« Matzes Schwester Kati (Eva Löbau), die am hauptsächlichen Handlungs- und Drehort des Films, im thüringischen Greiz, das Stadtmuseum leitet, nutzt solche Fragen zur Erläuterung ihres kuratorischen Konzeptes. Allerdings führt sie darüber hinaus Metaphern aus der Musik und der Thüringen einst prägenden Textilindustrie an, um zu veranschaulichen, warum sie bei der musealen Präsentation feudaler Schlossbauten deren pragmatische Umnutzung zu DDR-Zeiten berücksichtigt: Von einem »Kanon« und von »Kontrapunkten« ist die Rede und davon, die historischen Gesellschaftsordnungen miteinander zu »verweben«.
Das bietet einen Referenzrahmen für die zugleich komplexe und lockere Erzählweise, die die 1983 in Berlin (Ost) geborene Filmemacherin, deren Großvater aus Greiz stammt, sehr souverän handhabt. Dabei lässt Trobisch das Nebeneinander der Stimmen von mehr als einem halben Dutzend Figuren freilich nie orchestriert wirken. Und statt die ebenso zahlreichen Erzählfäden zu einem erkennbaren Muster zu verknüpfen, lässt sie lose Enden stehen. Trotz der Nähe, die Adrian Campeans Handkamera stiftet, bleibt der Blick auf die Figuren so äußerlich-objektiv wie der auf die Umgebung, von deren sozioökonomischem Niedergang uns statische Panoramaeinstellungen gelegentlich atmosphärische Eindrücke vermitteln. »Ich wollte«, so gibt Trobisch mit entwaffnendem Pathos zu Protokoll, »unbedingt eine erzählerische Entsprechung finden für mein Wahrnehmen: die permanente Gleichzeitigkeit von Dingen und Themen, die Gleichberechtigung von Perspektiven. Ich wollte meinem Gefühl zur Welt gerecht werden.«
Zwar favorisiert die Erzählperspektive Matze, Lea und Kati geringfügig gegenüber dem Rest des Ensembles, zu dem etwa Leas Mutter Rieke (Gina Henkel) gehört, die gerade mit dem Schulleiter Arthur (Florian Lukas) zusammengezogen und von ihm schwanger ist. Da sich die dramatische Gewichtung nachhaltig verschiebt, kann Großmutter Christel (Rahel Ohm), die seit dem durch die »Wende« erzwungenen Berufswechsel mit Ehemann Friedrich (Peter René Lüdicke) ein zunehmend vom Bankrott bedrohtes Waldhotel betreibt, aber gleichermaßen als Hauptfigur erscheinen. Und erst recht mag Katis Sohn Edgar (Florian Geißelmann) als Protagonist gelten, sofern er – was die kühnen Ellipsen von Laura Lauzemis’ Montage allenfalls mutmaßen lassen – mit antifaschistisch gemeinter Sabotage die abschließende Zuspitzung des denkbar skizzenhaften Plots verantwortet haben sollte.
Jedenfalls wahren alle Figuren gerade deshalb ihren unaufdringlichen Reiz, weil sie im Privaten ihre Geheimnisse und blinden Flecken behalten dürfen. Gerade deshalb können ganz nebenbei auch gesellschaftliche Widersprüche aufscheinen, die sich nicht zuletzt an Kulturthemen kristallisieren: Das beginnt mit dem (in Münchner TV-Studios eingefangenen) Budenzauber, der dem neoliberalen Imperativ, sich als »etwas ganz Besonderes« zu inszenieren, mediale Strahlkraft leiht. Es setzt sich fort mit der Feigenblattfunktion von Museumsförderung in sogenannten strukturschwachen Regionen. Und es gipfelt anlässlich von Heinrich Heines »Weberlied«, dessen Vertonung Lea, Edgar und Mitschüler für eine Aufführung einstudieren, in der Frage, ob dezidiert politische Kunst jemals ihre gewünschte Wirkung entfaltet hat – oder ausgerechnet heute entfalten kann.
→ »Etwas ganz Besonderes«, Regie: Eva Trobisch, BRD 2026, 116 Min., Kinostart: heute
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
