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26.05.2026
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Immer diese Ausreißer
Die 15. Etappe des Giro d’Italia gewinnt überraschend der Norweger Fredrik Dversnes. Favorit auf den Gesamtsieg bleibt der Däne Jonas Vingegaard
Wenn bei der Italienrundfahrt am Dienstag – nach dem obligatorischen Ruhetag – die letzte Rennwoche beginnt, dürfte die Gesamtwertung bereits als entschieden gelten. Jedenfalls ist Jonas Vingegaard (Team Visma – Lease a Bike), der schon vor seinem Giro-Debüt als der haushohe Favorit gehandelt wurde, am Sonntag endlich im rosa Trikot des Gesamtführenden an den Etappenstart gegangen. Auf der 157 Kilometer langen, flachen Strecke, die in der zweiten Hälfte in einem verwinkelten Rundkurs durch Mailand mündete, hat er sich erwartungsgemäß nicht um den Tagessieg gekümmert, der von vornherein einem Sprintspezialisten vorbehalten schien. Nachdem die Ziellinie zweimal überquert war, sprach der 29jährige Däne allerdings persönlich beim Auto der Rennleitung vor: So erwirkte er kurzfristig, dass zur Vorbeugung von etwaigem Sturzchaos die fürs Gesamtklassement relevante Zeitmessung schon bei der vierten, vorletzten Zieldurchfahrt vorgenommen wurde. Entsprechend ungestört konnten die Sprintermannschaften sich während der hektischen Schlussrunde der Einholung eines Quartetts widmen, das schon kurz nach dem Start ausgerissen war. Dass ihnen diese Aufgabe völlig überraschend misslang, mochten sich einige Fahrer anschließend nur damit erklären, dass die Ausreißer, inklusive des siegreichen 29jährigen Norwegers Fredrik Dversnes Lavik (Uno-X Mobility), vom Windschatten eines zu nahen Kameramotorrads profitiert hätten.
Tags zuvor hatte es keiner vergleichbaren Spekulationen bedurft, um das Ergebnis der Königsetappe zu erklären: Team Visma–Lease a Bike hatte zwar am ersten von insgesamt fünf kategorisierten Voralpenbergen mehr als zwei Dutzend Ausreißer davonziehen lassen, deren Vorsprung aber souverän begrenzt, so dass auch ihre letzten Vertreter am Schlussanstieg eingeholt wurden. Als Vingegaard dann knapp fünf Kilometer vor dem Ziel attackierte, konnte niemand folgen. Schon vorher war Afonso Eulálio (Bahrain – Victorious) abgehängt worden, der schließlich das rosa Trikot verlor, aber immerhin das weiße Trikot des besten U-25-Fahrers bewahrte. Seinen aktuellen zweiten Rang dürfte er im Verlauf der am Dienstag, Freitag und Sonnabend noch anstehenden Bergetappen freilich an den vorerst in der Gesamtwertung folgenden Felix Gall (Decathlon CMA CGM Team) verlieren, der sich am vergangenen Sonnabend erneut als zweitbester Kletterer bei diesem Giro d’Italia erwiesen hat, aber im Klassement nun knapp drei Minuten hinter Vingegaard liegt.
Für einen Platz auf dem abschließenden Podium sollten indes neben dem aktuellen Vierten Thymen Arensman (Netcompany Ineos) auch Jai Hindley und Giulio Pellizzari in Frage kommen. Die Zusammenarbeit der beiden Kollegen war am Sonnabend zwar so ineffizient, wie man es von ihrer Mannschaft Red Bull – Bora – Hansgrohe bei Etappenrennen nunmehr gewohnt ist. Umso deutlicher sprachen die Ränge drei und fünf in der Tageswertung jedoch dafür, dass das Duo jene Magenverstimmung überwunden hat, von der während der ersten Rennwochen offenbar ein großer Teil des Pelotons betroffen war. Wie Vingegaard andeutungsweise bekanntgab, hatte er selbst zu den Unglücklichen gehört – was nachträglich erklären mochte, warum er beim Zeitfahren am vergangenen Dienstag ganze drei Minuten langsamer gewesen war als der erwartete Sieger, der 29jährige Italiener Filippo Ganna (Netcompany Ineos). Der hätte gern auch am Freitag triumphiert, als die Etappe in seinem Geburtsort Verbania endete. Dort fuhr statt dessen sein drei Jahre älterer Landsmann Alberto Bettiol (XDS Astana Team) aus der Ausreißergruppe des Tages zum Solosieg.
Dass bei diesem Giro schon auf zwei Etappen der fest eingeplante Massensprint ausgefallen ist, hat derweil in der Punktewertung eine überraschende Konstellation herbeigeführt: Dem zweifachen Tagessieger Paul Magnier (Soudal Quick-Step), der bisher jedes Kräftemessen der »reinen« Sprinter – inklusive Zwischensprints und Kämpfen um bloße Ehrenplätze – gewonnen hat, wird die »Maglia ciclamino« von einem unerwarteten Konkurrenten streitig gemacht. Vorübergehend musste der Franzose dieses Wertungstrikot sogar an Jhonatan Narváez (UAE Team Emirates – XRG) abgeben, nachdem der sich aus einer Ausreißergruppe die fehlenden Punkte in einem Zwischensprint gesichert hatte. Am Dienstag hatte der 29jährige Ecuadorianer aus einer Fluchtgruppe seinen dritten Etappenerfolg eingestrichen, indem er im Zweiersprint den allgemein enttäuschenden Enric Mas (Movistar Team) schlug. Tags darauf errang Alec Segaert (Bahrain – Victorious) wiederum in aufregender Manier einen Soloerfolg, indem er auf den flachen Schlusskilometern einer hügeligen Etappe das zuvor von Movistars Tempoarbeit ausgedünnte Fahrerfeld düpierte. Dabei wählte der 23jährige Belgier genau den richtigen Moment für seine Attacke: Als eine knifflige Kurve zu umrunden war, fuhr Team Visma – Lease a Bike fast vollzählig an der Spitze – was jedoch nur dem mittelfristigen Bemühen geschuldet war, Vingegaards Gesamterfolg zu sichern, und bezeichnenderweise keinerlei kurzfristige Bekümmernis spiegelte, ob das Tagesergebnis womöglich von einem wagemutigen Opportunisten bestimmt würde.
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