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Radsport

Gelegenheit macht Siege

Radsport: Jonas Vingegaard gewinnt die neunte Etappe des Giro d’Italia

Foto: Carlo Vergani/ZUMA Press Wire/IMAGO
Ein Mann sieht rosa: Jonas Vingegaard

Am Dienstag nachmittag wird Jonas Vingegaard (Team Visma – Lease a Bike) wohl das rosa Trikot überstreifen, das beim Giro d’Italia seit 1931 den Gesamtführenden schmückt. Zwar gilt der 29jährige Däne beim zuvor in der Toskana anstehenden Zeitfahren nicht als größter Siegkandidat. Entsprechende Erwartungen lasten vielmehr auf dem gleichaltrigen Italiener Filippo Ganna (­Netcompany Ineos), der als Spezialist in dieser Disziplin sechsmal seit 2020 in der heimischen Landesrundfahrt erfolgreich war. Allerdings hat Ganna nie auf die Gesamtwertung geschielt, in der er bereits über eine Stunde zurückliegt. Auf 42 flachen Kilometern dürfte von den Klassementfahrern allenfalls Thymen Arensman (Netcompany Ineos) im Kampf gegen die Uhr mit Vingegaard mithalten. Am montäglichen Ruhetag hatte der 26jährige Niederländer freilich schon zweieinhalb Minuten Rückstand auf den zweifachen Tourgewinner.

Der Topfavorit auf den Gesamtsieg hat am Sonntag bei der zweiten Bergankunft seinen zweiten Tageserfolg eingestrichen. Der ebenso vorsichtig wie effizient fahrende Vingegaard versicherte glaubhaft, diesen Etappensieg, der auch das blaue Trikot des besten Bergfahrers erbrachte, nicht angestrebt zu haben. Die Gelegenheit ergab sich einfach, als ein Konkurrent Schwächen zeigte und ein anderer sie ausnutzen wollte: Als Giulio Pellizzari (Red Bull – Bora – ­Hansgrohe) drei Kilometer vorm Ziel aus der Favoritengruppe fiel, verschärfte das Decathlon-CMA-CGM-Team das Tempo. Die Mannschaft hatte die Etappe kontrolliert und Erwartungen auf eine Attacke ihres Kapitäns Felix Gall geweckt. Die konnte allein Vingegaard mitgehen, der den 28jährigen Österreicher auf dem Schlusskilometer hinter sich ließ – nachdem als letzter Ausreißer Giulio Ciccone (Lidl – Trek) überholt war, der auf einen Etappenerfolg hinarbeitet, seit er einen Tag in Rosa gefahren ist.

Gall, der 2025 Tourfünfter war, ist weniger explosiv als Vingegaard und auch im Zeitfahren klar unterlegen, weshalb kaum vorstellbar ist, wie ihm ein Gesamtsieg glücken sollte. Allerdings hat er schon am Freitag bewiesen, dass er unter den wenigen hochkarätigen Klassementfahrern beim diesjährigen Giro der zweitbeste Kletterer ist. Auf dieser längsten Etappe kam er nur dreizehn Sekunden hinter Vingegaard in den Zielort Blockhaus, nachdem er fünf Kilometer zuvor nicht einmal versucht hatte, dessen siegreichen Angriff zu parieren, sondern souverän sein Tempo beibehalten hatte. Tagesdritter war Jai Hindley, nachdem sein junger italienischer Kollege Pellizzari sich beim Versuch überhoben hatte, mit dem Topfavoriten mitzuhalten. Da zeichnete sich bereits ab, dass bei Red Bull – Bora – Hansgrohe die zunächst geteilte Kapitänsrolle bald vom 30jährigen Australier allein ausgefüllt würde. Hindley, der Giro-Sieger von 2022, hat aktuell zwei Minuten Rückstand auf Vingegaard sowie anderthalb auf Gall.

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Noch trägt freilich Afonso Eulálio (Bahrain – ­Victorious) das rosa Trikot, das er am Mittwoch erobert hat, indem er sich auf hügeligem Terrain einer Ausreißergruppe anschloss. An einem von sintflutartigem Regen und Kälte geprägten Tag hatte der 24jährige Portugiese im Finale ebenso für Slapstick gesorgt wie der siegreiche Igor Arrieta (UAE Team Emirates – XRG). Der ein Jahr jüngere Spanier rutschte in einer Kurve aus und verschaffte dem einzig übrig gebliebenen Begleiter einen vielversprechenden Vorsprung, den Eulálio durch einen eigenen Ausrutscher verspielte. Dann versteuerte sich Arrieta bei einer Abzweigung, woraufhin dem Konkurrenten der Sieg erst recht sicher schien – bis ihn auf den letzten 150 Metern in Potenza alle Kräfte verließen. Um so beeindruckender war jedoch, dass Eulálio, der noch keinen Profisieg vorzuweisen hat, am Sonntag fünfter wurde. Plötzlich ist denkbar, dass dem »worker man«, wie er sich in gebrochenem Englisch wegen gewohnter Helferaufgaben nannte, ein abschließender Top-ten-Platz sowie der Gewinn der Nachwuchswertung gelingen mag.

Dass Arrieta ein Ausreißersieg möglich war, ist indes bezeichnend dafür, dass seine Mannschaft nach dem sturzbedingten Ausscheiden dreier Fahrer jede Ambition auf die Top ten aufgegeben hat. So hatte der Kollege Jhonatan Narváez am Dienstag Gelegenheit, sich aus einer Gruppe einen Sprintsieg zu sichern, dem der 29jährige Ecuadorianer am Sonnabend – nach einer ebenso rasanten und turbulenten Etappe – als übrig gebliebener Ausreißer einen Solosieg hinzufügte. Dass es am Donnerstag in Neapel nicht zu dem Sprint Royal kam, den der Veranstalter offenbar wollte, hatte dieser sich wiederum selbst eingebrockt: Zwecks Dramatik hatte er in den Schlusskilometer eine Kehre eingebaut, die auf Kopfsteinpflaster fast 180 Grad umspannte. Dort löste Dylan Groenewegen (Unibet Rose Rockets), indem er seinen Anfahrer das Risiko übertrieben ließ, einen Sturz aus, dem nur zwei Anfahrer von Konkurrenzteams entkamen. So errang der 31jährige Italiener Davide Ballerini (XDS Astana Team) im Zweiersprint unverhofft seinen größten Karrieresieg. Paul Magnier (Soudal Quick-Step) wurde schließlich, obwohl vom Sturz behindert, dritter und bekräftigte damit seine Führung in der Punktewertung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.05.2026, Seite 16, Sport

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