Ein paar Neidfalten mehr
Deep Purple dürfen auf »Splat!« noch einmal Deep Purple sein
Als ich mich selber noch für einen talentierten Gitarristen hielt, das ist mittlerweile vierzig Jahre her, fuhren die Band und ich nach Frankfurt am Main zur Musikermesse, weil ich hoffte, dort mit Eddie Van Halen zu jammen. Schließlich las man ständig in Musikermagazinen, dass er keine Gelegenheit ausließ, sich mit hoffnungsvollen Gitarrenhelden zu messen. Wir bekamen schon Schwierigkeiten beim Einlass, weil wir am Freitag anreisten und der Mann am Schalter uns nicht glaubte, dass wir Vollprofis waren. »Einlass für Laienpublikum erst am Sonntag!«
Ich zeigte ihm meine Hornhaut an den Fingern, aber er schüttelte seinen Trotzkopf. »Hat mein Vater auch, der ist Maurer!« Da drängelte sich Knüppel, unser Schlagzeuger, also auch so eine Art Maurer, nach vorne und meinte: »Sag noch einmal Laie, und ich zünde dich an!« Vielleicht lag es auch an dem Schein, den Knüppel ihm zuschob, jedenfalls durften wir jetzt eintreten.
Eddie ließ sich natürlich nicht blicken, er stand auf irgendeiner US-Stadionbühne und trank schwarzen Tee aus Jack-Daniels-Flaschen, aber immerhin – und darum erzähle ich das hier alles so ausführlich – Steve Morse war da.
Wir kannten ihn nicht, aber am Stand der Gitarrenfirma Music Man hing ein Plakat, das auf die Session mit ihm, Albert Lee und ein paar anderen Extrakönnern hinwies. Wir grabbelten also noch eine Weile edel gewirkte Instrumente an, die wir uns nie würden leisten können, und kamen viel zu früh zur provisorischen Klubbühne, um einen guten Platz zu ergattern. Die ersten zwanzig Reihen standen da schon wie eine Eins. Schließlich klinkte Morse sein neues Music-Man-Signature-Modell ein, und etwa 99,9 Prozent des Publikums, eigentlich alle außer Albert Lee, gingen an diesem Abend mit richtig mieser Laune ins Bett. Morse spielte sich in einer guten Dreiviertelstunde durch diverse Genres, Country, Blues, Jazz, Funk und Hard Rock, und legte dabei eine solche Beschleunigung an den Tag, dass man sich eine dieser »Matrix«-Zeitlupen gewünscht hätte, wo die Luft zu Gelee wird. Aber die gab es ja damals noch nicht.
Morse ist einer dieser Alleskönner, der trotzdem einen ureigenen Style besitzt und auf der Bühne sogar noch an Explosivität und Suggestivkraft gewinnt, weil man hier sieht, wie scheißschwierig das ist, und wie unsäglich mühelos er es vom Brett putzt. Nachdem der erste neidgelbe Missmut verdampft war, spielte er sich allmählich in unsere Herzen. Wir hörten die Alben seiner Fusion-Truppe Dixie Dregs nach, die seiner Soloband, noch dazu modelte er gerade erfolgreich die Zupfgeigenhansels von Kansas zu einer veritablen Hard Rock-Band um. Tja, und irgendwann stieg er bei Deep Purple ein. Hier gelang ihm vielleicht sein größtes Kunststück, ich habe es selbst erlebt: nämlich »Smoke on the Water« noch einmal zum Leben zu erwecken.
Als er vor ein paar Jahren aussteigen musste, um seine schwerkranke Frau zu pflegen, und die Band sich mit dem im Vergleich eher konventionellen Rockgitarristen Simon McBride behalf, beäugten nicht nur Morse-Jünger wie ich diesen Tausch mit Argwohn. Und ehrlich gesagt belastete er nicht unwesentlich mein Verhältnis zu »=1«, dem ersten Album ohne ihn. Das ist bei »Splat!« durchaus anders. Einmal mehr leben die Songs von Ian Gillans reifer Stimme, die vielleicht in den hohen Registern nicht mehr ganz so leistungsfähig ist wie in den Siebzigern, aber diese Verluste mit Wärme und Würde kompensiert. Spieltechnisch kann man ihnen ohnehin nicht an den Karren fahren, die Band läuft mal wieder rund. Ian Paice swingt sich immer noch mit erstaunlicher Lockerheit durchs Set, und Roger Glovers Bass steckt das Feld ab, auf dem sich die beiden Solisten die Bälle zuwerfen. McBride hat ein paar großartige Momente, in denen er nicht nur mit vielen Noten jongliert, sondern den Kompositionen auch melodisch noch etwas hinzufügt. Vor allem jedoch harmoniert er auf kongeniale Weise mit dem anderen Ersatzmann Don Airey, der im Blues, Boogie-Woogie, Jazz und in der Neoklassik gleichermaßen zu Hause ist. »Diablo« zum Beispiel enthält furiose Orgel- und Leadgitarrenduelle, die der Muckerpolizei ein paar weitere Neidfalten auf die Stirn zaubern.
Doch Deep Purple fallen eben auch immer noch Songs ein, die mehr sind als Vorlagen für geschmackvolle Solokunststückchen. Schon der Opener »Arrogant Boy« überzeugt mit seiner mühsam gebändigten Energie und feinen Harmonien, zu denen Ian Gillan eine seiner augenzwinkernden Geschichten erzählt – vom ungebildeten, geschmacklosen, aber gewitzten Gernegroß Billy, der schließlich zu einer Berühmtheit wird, weil er die »Elite« mit seiner Frechheit an der Nase herumführt.
Gillan war immer schon ein talentierter Rhapsode, der aus persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen und den entsprechenden semantischen Leerstellen kleine Poeme fügt, die man auch als Parabeln lesen kann. »The Only Horse in Town« etwa ist eine anrührende Meditation über das Altsein. Gillans Protagonist checkt in einem Nobelhotel ein, er bekommt die Präsidentensuite, hat es also endlich geschafft. Einen Haken hat das Ganze: Der Ort ist ausgestorben, nur einen altersschwachen Klepper haben sie ihm dagelassen. Mit dem immerhin versteht er sich prächtig. »Now the cold wind’s blowing somewhere else / We be safe and sound / In the last place on the earth for me / And the only horse in town.« Schöner kann man das kaum singen.
Aber auch dem Satiriker hört man immer noch gern zu. Im ausgelassen federnden Shuffle »Jessica’s Bra« wird ihm ein simpler Verschreiber über einer Bar zum Anlass für eine stark alkoholisierte, über die Stränge schlagende, beinahe Grand-Guignol-mäßige Kneispenszene, die Airey im Solo mit einem stilechten Barroom-Piano veredelt. Und bei »The Rider« mokiert sich Gillan über den infantilen Rockstar-Bullshit, der sich nicht zuletzt in irrwitzigen Catering-Forderungen manifestiert. Das ist alles sattsam bekannt, M & M’s ohne die braunen etc., aber er presst dem Stereotyp eben doch noch ein paar verspielte Verse ab. »Woe is me / I’ll let you know when I’m ready to sing / I can’t exist /Can’t do my thing / Without a brace of / Super hot psychologists / Cover my back / With a sincere apologist / And where’s the Dom? / I know I wrote it in the rider«. Und das aufreizend affektierte Getänzel der Band mit mindestens einem abgespreizten kleinen Finger liefert den passenden musikalischen Gegenwert dazu.
Ein Wort noch zum Großproduzenten Bob Ezrin. Die Kollaboration mit ihm geht nun schon in die fünfte Runde, und immer noch hat er sie nicht als Rock-Operette inszeniert. Offenbar bietet ihm die Band musikalisch genügend Raffinesse, dass er gar nicht in Versuchung kommt, sie im Bombast zu ersticken wie einst KISS oder Alice Cooper. Er sorgt für gute Stimmung bei den Aufnahmen, achtet darauf, dass keiner falsch spielt, und wenn, dann muss es schon Absicht sein, sucht die besten Songs heraus und lässt sie ansonsten einfach Deep Purple sein. Mehr kann man kaum verlangen. Naja, vielleicht doch noch etwas. Dass er Steve Morse wieder zurückholt.
→ Deep Purple: »Splat!« (earMUSIC)
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