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Lyrische Hausapotheke

Sechsundsechzig Zeilen

Von

Dieses Gedicht ist

friedlich wie ein

Regenwurm, harmlos

wie ein Feuerstein,

bescheiden wie der

Morgentau im Gras.

Das Gedicht nötigt

niemanden zu irgend-

etwas, schon gar nicht

mit Geld. Dieses

Gedicht erwartet

keine Zustimmung

und setzt kein Wort

auf den Index. Es tippt

nicht mit sechsfingriger

Hand Schwachsinn in

die Tastatur. In diesem

Gedicht brennen keine

Bücher, keine Kranken-

häuser werden gesprengt,

keine Brunnen vergiftet,

keine Landstriche mit

weißem Phosphor ver-

Anzeige

seucht. Dieses Gedicht

löst keine ferngesteuerten

Tötungen aus. Hier wird

kein Knopf gedrückt, um

eine Hochzeitsgesellschaft

in die Luft zu jagen. In

dieser Zeile wird niemand

auf der Flucht erschossen,

kein Leib wird von Granaten

zerfetzt, kein Genital wird

verstümmelt, keine Hand

abgehackt, kein Schädel

zertrümmert. Hier wird

keine Munition gehortet,

keine Mine gelegt, kein

Krieg erklärt und auch

kein unerklärter Krieg

begonnen. Kein Mensch

wird geopfert, kein Hund

erschlagen, keine Katze

ertränkt. Niemand wird

zum Hass erzogen, mit

Liebesentzug bedroht

oder einfach auf die

Straße gesetzt.

Diese Verse sind

frei von Asbest, Mikro-

plastik und radioaktiver

Strahlung. Kein saurer

Regen fällt, keine

Gletscher schmelzen,

kein Korallenriff stirbt.

In diesem Gedicht

geht kein Kind

hungrig schlafen.

Dieses Gedicht ist

friedlich wie ein

Regenwurm, harm-

los wie ein Feuerstein,

bescheiden wie der

Morgentau im Gras

und hört hier

einfach auf.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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