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Sportliteratur

Die Rache der Nerds

Wie die Zahlen helfen, den Fußball zu analysieren oder auch nicht: Tobias Escher schreibt »Die Zukunft des Fußballs«

Foto: Jaimi Joy/Reuters
Was meinen wir überhaupt, wenn wir von Daten im Fußball sprechen? (West Ham United gegen Newcastle United, London, 2.11.2025)

Tobias Eschers »Die Zukunft des Fußballs. Wie KI und Big Data den Fußball verändern« ist das langweiligste Buch, das ich je gelesen habe. Oder so: Mir war noch nie beim Lesen eines Buches so langweilig. Ich nehme die Verantwortung gerne auf mich, schließlich kann ich mit Daten wenig anfangen.

Warum rezensiere ich das Buch überhaupt? Berechtigte Frage. Die Antwort beginnt mit Neugierde und endet mit Pflichtbewusstsein. Außerdem las ich irgendwann, dass Michael Gregoritsch ein unterschätzter Spieler sei, denn seine Daten seien hervorragend. Als Österreicher freute mich das.

Worum geht es in Eschers Buch? Er selbst formuliert das so: »Dieses Buch soll einen Überblick geben über all das, was wir mit Hilfe von Daten über den Fußball lernen können.« Glaubt man ihm, ist das jede Menge. Und tatsächlich: Die Zeiten, in denen »Laptoptrainer« belächelt wurden, sind vorbei. Spinnennetzdiagramme, die die Leistungen von Spielern vergleichen, sind so schick, dass man sie gar nicht erst verstehen muss.

Ich hatte freilich gehofft, dass sich mir durch die Lektüre des Buches Begriffe erschließen, die von Fußballfachleuten heutzutage ganz selbstverständlich verwendet werden. Der Expected-Goals-Wert zum Beispiel. Fehlanzeige. Vom Begreifen eines »Expected-Threat-Werts«, des »Packing-Modells« oder der »actionable insights« ganz zu schweigen. Leser mit entsprechenden Veranlagungen sollten jedoch viel lernen können. Escher wirkt kompetent. Mir bleiben zumindest profane Informationen: Max Kruse weigerte sich, eine GPS-Weste zu tragen? Guter Mann.

Ein Versuch von Metakritik, da mir ansonsten wenig übrigbleibt: Wenn es nun stimmt, dass KI und Big Data immer ausschlaggebender für den Erfolg von Fußballvereinen sind, wird dann die Schere zwischen Arm und Reich im Fußball noch größer? Ordentliche Analysen kosten Geld. Es bedarf entsprechender Software und Menschen (oder Maschinen), die sie anwenden können. Die großen Vereine optimieren sich weiter, die kleinen dümpeln vor sich hin.

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Außerdem: Raubt die Fixierung auf Daten dem Fußballsport seinen Reiz? Wollen wir, dass alles vorhersagbar wird? Kann, wer gegen den VAR ist, für KI im Fußball sein? Oder ist alles einfach überbewertet? Der Journalist Christoph Biermann schrieb mit »Die Tabelle lügt immer« ebenfalls ein Buch zur Datenrevolution im Fußball, räumt dem Prinzip Zufall jedoch einen großen Stellenwert ein. Ein Hoffnungsschimmer?

Kein Hoffnungsschimmer ist, dass die beiden englischen Klubs, die Escher in seinem Buch als Paradebeispiel für den Erfolg des Datenfußballs anführt, nämlich FC Brentford und Brighton & Hove Albion, in den Händen von Eigentümern sind, die ihre Millionen mit Sportwetten verdient haben. Dafür wendeten sie Daten an, und nun scheint dasselbe Prinzip auch im Sport zum Erfolg zu führen. Deprimierend.

Ebenso deprimierend, wenn Escher erklärt, dass die einzigen beiden der in den letzten 20 Jahren erfundenen Statistiken, die mir wertvoll erscheinen, nämlich Ballbesitz und Zweikampfquoten, für den Ausgang eines Spiels praktisch bedeutungslos sind. Na bravo. Und ausgerechnet Daten, die mir interessant erscheinen, werden in Eschers Buch nicht erklärt. So verdeutlicht eine Graphik, dass die Anzahl der Fernschüsse in der Bundesliga seit 2010 stetig abnimmt. Mit einer Ausnahme: In der Saison 2013/14 gab es plötzlich einen Peak, bevor die Kurve wieder rasch nach unten ging. Warum? Was brachte die Spieler in genau jener Saison dazu, auch aus 30 Metern mal ordentlich draufzuhalten? Ich werde es vielleicht nie wissen.

Ansonsten erwischte ich mich bei Gedankenspielereien. Zum Beispiel: Vielleicht hätten Daten mir als Jugendlicher geholfen. Schließlich stand ich von der U15 bis zur U21 in sämtlichen Tiroler Landesauswahlen zwischen den Pfosten. In ein Jugendnationalteam wurde ich jedoch nie berufen, obwohl ich mir mehrmals einbildete, nahe dran zu sein. Hätten mich die Trainer übersehen dürfen, wenn mein Post-Shot-Expected-­Goals-Wert famos gewesen wäre? Das werde ich bestimmt nie wissen.

Escher suggeriert, dass einen die Daten immer einholen. Spät im Buch wird der Begriff des »taktischen Kontexts« eingeführt. Er erklärt beispielsweise, warum ein Spieler, der in einem Verein vorzügliche Daten aufzuweisen hat, in einem anderen Verein versagen kann. »Eben«, denkt man, »alles können die Daten nicht erklären.« Doch dann stellt Escher trocken fest: »Ein Spieler, der in einem Ballbesitzteam unzählige Pässe spielt, wird dies in einem Team mit weniger Ballbesitz kaum können. Die Daten müssen also angepasst und unterschiedlich gewichtet werden, damit sie zum neuen Team passen. Auch dies lässt sich mit Hilfe von Datenmodellen bewerkstelligen.«

Der Prolog von Eschers Buch trägt den Titel »Wie die Nerds den Fußball erobern.« Der erste Satz des Prologs lautet: »Die Nerds haben gewonnen.« Ein Fußballbuch als Revival von »Revenge of the Nerds« (»Die Rache der Eierköpfe«, Jeff Kanew, 1984) dem B-Movie-Hit der 1980er? Escher endet entsprechend: »Nur wer bereit ist, seine Annahmen auch zu hinterfragen, kann aus Zahlen einen Nutzen ziehen.« Nüchtern. Nerdy. Tut es dem Fußball gut? Das wird sich erweisen.

→ Tobias Escher: Die Zukunft des Fußballs. Wie KI und Big Data den Fußball verändern. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026, 272 Seiten, 15 Euro

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.05.2026, Seite 16, Sport

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